Im Spiel wie im Leben


Frank Martinus Arion erzählt in Doppeltes Spiel eine ebenso einnehmende wie unterhaltsame Geschichte über sechs Menschen aus Curaçao. Mit seinem Roman liefert er aufschlussreiche Einblicke in die gesellschaftlichen Realitäten auf den Inseln in der Karibik.

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Ein Sonntag auf der Karibikinsel Curaçao. Vier Männer sind verabredet zum Dominospielen. Es ist ein festes Ritual: Jedes Wochenende treffen sie sich und spielen in Zweierteams gegeneinander, bis ein Team eine bestimmte Anzahl von Partien gewonnen hat. Dabei trinken sie Rum, streiten über die Politik im zu den Niederlanden gehörenden Inselstaat, prahlen über angebliche Erfolge und tratschen über gemeinsame Bekannte. So weit nichts Ungewöhnliches, ist das Dominospiel doch soziales Schmiermittel und so etwas wie ein Nationalsport, speziell unter den People of Color auf Curaçao.

An diesem Sonntag ist jedoch nichts wie gewöhnlich. Zwischen den Spielern brechen längst bestehende, aber bislang unter der Decke gehaltene Konflikte auf, die Ehefrauen von zweien wagen den Ausbruch aus ihren vertrackten Alltagsleben, und schließlich endet der Tag mit zwei Todesfällen.

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Covermotiv: Von einer Mauer in Willemstad, Curaçao; Street Artist: Jhomar Loaiza, jhomarloaiza.com; Fotograf: Michael Prophet

Frank Martinus Arion, geboren 1936 auf Curaçao, erzählt in Doppeltes Spiel vom Leben auf einer Insel, die man im deutschsprachigen Raum allenfalls als Zwischenstopp auf einer Karibikkreuzfahrt kennt. Leser:innen des niederländischen Originals dürften mehr Hintergrundwissen besitzen, zumal der Klassiker dort auch zum Lesekanon in den Schulen gehört. Und immerhin war Curaçao seit dem 17. Jahrhundert ein Stützpunkt der Westindien-Kompanie, die den Handel – auch den Sklavenhandel – zwischen den Niederlanden, Westafrika und Amerika organisierte. Als Kolonialmacht herrschten die Niederlande über mehrere Karibikinseln, bis diese 2010 abgestufte Grade von Unabhängigkeit erlangten. Bis heute sind politischer Einfluss und wirtschaftliche Macht jedoch extrem ungleich verteilt. Was müsste beispielsweise passieren, fragen sich die 95 Prozent nicht-weißen Einwohner von Curaçao, ehe einer von ihnen Geschäftsführer des Öl-Multis Shell würde und einen weißen Europäer ablösen könnte?

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Arion lässt die Kolonisatoren als Romanakteure allerdings außen vor und konzentriert sich auf unterhaltsame Weise ganz auf die Einheimischen. Als einer von ihnen ist er bestens in der Lage, typische Verhaltensweisen mit großer Kenntnis und gleichzeitig mit Empathie zu zeichnen. Seine Kritik an den Verhältnissen ist immer verknüpft mit scharfem Witz, etwa wenn er die männlichen Romanhelden erst hochtrabende Pläne schmieden lässt, ehe sie kurz darauf offenbaren, wie sie wirklich sind: latent unentschlossen und niedergeschlagen. Aus einem Geflecht kleiner Konflikte entsteht in Doppeltes Spiel ein breites, vielschichtiges und dabei einnehmendes Bild der antillischen Gesellschaft, wie man es in Romanform kaum ein zweites Mal findet.

Sechs Figuren stehen im Mittelpunkt: Der Gerichtsdiener Manchi Sanantonio wünscht sich, so zu sein wie die ehrbaren Richter, denen er regelmäßig begegnet. Er strebt nach oben, lebt mit der in Europa ausgebildeten Lehrerin Solema in einem prachtvollen Haus. Ihre Ehe ist jedoch fast am Ende, und Manchi lässt Solema seine Verachtung jeden Tag spüren. Der Taxifahrer Bubu Fiel möchte derweil Chef der Fahrervereinigung werden und damit ein festes Einkommen erzielen. Bisher versäuft er den Verdienst meistens. Seine Frau Nora muss zusehen, wie sie das Geld für Kleidung und Schuhe der Kinder zusammenbekommt. Sie pumpt Nachbarn an, und manchmal bezahlt sie dafür mit einer sexuellen Gefälligkeit.

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Der Alltagskummer lässt Solema und Nora erwägen, ob die beiden anderen Dominospieler eine bessere Partie sind. Vielleicht Janchi Pau, der in der Shell-Raffinerie gutes Geld verdient, aber einen Ruf als Frauenheld hat. Oder Chamon Nicolas, der einmal wegen Diebstahls von Baumaterial verurteilt wurde. So sehr das sonntägliche Spiel diese Figuren miteinander verbindet, wird schnell deutlich, dass sie keine eingeschworene Gemeinschaft sind. Ganz im Gegenteil: Alle wollen aus dem Alltag ausbrechen und haben Ideen entwickelt, wie das gelingen könnte. Abhängig davon, wer sich mit wem zu einem Team verbündet, im Spiel wie im Leben, ergibt dies eine Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten. Mal ergänzen und verstärken sich die Lösungswege, mal führt eine Strategie in die Sackgasse.

Die Spielsteine des karibischen Domino besitzen auf jeder Seite bis zu sechs Augen – so viele, wie der Roman Protagonisten hat. Ein wahres Aha-Erlebnis entsteht beim Lesen, wenn man merkt, dass das Regelwerk des Spiels ein wunderbares literarisches Motiv ist. Je nachdem, welche Seite des Steins an welcher Seite der Domino-Schlange angelegt wird, entstehen in Arions Roman immer neue Situationen, unerprobte zwischenmenschliche oder spielerische Konstellationen und – wenn sich der Spielzug als ungünstig herausstellt – bedrohliche Konflikte, die schließlich in die Katastrophe führen.

 

Thomas Völkner ist freier Journalist für Hörfunk und Printmedien. Er gestaltet unter anderem eine Literatursendung beim Hamburger Lokalradio.


Der Autor

Frank Martinus Arion (1936–2015), geboren auf Curaçao, siedelte 1955 nach Leiden über und studierte und arbeitete dort am Institut für Niederlandistik. Ab 1981 lebte er wieder auf seiner Heimatinsel, wo er mit einer Arbeit über die Ursprünge der Papiamentu-Sprache promovierte. Doppeltes Spiel ist sein Debütroman und zählt zu den Klassikern der Literatur in niederländischer Sprache. 2017 wurde dieser von Ernest Dickerson (u. a. The Wire) verfilmt. In seinen Romanen, Erzählungen, Gedichten und Essays reflektierte Arion die Themen Kolonialismus und Diskriminierung.


Die Übersetzerin

Lisa Mensing, geboren 1989, lebt und arbeitet in Münster als Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin. Sie hat in Münster und Utrecht Germanistik, Interdisziplinäre Niederlandistik und Literarisches Übersetzen studiert und übersetzt Prosa, Poesie und Theaterstücke aus dem Niederländischen.


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