Auf dem Fluss der Erinnerung
In Die Rheinreise erzählt die US-amerikanische Autorin Ann Schlee von der Mittfünfzigerin Charlotte, die nach der Begegnung mit einem fremden Mann ihr ganzes Leben infrage stellt, das von der Abhängigkeit von anderen Menschen geprägt ist. Der Roman von 1981 ist eine großartige Wiederentdeckung.

Wir schreiben das Jahr 1851. Europa verarbeitet noch immer die umfassenden Arbeiterrevolutionen, die 1848 und 1849 unter anderem Deutschland, Österreich und Frankreich auf den Kopf gestellt hatten. Mitten in diesen Nachwehen politischer und gesellschaftlicher Umbrüche bricht die Familie Morrison in Ann Schlees Roman Die Rheinreise aus ihrer englischen Heimat zu einer Dampferfahrt entlang des Rheins durch Deutschland auf. Reverend Charles Morrison, der mit Ehefrau Marion und Teenagertochter Elli reist, erhofft sich, auf dieser Fahrt durch das katholische Rheinland neue Anhänger:innen für den protestantischen Glauben zu finden. Auch seine Schwester Charlotte begleitet ihn: Sie ist Mitte fünfzig, unverheiratet und erfüllt für ihn die praktische Doppelrolle als Gouvernante von Elli und Gesellschafterin für die ewig kränkliche Marion.
Wer sie sein und wo sie wohnen würde, musste noch beschlossen werden. Sie war nicht sie selbst. Der Anblick dieses Gesichtes auf dem Anleger hatte sie tief erschüttert, denn was war sie für ihn und was war er, ein völlig Fremder, für sie?
Doch als Charlotte am Hafen in Koblenz einen Mann erblickt, der sie an eine unerfüllte Liebe erinnert, beginnt ihr Selbstbild zu bröckeln. Ihr Bruder hatte der gewünschten Ehe damals nicht zugestimmt und Charlotte daraufhin jahrzehntelang als Haushälterin bei einem allein stehenden Mann arbeiten lassen. Nach dessen Tod erbte sie eine kleine Summe Geld, die es ihr nun theoretisch ermöglichen würde, endlich ein selbstbestimmtes Leben in einem kleinen Cottage zu führen. Doch kann sie das – und will sie das überhaupt?

Parallel zur Reise von Koblenz über Bonn nach Köln mit Abstecher auf den Drachenfels in Königswinter unternimmt Charlotte auch eine Reise in verschüttete Erinnerungen und Bedürfnisse. Der fremde Mann, der mit seiner Familie derselben Route folgt wie die Morrisons, wird für sie zu einer Obsession, die sie bis in ihre Träume verfolgt. Immer häufiger lehnt sie sich gegen die Bevormundung durch ihren Bruder und dessen Frau auf. Als sich ihre Schwägerin mit der Familie des Mannes anfreundet, kann Charlotte ihre emotionale Bedrängnis nicht mehr länger unterdrücken. Im Schatten des – noch unfertigen – Kölner Doms trifft sie eine Entscheidung.

Die Rheinreise von Ann Schlee, jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt, ist nichts weniger als großartige Literatur. Wer den Text liest, ohne sich zuvor über die Autorin informiert zu haben, wird es kaum glauben: Der Roman, dessen Schreibstil jenem von viktorianischen Autorinnen und Autoren wie Henry James oder George Eliot in nichts nachsteht, erschien nämlich erst im Jahr 1981. Schlee, die 1934 in Connecticut geboren wurde und 2023 verstarb, schrieb zahlreiche Kinderbücher, bevor sie mit Die Rheinreise direkt auf der Shortlist für den Booker Prize 1981 landete.

Mit einem überragenden Gespür für die damaligen Sitten sowie den von Spannungen geprägten Umgangston zwischen den verschiedenen Nationen zieht Ann Schlee ihre Leserinnen und Leser von der ersten Seite an in die Szenerie hinein, die vertraut wirkt, letztendlich aber eine völlig andere Welt zeigt. Dabei macht sie nicht den Fehler, Charlotte – die natürlich sehr stark vom moralischen Korsett ihrer Zeit eingeengt ist – durch die feministische Brille des 20. Jahrhunderts zu betrachten und sie Entscheidungen treffen zu lassen, die für eine Frau Mitte des 19. Jahrhunderts unglaubhaft gewesen wären. So wird Die Rheinreise zu einem sensibel nachempfundenen Porträt einer weiblichen Selbstermächtigung in einer längst vergangenen Epoche, das es dringend zu entdecken gilt.
Julia Schmitz arbeitet als Journalistin und Autorin in Berlin. Bücher sind für sie ein Grundnahrungsmittel.
Die Autorin
Ann Schlee (1934 –2023), geboren in Connecticut, verbrachte Teile ihrer Kindheit in Ägypten, Eritrea und im Sudan. Sie schrieb Kinderbücher, ehe 1980 mit Die Rheinreise ihr erster Roman für Erwachsene erschien. Der Roman stand im Jahr darauf auf der Shortlist des Booker Prize.
Der Übersetzer
Werner Löcher-Lawrence, geboren 1956, ist als literarischer Agent und Übersetzer tätig. Er übertrug u. a. Meg Wolitzer, Benjamin Myers, Nathan Hill, Benjamin Wood und Hilary Mantel ins Deutsche.