Quelle-Arbeit
In Das gute Leben erkundet Nadine Schneider eindringlich die Brüche im Leben von drei Generationen Frauen und spannt dabei einen Bogen, der vom Rumänien der Nachkriegszeit bis ins Franken der Gegenwart reicht. Nebenbei erzählt sie auch ein prägendes Kapitel bundesrepublikanischer Wirtschaftsgeschichte.

Wer kennt sie nicht von früher, die umfangreichen Quelle-Kataloge, die zweimal im Jahr erschienen und landauf, landab studiert wurden. Sie brachten einen Hauch der großen Welt in die heimischen Wohnzimmer, schließlich konnte man damit lange vor dem Internet-Handel schon Mode, Technik und Co. bequem per Telefon oder Karte nach Hause bestellen.
Doch das ist lange her. Der Verlust des Versandhauses prägt bis heute das Nürnberger Stadtbild im Westen, wo sich einst die Zentrale des Konzerns befand. Auch Anni, eine der Protagonistinnen von Nadine Schneiders drittem Roman Das gute Leben, hat diesen Verlust am eigenen Leib erfahren.

Kurz lege ich die Hand an den groben Putz des Hauses, die Mauer noch warm von der Nachmittagssonne, und atme aus. Es ist niemand hier, sage ich mir, keiner ist mehr da.
Zwei Jahre vor ihrem Renteneintritt wurde ihr im kriselnden Versandhaus gekündigt. Nur eine von mehreren Zäsuren, die sie zeitlebens erfahren musste.
Nun ist Anni verstorben und hat ihrer Enkelin Christina ihr Haus bei Nürnberg vermacht. Die junge Frau kehrt zurück an den Ort, an dem sie eine prägende Zeit ihrer Kindheit verbrachte, von dem sie sich in der Zwischenzeit aber reichlich weit entfernt hat. Und so taucht Christina noch einmal tief in ihre eigene Familiengeschichte ein, die im Haus in allen Ecken lauert.
Während sich Christina ihren eigenen Erinnerungen stellt, lernen wir im zweiten Erzählstrang des Romans Anni als junge Frau kennen. Diese wagte damals einen immensen Sprung, indem sie ihre Familie im von Diktator Nicolae Ceaușescu regierten Rumänien zurückließ und zusammen mit ihrer Tochter Helene, Christinas Mutter, ins Franken der Wirtschaftswunderzeit übersiedelte. Dort erhoffte sie sich jenes gute Leben, das die kommunistische Enge Rumäniens ihr nicht bieten konnte.
Was sie fand, das war ein Auskommen am Quelle-Fließband und ein Stück eigene Freiheit in Form ihres Hauses, das nun in den Besitz ihrer Enkelin übergegangen ist.

Nadine Schneider, die im Jahr 2021 beim renommierten Ingeborg Bachmann-Preis las und die sich seit ihrem Debütroman Drei Kilometer immer wieder rumänisch-deutschen Familiengeschichten widmet, greift auch in Das gute Leben dieses Thema auf. Sie beschreibt die Verluste, die alle Frauen in der Familie auf ganz unterschiedliche Weise erlitten. Mal ist es die Heimat, dann der Arbeitsplatz oder die Bindung zur eigenen Mutter, die die Frauen aufgeben mussten.
Einfühlsam und behutsam schildert die Autorin, wie die Leben der Frauen unverhoffte Wendungen nahmen und wie alles in jenen Spätsommertagen vor den Toren Nürnbergs doch wieder zusammenfindet. Geschickt verwebt die talentierte Autorin Zeitebenen und Generationen miteinander und verschränkt Wirtschaftsgeschichte mit privaten Schicksalen.

Das gute Leben zeigt mit Anni, Helene und Christina Frauen, die gegen den Strom schwimmen und schwammen und die doch trotz aller Unterschiede auch vieles eint. Damit gelingt Nadine Schneider ein staunenswertes Stück Literatur, das bei der Lektüre auch anders auf die eigenen familiären Brüche blicken lässt!
Marius Müller blätterte als Kind selbst emsig in Quelle-Katalogen und freut sich nicht nur als Franke über die Würdigung dieses Kapitels lokaler Wirtschaftsgeschichte. Auf seinem Blog buch-haltung.com schreibt der Bibliothekar über seine Lektüre.
Die Autorin
Nadine Schneider, geboren 1990 in Nürnberg, stammt aus einer rumäniendeutschen Familie. Sie studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin. Ihr erster Roman Drei Kilometer wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis der Stadt Fulda. 2021 las sie beim Ingeborg-Bachmann-Preis. Nadine Schneider lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Nürnberg.