Die Bundesrepublik erfindet sich
Eine junge Nation im Um- und Aufbruch: In Wunderland beleuchtet der mehrfach prämierte Autor Harald Jähner Westdeutschland zwischen 1955 und 1967: eine sich rasant verändernde, sehr widersprüchliche Gesellschaft, die den Holocaust verdrängt, neues Selbstbewusstsein gewinnt, den Massenkonsum entdeckt, Frauen unterjocht und die Beatles feiert.

Über die Politik der Nachkriegszeit wurde viel geschrieben, das politische Geschehen in der Bundesrepublik, der DDR und der ganzen Welt wurde genauestens unter die Lupe genommen und aus allen Positionen betrachtet. Doch fern der großen Ereignisse stellen sich Fragen: Wie sah das Leben der „normalen“ Menschen aus, was beeinflusste und bestimmte ihren Alltag? Diese Lücke schließt der renommierte Journalist Harald Jähner. In seinen Büchern Höhenrausch und Wolfszeit betrachtete er die Gesellschaft und Kultur (und ja, auch die Politik) der Zwischenkriegsjahre beziehungsweise der unmittelbaren Nachkriegszeit (für Wolfszeit wurde er mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019 ausgezeichnet), jetzt legt er mit Wunderland nach.

Zu Beginn dieses hier erzählten langen Jahrzehnts trugen fast alle Männer Hüte, am Ende kaum noch einer.
Wunder, das bezieht sich natürlich auf das sogenannte Wirtschaftswunder zwischen den Jahren 1955 und 1967. Diese Zeitspanne zeichnet aber viel mehr aus als nur ein enormes Wirtschaftswachstum, steigender materieller Wohlstand und dann, ab Mitte der 1960er-Jahre, zahlreiche Umbrüche, angestoßen von Jugendbewegungen. Es ist vor allem die Zeit, in der sich die Bundesrepublik konsolidiert und eine eigene Identität findet. Bis dato war in Westdeutschland ein großes Vakuum verspürt worden, es war ein „Land ohne Idee“. Man duckte sich vor der Welt weg, hatte aber insgeheim das Bedürfnis, wieder wer zu sein, und wurde dies schließlich auch mit Unterstützung der USA, die den neuen Feind im Osten witterten.

Für die westdeutsche Bevölkerung spielte der Kalte Krieg fern der innerdeutschen Grenze eine eher periphere Rolle, zu sehr drehte man sich um sich selbst. Die Welt wurde dank des Siegeszugs von Plastik bunt, Supermärkte, Versandhäuser und Fernsehen erleichterten und verschönerten den Alltag, ebenso die aufregende Musik von Elvis Presley und den Beatles und der junge Film, der sich in den 1960ern revolutionierte. Diese heitere Warenwelt hatte aber auch Kehrseiten. Die durch den Zweiten Weltkrieg zwangsweise emanzipierten Frauen mussten zurück an den Herd, es gab eine massive Umweltverschmutzung gerade im Ruhrpott, die „Gastarbeiter“ wurden ausgebeutet, der Holocaust verdrängt. Erst mit dem Eichmann-Prozess 1961 besann sich die BRD auf ihre verheerende Vergangenheit. Von all diesen Themen und vielen weiteren faszinierenden Aspekten erzählt Jähner anschaulich in seinem Buch, das trotz seines Umfangs ein überraschender Pageturner ist.

Mit Wunderland gelingen dem Autor gleich zwei Wunder: Zum einen ist das Werk ein allumfassender Rundumschlag, der sämtliche Ebenen, Entwicklungen und Perspektiven von Kultur, Wirtschaft und Sozialstruktur dieser jungen und höchst paradoxen Bundesrepublik beleuchtet. Noch erstaunlicher ist aber, dass es sich trotz der unglaublichen Fülle an Informationen um ein äußerst unterhaltsames, leicht lesbares Buch handelt. Man fliegt nur so durch die Seiten; auch die Auswahl der begleitenden Fotos wurde mit Kennerauge getroffen. Zusammen mit dem prämierten Vorgänger Wolfszeit ist Harald Jähners Wunderland ein für die Nachkriegszeit konkurrenzloses Standardwerk, das uns auf ingeniöse Weise die Vergangenheit unseres Landes und somit bis zu einem gewissen Punkt auch unsere Gegenwart erläutert.
Isabella Caldart war sehr amüsiert über die Stelle, die den Kampf zwischen der BRD und der DDR um die Frage, wer wie bezeichnet wird, erzählt.
Der Autor
Harald Jähner, geboren 1953 in Duisburg, war bis 2015 Feuilletonchef der Berliner Zeitung, zugleich Honorarprofessor für Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin. 2019 erschien sein Buch Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945–1955, das mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde.