Zwischen allen Fronten


Milwaukee, 1932. In der Endphase der Großen Depression folgt Privatdetektiv Hicks McTaggart den Spuren einer geflohenen schwerreichen Erbin. Der lang erwartete Roman Schattennummer von Thomas Pynchon überzeugt mit überbordender Fantasie und ist ein mitreißendes Leseabenteuer.

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Hicks McTaggart weiß, wie man zuschlagen muss. Schließlich wurde er früher für das „Plattmachen streikender Arbeiter“ bezahlt. Jetzt setzt der Privatdetektiv in Milwaukee auf ruhigere Zeiten. Der Wind hat am Ende der Prohibitionsjahre gedreht, Al Capone sitzt im Gefängnis, das Geld aus dem Alkoholschmuggel ist verteilt. Profitiert hat davon auch der schwerreiche Käsefabrikant Bruno Airmont. Doch es gibt Ärger: Airmonts Tochter Daphne ist mit dem Klarinettisten einer Swingband durchgebrannt. McTaggart soll sie zu rückholen. Der vermeintliche Routineauftrag entwickelt sich für ihn zu einer lebensgefährlichen Reise durch die Welt, bei der der Schnüffler zwischen alle Fronten gerät.

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Thomas Pynchon, 1937 in der Nähe von New York geboren, gilt seit seinem Hauptwerk Die Enden der Parabel (Gravity’s Rainbow) als einer der weltweit einflussreichsten Schriftsteller. Und als einer der Privatesten. Seit Jahrzehnten lebt er von der Öffentlichkeit zurückgezogen, es gibt weder aktuelle Fotos von ihm noch Interviews. Umso mehr wurde das Erscheinen seines Romans Schattennummer erwartet, der jetzt in der Übersetzung von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren vorliegt. Den beiden ist es gelungen, Pynchons Sprachfeuerwerk überzeugend ins Deutsche zu übertragen. Galt der Große Unbekannte häufig als schwer zugänglicher Vertreter der Postmoderne, so hat Pynchon mit Schattennummer einen höchst unterhaltsamen Hardboiled-Krimi verfasst.

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Die zwölf Jahre Wartezeit seit Erscheinen des letzten Romans haben sich mehr als gelohnt. Mit viel Humor und einer Handlung, die sich zuweilen überschlägt, zeigt Pynchon die Vielfalt seiner Sprachkunst. Die Atmosphäre zu Beginn der 1930er-Jahre in den USA fängt er in ihrer Bandbreite ein: von Kellerlokalen, in denen Alkohol selbst gebrannt wird und über Schmuggelwege an die Theke gelangt, bis zu glitzernden Nachtclubs, wo Count Basie in die Tasten haut und zu angesagtem Swing getanzt wird.

Cool bewegt sich McTaggart in dieser Gesellschaft, nie um einen Spruch verlegen. Er erinnert an Humphrey Bogart, die Dialoge in Schattennummer sind voller Witz und Schlagfertigkeit in der Nachfolge der Krimis von Dashiell Hammett. Auch die Frauenfiguren treten selbstbewusst auf, gehorchen nicht zwanghaft den Regeln der mafiösen, gewaltsamen Männerwelt, sondern zeigen eigene Stärke. Pynchon wäre nicht Pynchon, wenn es nicht auch gehörig schräg zuginge. Es bereitet großes Vergnügen, der überschäumenden Fantasie des Autors zu folgen.

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Im zweiten Teil des Romans führt McTaggarts Reise nach Budapest. Pynchon steigert das Tempo, die Ereignisse überschlagen sich. Agenten aus der ganzen Welt bespitzeln sich gegenseitig. Bei allen grotesken Überspitzungen der Handlung spielt Pynchon auch auf reale Tendenzen unserer aktuellen Zeit an: Machtgier der Kapitalisten, Verschwörungstheorien, Roboter in Menschenform, Aufstieg des Faschismus, Judenhass. Sinnbild der chaotischen neuen Welt ist die Freiheitsstatue vor New York, die im Roman ihre ursprüngliche Form verliert.

Vielleicht gibt es Dinge, die nie laut ausgesprochen werden. Vielleicht ist das hier größer als das Massaker am Valentinstag, größer als die Entführung des Lindbergh-Babys. Du bist derjenige mit der Privatschnüfflerlizenz, also los, schnüffle, dass die Schwarte kracht.

Aus: Schattennummer

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Bei den vielen rätselhaften Geschichten gerät manchmal selbst der abgebrühte McTaggart in Verwirrung: „Soll das heißen, dieser ganze Kram ist bloß eine Varieténummer und ... passiert in Wirklichkeit gar nicht?“ Wer die Antwort wissen will, muss Schattennummer bis zum Ende lesen. Grandioses Vergnügen garantiert.

 

Lutz Lenz arbeitete als Buchhändler, Werbefachmann für Buchverlage, freier Journalist und Deutschlehrer. Jetzt genießt er Lesen und Leben in Südfrankreich (Labeyriebnb.com).


Der Autor

Thomas Pynchon, geboren 1937 auf Long Island, studierte Physik und Englisch an der Cornell University, später schrieb er für Boeing technische Handbücher und verschwand. Sein einziger öffentlicher Auftritt fand 1953 an der Oyster Bay High School auf Long Island statt. Seine Bücher sind die einzigen öffentlichen Spuren seiner Existenz. Pynchon gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart. Er lebt in New York.


Die Übersetzer

Dirk van Gunsteren, geboren 1953, übersetzte u. a. Jonathan Safran Foer, Colum McCann, Philip Roth, T.C. Boyle und Oliver Sacks. 2007 erhielt er den Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Preis.

Nikolaus Stingl, geboren 1952 in Baden-Baden, übersetzte u. a. Werke von Percival Everett, Ocean Vuong, Graham Greene und Cormac McCarthy und wurde mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt Übersetzerpreis, dem Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart und dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet.


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