Wie trauert man eigentlich richtig?
Mit Am Meerschwein übt das Kind den Tod legt die Lyrikerin Nora Gomringer ihren ersten Prosatext vor. Das ausdrucksstarke Debüt setzt ihrer verstorbenen Mutter Nortrud ein literarisches Denkmal.

Der Tod eines Elternteils gehört zu den einschneidendsten Erlebnissen im Leben eines Menschen. Dabei spielt es nicht immer eine Rolle, in welchem Alter man selbst ist oder wie eng die Beziehung zu Mutter oder Vater zu deren Lebzeiten war. Oft hinterlassen die Verstorbenen eine klaffende Lücke, die sich nicht füllen und deren Schmerz sich nur schwer in Worte fassen lässt. Vielleicht hat sich die deutsch-schweizerische Lyrikerin Nora Gomringer deshalb in ihrem ersten Prosatext Am Meerschwein übt das Kind den Tod gegen einen geordneten literarischen Nachruf auf ihre Mutter entschieden, sondern für einen Nachrough; denn „rough“, also rau, war ihr Zusammenleben in vielerlei Hinsicht.

Wer war Nortrud Gomringer überhaupt? „Sie hinterlässt drei Kinder und einen Bindestrich. Sie hinterlässt mir ihre Freundinnen, ihre Bibliothek, ihr Unbehagen“, schreibt Nora Gomringer zu Beginn ihres Textes, fünf Jahre nach dem Tod der Mutter. Sie beginnt, sich mit scheinbar willkürlich auftauchenden Erinnerungen an Szenen und Dialoge aus ihrer Kindheit der Frau anzunähern, die sie zur Welt gebracht hat: Die promovierte Germanistin, die Kette rauchte und mehrere Suizidversuche überlebte, die ihre Tochter manchmal unsanft in die Welt hinausstieß und sowohl ihre größte Bewunderin als auch Kritikerin war. Die gegenüber einer Freundin sarkastisch kommentierte, dass ihr Kind gleich mehrere Haustiere im Garten beerdigen musste: „Am Meerschwein übt das Kind den Tod.“

Zeit ihres Lebens machte es sich Nortrud Gomringer zur Aufgabe, das Werk ihres Ehemanns, des Lyrikers Eugen Gomringer, zu sortieren und zu interpretieren. Wie Planeten kreisten Mutter und Tochter um den weltberühmten Begründer der Konkreten Poesie; den notorischen Ehebrecher, der fünf Söhne mit anderen Frauen zeugte und doch bis zu ihrem Tod an der Ehe mit Nortrud festhielt. Eugen Gomringer, der drei Wochen vor Erscheinen des Nachroughs im August 2025 im Alter von hundert Jahren verstarb, wird dadurch zu einer zentralen Figur in einem Text, der eigentlich nur am Rande von ihm handeln sollte. An seiner Schroffheit wetzt sich die Autorin bis zuletzt, in seiner Gegenwart bleibt sie auch mit Mitte vierzig noch das unsichere, übergewichtige Kind, das um seine Liebe buhlt.

In diesem Koordinatensystem aus Mutter, Vater und den zahlreichen Halbbrüdern versucht Nora Gomringer, sich selbst und ihre Trauer zu verorten. Anhand der Beschreibung der Mutter klopft sie, zuweilen auf sehr nüchterne Art, Satz für Satz ihre eigene Persönlichkeit ab. Wie sehr haben ihre Eltern ihr Aufwachsen geprägt und beeinflusst? Und warum klammern wir als Gesellschaft den Tod aus dem Leben aus und setzen der Trauer eine zeitliche Frist? „In allen noch so wohlmeinenden Nachrichten schwang eine allzu rasche Art des Aufräumens mit, des Zusammenziehens, des Sich-wieder-Versorgens, des Entsorgens der Toten, Appelle der Kontrolle. Ich fühlte mich wie ein automatischer Müllsack, ein Ganzkörper-Tränensack, dessen Auftrag es ist, sich selbst zusammenzuschnüren und zu verräumen.“
Sie hinterlässt drei Kinder und einen Bindestrich. […] Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin.

Nora Gomringers Nachrough ist keine Ode an das Leben, wie es in klassischen Nachrufen so gerne propagiert wird. Aus ihren mäandernden, nicht chronologisch zusammengesetzten Erinnerungsfragmenten liest man ein „Ich weiß doch auch nicht, wie das geht mit dem Trauern“ heraus, und genau das macht diesen Text so wirkmächtig und heilsam. Und so universell: Wer das Gefühl kennt, eine nahestehende Person zu verlieren, wird sich in dem Buch wiederfinden. Am Meerschwein übt das Kind den Tod ist ein zutiefst trauriges, bisweilen aber auch bizarr lustiges Buch – und vor allem ein sehr hoffnungsvolles.
Julia Schmitz arbeitet als Journalistin und Autorin in Berlin. Bücher sind für sie ein Grundnahrungsmittel.
Die Autorin
Nora Gomringer, geboren 1980, ist Schweizerin und Deutsche. Sie ist Lyrikerin, Filmemacherin und schreibt und spricht für Radio, Fernsehen und Feuilleton. Opernlibretti und Theaterarbeiten sowie zahlreiche Zusammenarbeiten mit bildenden Künstler:innen machen sie zu einer der bekanntesten Dichterinnen ihrer Generation. 2015 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet.