Zum Internationalen Tag des Übersetzens
Übersetzerin Veronika Siska im Büchergilde-Interview
Wir haben mit Übersetzerin und Allee-Verlag-Gründerin Veronika Siska über ihre Übersetzungsarbeit an Michal Ajvaz’ Die andere Stadt gesprochen. Sie gab uns Einblicke in die Faszination und Tücken der tschechischen Sprache, den feinen Umgang mit surrealistischer Prosa und den Mut, meisterhafte Weltliteratur im deutschsprachigen Raum auf eigene Faust sichtbar zu machen.
Außerdem teilt sie persönliche Einblicke in die Herausforderungen der Buchbranche – von unsichtbarer Übersetzungskunst über verlegerische Mischkalkulationen bis hin zur Rolle der KI in der Kunst.

Nehmen Sie uns zunächst ein wenig mit: Sie sind zweisprachig aufgewachsen, haben Französische Sprache und Kultur sowie Germanistik und Slawistik studiert und sind seit 2000 Übersetzerin. Wie kam es dazu und was ist das Beste an Ihrem Job?
Ich bin ins Übersetzen hineingewachsen. Wenn man zweisprachig aufwächst, wird man von Familie und Freunden ziemlich schnell als „wandelndes Wörterbuch“ vereinnahmt. Irgendwann dachte ich mir: Wenn ich das ohnehin ständig mache, kann ich es ja auch professionell versuchen. Dabei wurde mir aber schnell klar, dass ich nicht einfach übersetzen wollte – ich wollte Literatur übersetzen.
Das Schönste an meinem Beruf ist für mich, dass ich mich so intensiv mit Sprache und sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten beschäftigen kann. Schon beim ganz normalen Lesen denke ich gerne über einzelne Formulierungen nach, deswegen bin ich auch so eine langsame Leserin. Beim Übersetzen kann ich diesem Hobby gewissermaßen professionell frönen. Das Zweitschönste ist, dass jedes neue Buch, das man übersetzt, einen Neuanfang bedeutet. Man muss und darf sich immer wieder ganz neu auf die Gedankenwelt eines Autors oder einer Autorin, auf den jeweiligen Stil und den ganz eigenen Sound einlassen. Und nicht zuletzt gefällt mir, dass man sich als Übersetzer:in sprachlich ständig weiterentwickeln kann – einerseits ganz automatisch, weil man mit zunehmendem Alter immer mehr gelesen hat, andererseits durch die vielen Fortbildungsangebote für Übersetzerinnen und Übersetzer, die es in Deutschland gibt, etwa die des Deutschen Übersetzerfonds.
Sie sind nicht nur Übersetzerin von Michal Ajvaz, sondern auch Verlegerin. Möchten Sie uns erzählen, was die Intention des Allee Verlags ist und wie es zur Verlagsgründung kam?
Als Übersetzerin bin ich sehr häufig mit anderen Übersetzer:innen zusammen: beruflich, aber auch privat. Eigentlich hat fast jede und jeder von uns mindestens einen Text in der Schublade, für den sie oder er brennt, den man immer wieder verschiedenen Verlagen angeboten hat und bei dem man nicht versteht, warum ihn niemand verlegen möchte. Irgendwann hatte auch ich so einen Text: Die andere Stadt von Michal Ajvaz. Das Buch erschien 1993 im tschechischen Original und wurde in 24 Sprachen übersetzt, der Autor hat alle wichtigen tschechischen Literaturpreise einschließlich des Staatspreises für Literatur erhalten, auch einige internationale Preise. Es gibt literaturwissenschaftliche Arbeiten über sein Werk. Seine Texte sind klug, philosophisch, sprachlich außergewöhnlich – und trotzdem wollte kein Verlag das Buch auf Deutsch herausbringen. Da dachte ich mir: Entweder ich schmolle in der Ecke, weil niemand unsere großartigen Texte haben will – oder ich gründe eben einen Verlag und bringe sie selbst heraus. So ist der Allee Verlag entstanden. Als dann die überschwänglichen Rezensionen etlicher namhafter deutschsprachiger Medien eintrudelten, war das natürlich eine große Freude und eine wunderbare Bestätigung.
Aus dem einen Buch ist inzwischen ein ganzes verlegerisches Projekt geworden: Im Allee Verlag erscheint nach und nach das gesamte Prosa- und Lyrikwerk von Michal Ajvaz in insgesamt neun Bänden. Die Intention des Verlags ist, herausragende literarische Texte auf den deutschsprachigen Buchmarkt zu bringen, die es sonst nicht auf Deutsch gäbe – insbesondere Literatur aus europäischen Sprachen, die auf dem deutschsprachigen Buchmarkt unterrepräsentiert sind.

Was macht die tschechische Sprache aus? Wo liegen die Herausforderungen in der Übersetzung?
Das Tschechische ist knapper als das Deutsche. Beim Übersetzen langer Sätze z. B. kann das durchaus eine Herausforderung sein, weil man im Deutschen mehr Wörter braucht, um denselben Gedanken wiederzugeben und die Sätze somit noch länger werden. Gleichzeitig empfinde ich das Tschechische in vielerlei Hinsicht als sehr präzise, insbesondere bei Verben. Der sogenannte Verbalaspekt ermöglicht es beispielsweise, genau auszudrücken, ob eine Handlung als abgeschlossen, als andauernd oder als wiederholt gedacht wird. Auch Vorsilben können Verben im Tschechischen präzise nuancieren und etwa eine kurzzeitige oder begrenzte Handlung ausdrücken. Solche Feinheiten muss ich im Deutschen häufig umschreiben – und manchmal fehlt mir dabei die Eleganz des tschechischen Ausdrucks.
Eine weitere Herausforderung ist, dass das Tschechische keine bestimmten und unbestimmten Artikel kennt. Oft ergibt sich aus dem Kontext, ob von etwas Bestimmtem oder Allgemeinem die Rede ist, aber nicht immer. Manchmal bleibt diese Unterscheidung offen, und als Übersetzerin muss ich mich im Deutschen für eine Variante entscheiden. Damit lege ich eine Bedeutung fest, die im Original vielleicht bewusst offenbleibt.
Wenn im Buch die Membran zur Anderen Stadt dünner wird, verändert sich der Text: Es wird fabuliert, mit surrealen Bildern gespielt, die Figuren tragen mit großer Ernsthaftigkeit „Nonsense“ vor. Wie sind Sie mit diesen Stellen umgegangen und haben bei der Mischung von Fantasie, Witz, Philosophie und Doppeldeutigkeiten den Überblick behalten?
Ich muss sagen: Gerade diese surrealistischen Passagen gehörten zu den schwierigsten Stellen der Übersetzung.
Zunächst habe ich versucht, etwas zu finden, woran ich mich festhalten konnte, und mir das Beschriebene möglichst konkret vorzustellen. Das mache ich beim Übersetzen eigentlich immer: Ich versuche, Bilder und Situationen vor meinem inneren Auge entstehen zu lassen. Dann habe ich häufig recherchiert, ob sich ein bestimmtes Bild oder eine scheinbar surrealistische Passage auf etwas Konkretes bezieht. Und tatsächlich verweisen manche dieser Stellen auf reale historische Begebenheiten. Bei anderen Passagen ließ sich auch durch Recherche nicht herausfinden, worauf sie sich beziehen. Dann habe ich meine tschechischen Übersetzerkolleginnen gefragt, was sie darin erkennen. Wenn auch sie keine Erklärung hatten, habe ich mich direkt an den Autor gewandt. Manchmal konnte er mir weiterhelfen. Manchmal lautete seine Antwort aber schlicht: Es bedeutet genau das, was da steht. Und dann muss man das auch so stehen lassen.
Bei einer Übersetzung den Stil des Originaltextes beizubehalten, erfordert bestimmt viel Übung und Verständnis für den Text und seine Intention. Wie ging es Ihnen da bei Ajvaz? Was macht seinen Stil aus?
Bei Michal Ajvaz sind vor allem die langen, rhythmisch fließenden Sätze stilprägend. Sie erzeugen einen ganz eigenen Sog und gehören für mich untrennbar zu seiner Art zu erzählen. Deshalb kam es für mich überhaupt nicht infrage, diese Sätze einfach zu zerhacken, wie es beispielsweise in der englischen Übersetzung gemacht wurde. Natürlich würde der Text dadurch leichter zu lesen, aber zugleich ginge etwas von seinem charakteristischen Rhythmus und Sound verloren.
Ich habe deshalb versucht, diesen Rhythmus auch im Deutschen so weit wie möglich zu erhalten. Das ist allerdings eine besondere Herausforderung, weil das Tschechische an vielen Stellen sehr viel knapper formulieren kann. Ein Beispiel ist das kurze Partizip Präsens, das sich im Deutschen häufig nur mit einem Nebensatz oder einer anderen Umschreibung wiedergeben lässt. Wenn ein Satz aber ohnehin schon sehr lang ist, können zusätzliche Nebensätze ihn schnell schwerfällig machen. Die Herausforderung besteht also darin, Lösungen der Verknappung zu finden, die die Sätze nicht unnötig beschweren, sondern ihren Rhythmus und ihre Leichtigkeit bewahren.

Haben Sie mit dem Autor Rücksprache gehalten, während Sie an der Übersetzung gearbeitet haben, um bei eventuell schwieriger zu übersetzenden Passagen den richtigen Ton zu treffen?
Wegen des Tons selbst musste ich eigentlich keine Rücksprache mit dem Autor halten. Ich habe mich vor allem bei Verständnisschwierigkeiten an ihn gewandt, wenn weder Internetrecherche noch meine tschechischen Übersetzerkolleginnen weiterhelfen konnten.
Michal Ajvaz ist dabei ausgesprochen kooperativ. Meistens hatte ich innerhalb von zwei Stunden eine Antwort. Manchmal konnte er mir eine konkrete Erklärung geben, manchmal stellte sich heraus, dass es tatsächlich nichts weiter zu erklären gab. Gerade bei einem Autor, dessen Texte so stark mit Mehrdeutigkeiten und surrealen Bildern arbeiten, ist ein solcher direkter Austausch unbezahlbar.
Haben Sie ein Lieblingszitat aus Die andere Stadt und wenn ja, verraten Sie es uns?
Ja, habe ich: „Wirklich geht nur derjenige fort, der alles hinter sich lässt, der mit einem Lächeln und leeren Händen der Dunkelheit entgegengeht und nicht an eine Rückkehr denkt. Wer beim Abschied mit der Rückkehr rechnet, verlässt seine Heimat nicht, selbst wenn er die weißen Städte tief im Dschungel betreten und auf dem Marmor ihrer Plätze ruhen würde“.
Der Beruf der Übersetzerin wird oft zu wenig anerkannt, zu schlecht bezahlt und KI bedroht den Markt. Was wünschen Sie sich für sich und Ihre Kolleginnen und Kollegen in Zukunft sowohl von Verlagsseite aus als auch von Lesenden?
Das ist ein weites Feld. Dass Übersetzer:innen zu wenig anerkannt werden, stimmt leider. Dabei sind sie unverzichtbar: Sie machen Literatur über Sprachgrenzen hinweg zugänglich und ermöglichen überhaupt erst, dass wir Weltliteratur lesen können. Denn nur ein relativ kleiner Teil der Leser:innen liest die großen Werke im Original. Wir haben das Gefühl, wir lesen Dostojewski – tatsächlich lesen wir aber Swetlana Geier. Wir denken, wir lesen Kundera, dabei lesen wir Susanna Roth. Der bzw. die Übersetzende bleibt dabei oft unsichtbar.
Über die vergleichsweise schlechte Bezahlung habe ich mir natürlich ebenfalls viele Gedanken gemacht. Doch seit ich teilweise die Seiten gewechselt habe und auch die Perspektive einer Verlegerin kenne, sehe ich auch, wie die Situation von der Verlagsseite aussieht. Der Punkt ist: Ein Verlag, vor allem ein unabhängiger, darf mit einem Buch eigentlich keinen Verlust machen. Wenn das aber doch der Fall ist, muss er ihn mit einem anderen Buch ausgleichen – Verlage nennen das Mischkalkulation. Gleichzeitig sind die Margen aber so gering, dass an einem einzelnen Buch kaum noch etwas verdient wird. Und was am Ende als schwarze Zahl übrig bleibt, steckt man als Verlag ja nicht einfach in die eigene Tasche, sondern finanziert damit das nächste Buchprojekt.
Ich habe mich lange gefragt, wo das eigentliche Problem liegt. Ich denke: Dafür, wie viele Menschen an einem Buch beteiligt sind und davon leben möchten – Autor:innen, Übersetzer:innen, Lektor:innen, Korrektor:innen, Grafiker:innen, Illustrator:innen, Setzer:innen, Druckerei, Auslieferung, Großhandel, Buchhandel, Presseleute und schließlich der Verleger bzw. die Verlegerin –, sind Bücher eigentlich zu billig. Damit ein Buch tatsächlich alle Menschen, die an seiner Entstehung beteiligt sind, angemessen ernähren kann, müsste es deutlich teurer sein. Gleichzeitig sträubt sich bei mir alles gegen diese Schlussfolgerung, weil ich finde, dass Bücher für alle zugänglich sein sollten und nicht nur für eine wohlhabende Elite.
Was die KI betrifft: Natürlich ist es auf den ersten Blick verführerisch, eine schnelle und kostengünstige Lösung zu nutzen, gerade wenn man als Verlag seine Kosten reduzieren muss. Wenn man ein Buch vor allem als Ware betrachtet, mag der Einsatz von KI sinnvoll erscheinen. Ich sehe die Bücher des Allee Verlages aber als Kunstwerke, deshalb kommen für mich KI-Übersetzungen oder KI-Cover nicht infrage. Bei hochliterarischen Texten, wie wir sie veröffentlichen, kann die KI die Arbeit einer literarischen Übersetzerin oder eines literarischen Übersetzers ohnehin nicht ersetzen. Außerdem kann KI auch keine Kunst erschaffen. Sie kann nur Muster reproduzieren und Bestehendes neu kombinieren, aber eben nichts Neues hervorbringen.
Was ich mir wünsche? Ganz ehrlich: Ein einfaches Rezept habe ich nicht. Ich wünsche mir vielleicht vor allem mehr Verständnis und mehr Empathie: von Leserinnen und Lesern, dass sie Übersetzungen nicht als unsichtbare Selbstverständlichkeit betrachten, sondern wahrnehmen, dass zwischen dem Original und ihrer Lektüre eine weitere schöpferische Arbeit liegt. Und von der Politik, dass sie bessere strukturelle Rahmenbedingungen für unabhängige Verlage schafft – etwa eine Verlagsförderung, wie es sie beispielsweise in Österreich gibt.
Denn wenn wir wollen, dass auch Literatur jenseits der großen Weltsprachen ihren Weg auf den deutschsprachigen Buchmarkt findet, müssen wir die Strukturen dafür schaffen und erhalten.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Silvia Schlicht.