Die Welt mit Kinderaugen sehen


Ein großer Klassiker der US-Literatur von Pulitzer-Preisträgerin Harper Lee: Wer die Nachtigall stört zeichnet ein eindringliches Porträt von Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit in den USA, das auch 65 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch erschreckend aktuell ist.

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Die Geschwister Scout und Jem Finch verbringen ihre Zeit vor allem auf den Straßen ihrer kleinen Heimatstadt in den Südstaaten der USA der 1930er-Jahre. Tagsüber wird gespielt, abends dem alleinerziehenden Vater Atticus auf dem Heimweg von der Arbeit entgegengelaufen. Die junge Scout hat nur wenige Sorgen, sie wird geliebt und kann ihre Kindheit frei ausleben. Als sie in die Schule kommt, muss sie jedoch feststellen, dass nicht alles immer so einfach ist: Ihre Lehrerin sieht ihre fortgeschrittenen Lesekenntnisse als Problem an und verbietet ihr das Lesen. Ihre Tante will, dass sie endlich damit anfängt, sich wie eine Dame zu verhalten und Kleider zu tragen. Und ihrem älteren Bruder Jem wird sie plötzlich peinlich; er möchte immer weniger mit ihr unternehmen.

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Als Atticus schließlich als Pflichtverteidiger den Fall des Schwarzen Tom Robinson übernimmt, der beschuldigt wird, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben, muss Scout lernen, wie tief Vorurteile und Hass in den Köpfen der Stadtbewohner:innen verwurzelt sind. Plötzlich wird Scouts Familie zur Angriffsfläche der ganzen Stadt. Denn obwohl die Beweislage eigentlich für Tom Robinson spricht, hat ihn ein Großteil der Bewohner:innen bereits verurteilt. Doch Atticus glaubt an die Gleichheit aller Menschen und setzt sich mit allen Mitteln für einen fairen Prozess für Tom ein – auch wenn er sich selbst und vielleicht auch seine Kinder dabei in Gefahr bringt.

Sie haben es vorher getan, sie haben es heute getan, und sie werden es wieder tun. Und wenn sie’s tun, weinen anscheinend nur Kinder.

Aus: Wer die Nachtigall stört

Harper Lees Wer die Nachtigall stört wurde erstmals 1960 veröffentlicht – also noch vor der Bürgerrechtsbewegung – und ist in seiner kritischen Analyse des Rassismus in den USA bis heute hochaktuell. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass der Roman regelmäßig Opfer von Book Bans, also aus Schulen oder Bibiotheken entfernt wird. Lee, die am 28. April 2026 ihren 100. Geburtstag feiern würde, zeigt durch die Perspektive der jungen Scout, dass Rassismus erlernt wird. Scout und Jem können den Hass und die Ungerechtigkeit, denen die Schwarze Bevölkerung ausgesetzt ist, nicht verstehen. Sie gehen mit ihrer Haushälterin in eine „Schwarze“ Kirche und setzen sich während der Gerichtsverhandlung auf die Empore, die für die Schwarze Bevölkerung vorgesehen ist. Für die beiden ist das ganz natürlich, für viele Bewohner:innen der Kleinstadt jedoch ein Skandal. Der Hass, mit dem ihr sanfter, genügsamer und bisher immer beliebter Vater plötzlich konfrontiert wird, löst in den Kindern Frust und Unverständnis aus.

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Scouts kindliche Naivität macht erfahrbar, wie stark rassistische Strukturen in den Köpfen verankert sind, wie einfach sie über die Generationen weitergegeben, aber auch, wie sie durch Erziehung und Bildung durchbrochen werden können. Während viele Kinder in der Stadt die Vorurteile ihrer Eltern einfach nachplappern, motiviert Atticus seine Kinder dazu, sich in die Köpfe anderer Personen hineinzuversetzen. Er lehrt sie Güte, Empathie und Menschlichkeit und, nicht zuletzt, zu ihrem authentischen Selbst zu stehen.

Atticus hatte recht. Er hatte einmal gesagt, man kenne einen anderen Menschen erst dann, wenn man in seine Haut schlüpft und eine Weile darin herumginge.

Aus: Wer die Nachtigall stört

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Wer die Nachtigall stört ist vor allem in unserem aktuellen politischen Klima eine wertvolle und sehr lohnende Lektüre, aus der sich viele Impulse für das eigene Verhalten ziehen lassen. Der Roman ist ein Appell gegen den Hass, für ein Miteinander und gegenseitiges Verständnis – und er ist ein literarisches Meisterwerk. Trotz der schweren Themen sorgt die kindliche Perspektive auch für einen humoristischen Ton. Harper Lee ist es gelungen, die Welt eines Kindes mit all ihrer Leichtigkeit und ihren Ärgernissen zu spiegeln, aus der wir Erwachsenen aber viel lernen können.

 

Maria Voßhagen arbeitet bei der Büchergilde im Digitalmarketing. Sie ist besonders froh darüber, einen Grund gehabt zu haben, Wer die Nachtigall stört bereits zum zweiten Mal zu lesen.


Herstellerin Clara Scheffler über die Buchgestaltung von Wer die Nachtigall stört:

Als Buchtitel wählte Harper Lee die Nachtigall / mockingbird. Für unsere Gestaltung haben wir dieses Motiv aufgegriffen und den Vogel in zwei Zuständen dargestellt: einmal gestört oder tot (To Kill a Mockingbird), einmal ruhig, lebendig und beobachtend. Die Buchform selbst ist mit einer offenen Fadenheftung ausgestattet und in changierendes Leinen gebunden. Ähnlich wie Atticus und die Kinder im Buch, die hinter die Fassade rassistischer Propaganda und von Vorurteilen blicken, entdecken wir die hinter dem Einband liegenden Zusammenhänge.

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Die Autorin

Harper Lee (1926–2016), geboren in Monroeville, studierte Jura an der University of Alabama, zog nach New York und begann zu schreiben. Sie war seit Kindertagen mit Truman Capote befreundet und half ihm bei den Recherchen für Kaltblütig. Nach dem Welterfolg ihres in 40 Sprachen übersetzten Romans Wer die Nachtigall stört, für den sie 1961 den Pulitzer-Preis erhielt, zog sie sich aus dem literarischen Leben und weitgehend auch aus der Öffentlichkeit zurück.


Die Übersetzerin

Claire Malignon hat To Kill a Mockingbird ins Deutsche übertragen.


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