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22,00 €
Gehaltene und ungehaltene Reden, viele in amüsantem, ein paar in ungehaltenem Ton: Saša Stanišić beweist in seinem Band Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird, warum er einer der vielfältigsten und interessantesten und bei allem Humor auch politisch relevantesten Autoren unserer Zeit ist. Ein Must-read nicht nur für Stanišić-Fans.

Bei genauerer Betrachtung ist es in der Tat unsinnig. Kein Wunder also, dass Saša Stanišić klagt: Mein Unglück beginnt damit, dass der Stromkreis als Rechteck abgebildet wird. Denn warum in den Schulbüchern nicht einfach einen Kreis darstellen? „Das unnötig Paradoxe bleibt auch noch unverfroren unkommentiert“, schreibt der Autor gut gelaunt, „das macht mich fertig, es hat mich schon in der Schule fertiggemacht.“ Kurz darauf schlägt er aber ernstere Töne an. Stanišić, der in Jugoslawien aufwuchs, floh 1992 im Alter von 14 Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland. Es ist dem Zufall und dem guten Willen einiger Menschen, die ihm auf diesem Weg begegneten (nicht zuletzt dem Sachbearbeiter, der entschied, dass die Familie nicht abgeschoben wird), zu verdanken, dass er heute hier ist. Ein Freund wiederum hatte weniger Glück und wurde abgeschoben, „sein Stromkreis unterbrochen“.
Mein Unglück beginnt damit ... ist eine Sammlung von lebendigen Dankesreden und anderen Vorträgen, die Stanišić in den vergangenen Jahren gehalten hat (oder gerne halten würde). Als einer der profiliertesten Gegenwartsautor:innen hat er viele Gelegenheiten, sich für Auszeichnungen zu bedanken. Unter den Preisen sind auch ungewöhnlichere, etwa der Weilheimer Literaturpreis, der ihm von Schüler:innen eines Gymnasiums verliehen wurde. Der dort gehaltenen Dankesrede ist der klangvolle Titel dieses Bandes entliehen. Zugeschnitten auf das Zielpublikum, ist diese Rede direkter gehalten und ebenso komischer wie aufrüttelnder Natur.

Auch in den anderen Texten beweist Stanišić seine Vielseitigkeit. Neben interessanten Reflexionen über die Bedeutung und Kraft von Literatur gibt es persönliche Anekdoten über sein Aufwachsen in Višegrad, Bosnien, sowie Überlegungen zu gesellschaftlich relevanten Themen wie Kritik am hiesigen Umgang mit Geflüchteten. Zudem kommen Fans auf ihre Kosten, wenn er Motive und Inhalte seiner bekanntesten Romane ergänzt. In all seinen Essays dringt das durch, was Stanišić so außergewöhnlich macht: seine unterhaltsame Art, seine radikale Empathie.
Das Beeindruckende an Mein Unglück beginnt damit ... ist, dass dieses Buch nicht nur als gelungene Ergänzung zu den bisherigen Romanen von Saša Stanišić funktioniert, sondern auch geeignet ist für diejenigen, die sich bis dato noch nicht mit seiner Literatur auseinandergesetzt haben. Gerade weil seine Überlegungen zu diversen Themen universell sind – auch wenn er zunächst von eigener Erfahrung ausgeht –, ist es ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit. Das Buch eignet sich entsprechend zur Schärfung eigener Gedanken und Argumente wie auch als Einstiegswerk, möchte man sich endlich mit einem der relevantesten deutschsprachigen Autoren unserer Zeit beschäftigen.
Isabella Caldart empfiehlt, nach der Lektüre dieses Buchs auch Stanišićs Dankesrede nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2019 auf YouTube anzugucken.

Was verrät der Titel über die Denk- oder Gefühlswelt des Buchs?
Ein Misstrauen womöglich. Dieses richtet sich gegen einfache Bilder und unterkomplexe Zuschreibungen, auch gegen etablierte Schemata des Denkens, vielleicht sogar gegen das eigentlich beruhigende Gefühl, man habe etwas gänzlich verstanden, obwohl es nur vereinfacht dargestellt wurde. Wir befinden uns nun seit einigen Jahrzehnten in einer solchen Welt von vielen Vereinfachungen und auch zu einfachen Erklärungen für teilweise sehr vielschichtige Phänomene. Angefangen mit dem eigenen Ich und dem Rückzug ins Banale bis hin zur Art, wie schwerwiegende gesellschaftliche Probleme wie etwa die Schere zwischen Arm und Reich oder Bildungsgerechtigkeit in Debatten abgebildet werden, geht so vieles um uns herum ins Schema statt ins Detail, oder anders gesagt: ins Klischee statt zur Struktur. Der Titel also bildet auf eine humorvolle Weise mein Unbehagen gegen einfache Antworten ab, denen ich in den einzelnen Texten dann aus dem Weg zu gehen versuche.
Was macht eine gute Rede aus?
Ein gut vorbereiteter Redner weiß, dass er niemals alles wissen kann. Also ist eine gute Rede zuallererst bescheiden. Sie bietet entsprechend nicht Antworten an, sondern Beispiele dafür, wie es laufen könnte oder was sein sollte. Der Redner nimmt sein Publikum ernst, aber auch wieder nicht, genauso, wie er auch sich selbst nicht ernst nehmen sollte, aber auch gleichzeitig dann doch, da sonst ja alles beliebig wäre. So wie ich in dieser Antwort muss, meine ich, eine gute Rede riskieren, sich selbst zu widersprechen und ambivalent zu bleiben, dort nämlich, zwischen den Klarheiten, wohnen die besten Geschichten. Ja, und zu guter Letzt darf – oder soll sogar – eine Rede stets witzig sein. Wer lacht, guckt nämlich nicht heimlich aufs Handy.

Sie sprechen oft von Sprache als Spielfeld und Werkzeug zugleich, worin liegt für Sie die größte Kraft der Sprache bei der Ermutigung zum Handeln?
Sprache allein kann gar nichts. Es sind die durch sie vermittelten Ideen und Argumente und Beispiele des Agierens und des Gelingens, die theoretisch Menschen inspirieren, von der Couch ins Tun aufzustehen. Geschichten können außerdem bewirken, dass man nach dem Zuhören weiß, man ist nicht allein mit den eigenen Gedanken, mit einer Angst, einer Wut und Ähnlichem, das sonst lähmt. Bestätigung also findet sich ebenfalls im Sprachlichen – in Bildern aber natürlich auch. Die größte Kraft der Sprache – des Erzählers – liegt für mich aber wohl darin, dass sie *Dinge* ins Sagbare bringt, die vorher irgendwo unsichtbar geschlummert haben. Wer also etwas benennen kann, kann sich dazu verhalten. Oder andere dazu bringen, sich dazu zu verhalten. Wer dabei auch noch merkt, dass andere ähnliche *Dinge* offenlegen, traut sich vielleicht eher, selbst den Mund aufzumachen, wenn er ihnen außerhalb der Sprache, in der trüben Realität, begegnet.
Welche Rolle spielt für Sie das Spiel mit Sprache in Ihrem Schreiben?
Ich habe darauf eine durchweg simple Antwort: Es hält mich wach. In dem ich mich damit beschäftige, wie ich etwas spielerisch formulieren kann, bleibe ich konzentriert dabei. Es fällt mir in der Folge auch leichter, Inhalte zu formulieren, wenn sie nicht straight forward formuliert sind. Anders gesagt: Meine Texte wären vermutlich wesentlich langweiliger ohne die spielerische Komponente, da ich mich beim Schreiben wesentlich stärker langweilen würde.
Mögen Sie Thomas Bernhard?
Wer das nicht tut, den nehme ich nicht ernst!
Lieben Dank für das Gespräch, Saša Stanišić!
Die Fragen stellte Lea-Marie Rabe.
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22,00 €
Saša Stanišić, geboren 1978 in Višegrad (Jugoslawien), lebt seit 1992 in Deutschland. Seine Werke wurden in mehr als vierzig Sprachen übersetzt und viele Male ausgezeichnet. Saša Stanišić lebt und arbeitet in Hamburg. Er ist dort Fußballtrainer einer F-Jugend.