Die dunklen Regionen
Mit der Auszeichnung des Deutschen Buchpreises 2025 für Dorothee Elmigers Roman Die Holländerinnen bewies die Jury einen unbedingten Glauben an die Kraft der Literatur. Auf den ersten Blick mag der Roman undurchdringlich wirken wie der Urwald, in dem er spielt; die Lektüre bereichert aber so sehr wie keine andere dieses Jahr.

Auf der Digitalkamera, die später gefunden wird, sind 91 Aufnahmen, die zumeist nur den für den Bruchteil einer Sekunde erleuchteten Nachthimmel zeigen, am Rande der Fotos schemenhafte Teile von Bäumen, und dann, ganz urplötzlich, die Haare einer jungen Frau, von hinten und ganz nahe fotografiert. Es sei gerade „diese Belanglosigkeit, die Banalität der Bilder gewesen, die der Theatermacher wohl gemeint habe, wenn er vom Mysterium des Sichtbaren […] gesprochen habe“. Die beklemmenden Fotos stammen von zwei jungen Niederländerinnen, die Jahre zuvor im Dschungel Panamas verschwanden, auf deren Spuren sich jetzt eine Gruppe rund um einen Theatermacher begibt.

(…) im Hinstarren aufs Unheil liege eine gewisse Faszination und damit auch ein unausgesprochenes, ein heimliches Einverständnis.
Zu dieser Gruppe in Dorothee Elmigers Roman Die Holländerinnen gehört eine Schriftstellerin, die später ihre Geschichte während einer Poetikdozentur erzählt. Oder vielmehr viele Geschichten: Ähnlich wie die Aufnahmen gibt es im Roman zahlreiche kurze Episoden, geschildert sowohl von Mitgliedern der Theatergruppe als auch von Menschen, denen sie unterwegs begegnen, und in flüchtigen Erinnerungen der Schriftstellerin. Es sind mysteriöse, schemenhafte, dunkle Episoden, unter deren Oberfläche die Gewalt lauert, die mitunter auch durchbricht, „dark pockets, dunkle Regionen oder Inseln“, wie es ein Bühnenbildner an anderer Stelle sagt, Formen von „atmosphärischer Verrückung oder Verschiebung“. Während Die Holländerinnen zwei Rahmenhandlungen hat – die Reise der Gruppe in den Urwald, die Poetikdozentur –, ist das Herz des Romans seine Atmosphäre.
Dieser fast ausschließlich im Konjunktiv verfasste Text (immerhin werden Erlebnisse anderer nacherzählt) wirkt zunächst so undurchdringlich wie das Dickicht des Dschungels – der Mann, der die Pools des World Trade Centers reinigt, oder der Mann, der die verschollenen Holländerinnen als letzter sah, die fiktive französische Schriftstellerin, die drei ihrer prägendsten Erinnerungen verschriftlicht, oder der Kameramann, selbst Teil der Theatergruppe, aus dem urplötzlich eine brutale Episode mit einer Sexarbeiterin herausbricht. Alle sind sie Geschichten, die vom Mysterium des Sichtbaren erzählen.

Früh zeichnet sich ab, dass es die Gewalt ist, die den Roman zusammenhält, nicht überraschend, immerhin befindet man sich auf den Wegen zweier toter Frauen. Ob in der Schweiz (woher Elmiger stammt), in New York City (wo sie lebt) oder dem mittelamerikanischen Land, es ist eine unheimliche, teilweise kaum greifbare Dunkelheit, die diese Geschichten eint. Elmigers großes literarisches Können, ihr genauer Blick in die Abgründe, der leise Humor, ihre präzisen Beschreibungen und ihr oftmaliger Verweis auf Literatur, Theater und Film geben dem Roman, der keinen eigentlichen Plot hat, eine starke Struktur.

Man muss sich ein bisschen einlassen auf diese Lektüre, die in ihrem Sog und ihrer Zersplitterung eine fast schon körperliche Erfahrung ist. Es lohnt sich, Elmigers Lust am geschickten Einsatz von Sprache und ihrer fiebrigen Faszination für die Finsternis in all ihren Facetten zu folgen; es ergibt einen einzigartigen, intensiven und poetischen Roman von ungeahnter Wucht. Zu Recht wurde er mit dem Deutschen Buchpreis 2025 ausgezeichnet. Elmigers Die Holländerinnen ist nicht nur der Roman dieses Jahres, er ist ein zeitloser Roman, der die Jahre überdauern wird.
Isabella Caldart macht ganz fuchsig, wenn Die Holländerinnen als True Crime bezeichnet wird, weil nichts falscher sein könnte.
Die Autorin
Dorothee Elmiger, geboren 1985 in der Schweiz, lebt als freie Autorin und Übersetzerin in New York. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, für die Bühne adaptiert und vielfach ausgezeichnet.