Das leise Staunen über Japan
In seinen Erzählungen Der Geist Japans begegnet der irisch-griechische Schriftsteller Lafcadio Hearn einem Land, das ihn verwandelt hat: Mit stiller Genauigkeit und poetischer Empfindsamkeit erkundet er japanische Gärten, Städte und Meere – und findet darin eine neue Sprache des Sehens.

Lafcadio Hearn (1850-1904), geboren auf der ionischen Insel Lefkada als Sohn eines irisch-britischen Militärarztes und einer griechischen Mutter, war ein faszinierender Kulturvermittler zwischen Ost und West. Nach Jahren als Journalist in den USA zog er 1890 nach Japan, wo er unter dem Namen Koizumi Yakumo eingebürgert wurde. In seiner Wahlheimat entdeckte er in Mythen, Volksglauben und Alltagsbeobachtungen eine poetische Welt des Flüchtigen und Unaussprechlichen. Seine Werke verbinden westliche Erzählkunst mit japanischer Spiritualität.

Seine erstmals 1899 veröffentlichte Textsammlung ist kein definitives Buch über Japan, sondern eine sanfte Annäherung an das Land der aufgehenden Sonne. Was Hearn beschreibt, ist nicht nur Landschaft oder Anekdote, sondern auch ein geistiger Raum mit Düften, Farben und Licht, in dem das Sichtbare in das Unsichtbare übergeht. Hearn kommt als Beobachter und wird zum Teil dieser Welt.
In der Erzählung Mein erster Tag in Japan schildert Hearn seine Ankunft in Yokohama: das Durcheinander der Stimmen, die fremden Zeichen, die unverständlichen Geräusche. Doch statt Distanz zu wahren, öffnet er sich. Diese Aufmerksamkeit verwandelt sich in In einem japanischen Garten in Poesie. Ein Blatt, das auf Wasser fällt, ein Stein, der Moos trägt – Hearn macht aus diesen Momenten eine Art Meditationen über Vergänglichkeit.

Auch in Geister und Kobolde bleibt er Beobachter und erzählt von japanischen Mythen, von Wesen, die halb Mensch, halb Erinnerung sind. Geister, die keine Angst verbreiten. Er stellt dar, ohne zu entweihen. In In Osaka richtet sich sein Blick auf das Leben der Menschen, er beschreibt den Lärm der Straßen, die Händler, die Boote, das pulsierende Herz der Stadt. Zwischen Marktständen und Tempeln findet Hearn die gleiche Stille wie im Garten.
In der Reportage An der japanischen See wird das Meer zum Spiegel menschlicher Empfindungen – wechselhaft, tief, nicht greifbar. In der Darstellung des Nebels, der sich über die Küste legt, spürt man die Ahnung von Vergänglichkeit, die all seine Texte durchzieht. Die Grenze zwischen Natur und Seele löst sich auf.
Der erste Eindruck Japans ist ungreifbar, flüchtig, wie ein Duft.
Lafcadio Hearns Prosa ist leise und unaufdringlich. Er zeigt, dass das Fremde keine Bedrohung ist, sondern eine Einladung, genauer hinzusehen. Selbst 120 Jahre nach seinem Tod bleibt Hearn als Autor der Zwischentöne, als Wanderer zwischen den Kulturen, als Suchender aktuell. Der Geist Japans macht deutlich, wie der Schriftsteller mit behutsamer Sprache und verständnisvollem Blick auf das Fremde zugeht, ohne es zu vereinnahmen.

Lafcadio Hearn sollte man heute lesen, weil er die Kunst des genauen, respektvollen Sehens beherrscht und dem Fremden mit Neugier begegnet. Die stille, präzise Prosa von Der Geist Japans lädt dazu ein, Lafcadio Hearn neu zu entdecken. Lassen Sie sich diese zeitlose Lektüre nicht entgehen!
Stephanie Krawehl war Inhaberin der Buchhandlung Lesesaal und plant auf Instagram eine Neuauflage von „Vorgelesen bekommen“, einer Vorstellungsreihe von Novitäten.
Der Autor
Lafcadio Hearn (1850–1904) wurde auf der griechischen Insel Lefkada geboren als Sohn einer Griechin und eines britischen Militärarztes. Er wächst in Irland, England und Frankreich auf. Als junger Mann verliert er bei einem Unfall ein Auge, arbeitet dann in Amerika als Journalist. Im Auftrag des Harper’s Magazine reist er 1890 für eine Reportage nach Japan. Dort wird er Englischlehrer, heiratet und nimmt die japanische Staatsbürgerschaft und den Namen Koizumi Yakumo an. 1895 erhält er den Ruf als Professor für englische Literatur an der Kaiserlichen Universität in Tokio.
Die Herausgeberin
Julia Finkernagel arbeitet nach einer erfolgreichen Management-Laufbahn nun seit vielen Jahren als Filmemacherin und Buchautorin. Sie ist spezialisiert auf Auslandsreportagen von Osteuropa bis Zentralasien. Von diesen Begegnungen und von ihrer begeisterten Arbeit vor und hinter der Kamera erzählen Julia Finkernagels Ostwärts-Bücher, die zu Bestsellern geworden sind. Zuletzt erschien ihr Buch Reisefieber.
Die Übersetzerin
Berta Franzos (1850–1932), geboren in Brody, ehem. Kaisertum Österreich, war Übersetzerin von Büchern über Japan, vor allem der Schriften Lafcadio Hearns sowie von Percival Lowell.