Radikale Introspektion
Die Psychologin Helene Bracht legt mit siebzig Jahren ihre erste literarische Veröffentlichung vor – und die hat es in sich. Das Lieben danach ist eine überaus gehaltvolle autobiografische Erkundung über sexualisierte Gewalt und deren Folgen, die eindeutigen Antworten auf Fragen nach Liebe, Sexualität und Weiblichkeit eine Absage erteilt.

Es ist keine Seltenheit, dass vergangene Erlebnisse scheinbar wie aus dem Nichts an die Oberfläche drängen. Erlebnisse, die wir glaubten, längst vergessen zu haben, die keine Rolle zu spielen schienen oder für die uns bislang die Worte fehlten. Bis zu dem Tag, als Helene Bracht mit ihrer Mutter am Küchentisch sitzt, ist es nur „eine blasse Erinnerung an eine unangenehme Begebenheit“ in der Kindheit gewesen. Doch im Gespräch werden die Konturen dieser Erinnerung schärfer, und plötzlich wird ihr bewusst: Das, was sie als „unangenehme Begebenheit“ abgespeichert hat, war sexualisierte Gewalt. Sie war als Kind über mehrere Jahre vom Untermieter ihrer Eltern missbraucht worden.
Es ist eine erschütternde Geschichte, die der Autorin in ihrem Debüt Das Lieben danach – eigentlich ist sie Psychologin mit eigener Praxis in Berlin – „viele Jahre lang gänzlich unerheblich“ schien. Doch irgendwann beginnt sie, sich „die feinen, kaum sichtbaren Seelengravuren, die über Jahrzehnte konstanten Muster des Begehrens, der Identitätsbildung und der Bindungsfähigkeit“ genauer anzusehen. Welche Auswirkungen hat die Missbrauchserfahrung in ihrer Kindheit gehabt, welche Bewältigungsstrategien und Verhaltenseigenheiten hat sie hervorgebracht? Das sind die Fragen, die sich im Wechsel zwischen autobiografischen Passagen, theoretischen Reflexionen und gesellschaftlichen Betrachtungen durch Das Lieben danach ziehen. Dabei fördert die Autorin keine allgemeingültigen Antworten zutage. Eine einmal gewonnene Selbsterkenntnis erklärt sie auf ihrer Spurensuche nicht für fortan unumstößlich, sondern überprüft sie immer wieder auf Richtigkeit.

Helene Bracht, die viele Jahre am Theater arbeitete, stellt bravourös ihr feines Gespür für die Tiefen der menschlichen Seele und deren sprachliche Ausgestaltung unter Beweis. Sie schildert ihre Gefühlswelt von damals und heute so plastisch, dass unmissverständlich klar wird, wie schwer sexualisierte Gewalt wiegt und welche Verantwortung uns allen obliegt, jegliche Art von Grenzverletzung zu vermeiden. Im Kontext der Aufdeckung ihrer Missbrauchserfahrung schreibt sie etwa: „Ich erinnere mich an das Toben in meinem Kindergemüt inmitten dieser brütenden Reglosigkeit, an all die Widersprüche in mir, über die ich noch stummer wurde als zuvor.“
Es war mir als junge Erwachsene, als gelänge es mir einfach nicht, in dem anzukommen, was mein Leben zu sein schien. Wie somnambul lief ich durch meine Welt, die Tage zogen rückstandslos durch mich hindurch.
Isabella Caldart ist freie Kulturjournalistin und Social-Media-Redakteurin mit Fokus auf kulturellen und gesellschaftlichen Themen. Gemeinsam mit dem Autor Daniel Stähr hostet sie den Podcast The Sad Millennials.
Die Autorin
Helene Bracht, geboren 1955 in Nordrhein-Westfalen, studierte Pädagogik und Psychologie, lernte Schauspiel und Theaterregie und arbeitete viele Jahre am Theater. Heute lebt sie als Psychologin mit eigener Praxis in Berlin. Unter ihrem bürgerlichen Namen Mechtild Erpenbeck erschienen im Rahmen ihrer Beratungstätigkeit zahlreiche Fachpublikationen. Das Lieben danach ist ihre erste literarische Veröffentlichung.