Zum 120. Geburtstag von Hannah Arendt


Hildegard E. Keller im Büchergilde-Interview

Die Schweizerin, Autorin und Literaturwissenschaftlerin veröffentlichte 2021 ihren Hannah-Arendt-Roman Was wir scheinen. Manchen dürfte sie als Jurorin beim Bachmannpreis ORF und als Literaturkritikerin im Literaturclub des Schweizer Fernsehens bekannt sein. Seit 2019 ist sie auch Verlegerin. Wie kam es zur Gründung der Edition Maulhelden und zu ihrer Originalausgabe von Hannah Arendts Märchen Die weisen Tiere (März 2025)? In der Folge arbeitete sie auch mit der Büchergilde Gutenberg zusammen.

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Hildegard E. Keller. © Marvin Zilm

Nehmen Sie uns zunächst etwas mit. Sie sind nicht nur Professorin für deutsche Literatur, sondern machen auch Dokumentarfilme, schreiben Romane und Hörspiele, machen Performances, multimediales Storytelling und illustrieren Bücher. Was motiviert Sie dazu und was ist das Beste daran?

Das Zusammenspielen der verschiedenen Ebenen ergibt sich bei mir wie von selbst. Eine einzige große Bewegung hin zum Spiel, dessen Regeln ich selbst erschaffe. Für andere sind Grenzen heilig, doch ich entdecke jenseits davon Mystisches, nach dem ich mich sehne. Schon als Kind trainierte ich meine Ausdruckskraft. Muskeln lernen besser zusammenzuspielen, wenn man das Medium wechselt. In letzter Zeit zeichne und male ich wieder viel. Meine Rollenvielfalt kann verwirrend sein, aber ich liebe die tiefe geistige und sinnliche Begegnung mit Persönlichkeiten aus der Geschichte, über die ich arbeite.  Lebendiger Kontakt entflammt mich. Von innen heraus empfinde ich, wer sie waren und wer wir zusammen sein könnten. Eine Beziehung auf Augenhöhe.

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Roadmap zum Roman „Was wir scheinen“. © Hildegard Keller

Was fasziniert Sie an Hannah Arendt?

Ihr Leben und Werk, ihre Rezeption, aber auch die darin spürbare Reduktion. Für mich ist ihre Persönlichkeit nuancenreich und enorm präsent. Da darf man sich nicht von der Prominenz ihres Namens oder ihrer Ikonenhaftigkeit lähmen lassen. Diese Annäherung ist mir auch bei anderen Frauen, zu denen ich arbeitete, wichtig, wenn ich sie neu zum Sprechen bringen möchte. Über die jüdische Chronistin Etty Hillesum (1914-1943) produzierte ich 2011 das Hörspiel „Der Ozean im Fingerhut“. Die argentinische Kunstaktivistin Alfonsina Storni schälte ich aus dem Mythos der Selbstmörderin. Um ihr Leben und Werk ans Licht zu bringen, gründete ich die Edition Maulhelden. Ich machte die sieben Bücher und wurde 2026 für das Design ausgezeichnet.

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Das Mädchen im Federwirbel. Illustration aus der Originalausgabe © Hildegard E. Keller

Im Nachlass von Hannah Arendt stießen Sie auf Die weisen Tiere. Wie kam es dazu und wann erkannten Sie, was sich hinter diesem Titel verbirgt?

Ich recherchierte sehr intensiv für meinen Hannah-Arendt-Roman Was wir scheinen (Eichborn 2021). Im Nachlass fiel mein Auge auf ein paar unscheinbare Typoskriptseiten aus Luftpostpapier. Die Autorin hatte mit Bleistift den Titel Die weisen Tiere darübergeschrieben. Manche Seiten sind sogar doppelseitig betippt, was das Entziffern schwierig machte, aber ich war neugierig. Beim Transkribieren entdeckte die Erzählerin Hannah Arendt, als fundamental andere Stimme. Ich beschloss, den noch unveröffentlichten Text herauszugeben. Ich erwarb die Rechte und machte mir erste Gedanken über die Ausstattung, das Format, auch das Nachwort.  War dieses Märchen wirklich nur für Kinder gedacht? Im Nachwort der bunt illustrierten Originalausgabe, die März 2025 herauskam, und später auch in der schwarz-weißen Ausgabe der Büchergilde Gutenberg, die im Dezember erschien, schrieb ich über die Entstehung des Märchens in Hannah Arendts Pariser Exil.

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Typoskript von Hannah Arendt. The Library of Congress.

Worum geht es in Die weisen Tiere und was können wir Ihrer Meinung nach heute daraus lernen?

Die weisen Tiere von Hannah Arendt ist ein Märchen. Seine Heldin ist ein kleines Mädchen, das in Kriegszeiten lebt und die Gänse des Dorfes hüten soll. Eines Tages entdeckt sie eine Gans, die ganz anders ist, aber gleich wieder wegfliegt. Das Mädchen bricht auf, um die geheimnisvolle Gans mit dem schwarzen Fleck auf der Brust zu suchen. Sie erfragt den Weg zur Wiese der weisen Tiere. Auf der Reise trifft es legendäre Tiere, die man aus der Bibel, der Literatur und der Mythologie kennt. Doch warum nur ist dort auch die böse Schlange? Das Mädchen lernt, dass es in der Welt nicht auf alles Antworten gibt, dass Selbstmitleid niemandem hilft und dass manche so sehr von ihrer Mission gefangen sind, dass sie keine Zeit mehr für die Fragen von kleinen Mädchen haben. Am Ende findet das Mädchen seine Gans und dank deren Verwandlung auch das Glück.

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Wir gehen auf die Wiese der weisen Tiere. Illustration aus der Originalausgabe © Hildegard E. Keller

Für die Originalausgabe bei Edition Maulhelden haben Sie den Text selbst illustriert. In der Büchergilde erscheint die Geschichte in schillerndem Einband mit schwarzem Fleck, im Stil der geheimnisvollen Gans. Anhand der Unterschiede beider Ausgaben erkennt man schnell, dass es eine Geschichte sowohl für Kinder als auch für Erwachsene ist. Worin liegt für Sie hierbei die Besonderheit und wie sind Sie bei Ihren Illustrationen vorgegangen?

Für mich ist Die weisen Tiere ein Märchen für alle, wie ich es in meiner Ausgabe genannt habe. Dafür gibt es Vorbilder. Das kleine Mädchen ließ in mir sofort den kleinen Prinzen anklingen, der 1943 von seinem Schöpfer Antoine de Saint-Exupéry ebenfalls auf eine große Reise geschickt wird. Er trifft kuriose Figuren auf ihren Planeten, spricht mit Tieren und lernt viel über die Welt. Das Büchlein mit bunten Skizzen des Autors appelliert noch heute an Jung und Alt. Mein Illustrationskonzept setzt auf Farben in einer Mischtechnik aus Buntstift, Federzeichnung und Aquarell. Hannah Arendt überführt Motive ins Märchen, die dort nicht heimisch sind. Das spindeldürre Kamel, das durch das Nadelöhr muss, damit ein Reicher in den Himmel kommen darf. Der Leviathan, dem der liebe Gott eingeschärft hat, er solle zu Kindern besonders lieb sein. Der arrogante Pegasus, der überhaupt kein Mädchenfreund ist, dann aber doch seine Flügel ausklappt und zum grossen Helfer wird. Der verblüffende Realismus und der Humor, mit dem die Autorin ihre papiernen Gestalten zum Leben bringt, verlockten mich zu ungewohnten Perspektiven auf das kleine Mädchen und ihre Gesprächspartner.

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Uraufführung des Märchens im Park der Ville Grunholzer in Uster. Eine Koproduktion von Villa Grunholzer, Central mit der Edition Maulhelden (August-September 2026)
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Wenn Sie heute noch mit Hannah Arendt sprechen könnten: Was würden Sie sie fragen oder was würden Sie ihr gerne sagen?

Wir sind schon seit langem im Gespräch. Viele ihrer Antworten auf meine Fragen flossen in den Roman Was wir scheinen ein. An ihrem 120. Geburtstag erzähle ich ihr bestimmt vom Leuchten in den Kinder- und Erwachsenenaugen, sei es bei unserer Uraufführung in der Schweiz oder heute, am 14. Oktober 2026, mit 38 Kindern der Klassenstufe 3/4 in der Stadtbibliothek Naumburg an der Saale.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Die Fragen stellte Silvia Schlicht.


Die Autorin

Hannah Arendt (1906–1975), geboren im heutigen Hannover, ist eine der bekanntesten politischen Theoretikerinnen. Sie studierte unter anderem Philosophie bei Martin Heidegger und Karl Jaspers, bei dem sie 1928 promovierte. 1933 emigrierte Arendt nach Paris, 1941 nach New York. Von 1946 bis 1948 arbeitete sie als Lektorin, danach als freie Autorin. Sie war Gastprofessorin in Princeton und Professorin an der University of Chicago. Ab 1967 lehrte sie an der New School for Social Research in New York.


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