Die Kraft der Träume


Kongenial illustriert von Künstlerin Hannah Brückner, führt uns Ursula K. Le Guins Science-Fiction-Klassiker Das Wort für Welt ist Wald in eine mögliche Zukunft und hilft uns erzählend zu begreifen, was Gewalt für eine gewaltlose Kultur bedeutet.

176696_LeGuin_Wald_3D_01.png

Science-Fiction hat dann und wann noch immer einen schlechten Ruf. Zumindest tauchen vor dem inneren Auge vieler, die den Begriff hören, eskapistische Bilder auf, Seifenopern im Weltall, z.B. Astronauten, die ballernd auf fernen Planeten Außerirdische besiegen. Aus dieser Sicht betrachtet gilt vielen literarische Science-Fiction als Widerspruch. Ein Vorurteil, dem Ursula K. Le Guin ein Leben lang ausgesetzt war und gegen das sie gekonnt angeschrieben hat. Wenn es eine wichtige Eigenschaft von Kunst ist, dem Menschen etwas von sich und seiner Umwelt zu zeigen und den Blick auf das Menschliche zu erweitern, so kann Science-Fiction dies auf ihre eigene ausgezeichnete Weise. Denn sie fragt unabhängig von den tatsächlichen Gegebenheiten und mit Blick auf die Geschehnisse einer möglichen Zukunft: „Was wäre, wenn ...?“

Im Vorwort von Fischer des Binnenmeers spricht Ursula K. Le Guin selbst von „exakter Fantasie“ und von der Freiheit von konventionellen literarischen Erwartungen und Manierismen, die in der Science-Fiction gegeben ist.

176696_LeGuin_Wald_BA_04.jpg

Am 21. Oktober 1929 in Berkeley (Kalifornien) geboren, wuchs Ursula Kroeber Le Guin als Tochter des Kulturanthropologen Alfred L. Kroeber und der Schriftstellerin Theodora K. Kroeber in einem Haus voller Bücher auf. Vor allem mit ihrem Hainisch-Zyklus, zu dem u. a. Die linke Hand der Dunkelheit, Freie Geister und Das Wort für Welt ist Wald gehören, aber auch mit ihrer Erdsee-Reihe, wurde sie weltweit bekannt. Für ihre Werke hat Ursula K. Le Guin eine Reihe von Auszeichnungen erhalten, darunter mehrfach und als erste Frau die beiden bedeutendsten Preise für Fantastik und Science-Fiction im englischsprachigen Raum, den Nebula Award und den Hugo Award.

Nicht zuletzt wegen ihres Vaters wurde Ursula K. Le Guin stark von der Anthropologie beeinflusst. Im Hainish-Zyklus, der viele ihrer wichtigsten Werke umfasst, lässt sie immer wieder Kulturforscher:innen auf für sie fremde Völker treffen. Der geschichtliche Hintergrund, der dabei allen Erzählungen zugrunde liegt, ist, dass die Bewohner:innen des Planeten Hain in ferner Vergangenheit viele Welten im Universum kolonisierten. Auch unser Heimatplanet war Teil dieser Kolonisation, wodurch die unterschiedlichen außerirdischen Humanoiden, die im Zyklus eine Rolle spielen, eng mit den Menschen der Erde verwandt sind.

176696_LeGuin_Wald_BA_06.jpg

Das Wesentliche an ihrer Welt war nicht die Erde, sondern der Wald. Der terranische Mensch war Lehm, roter Staub. Der athscheanische Mensch war Zweig und Wurzel.

Aus: Das Wort für Welt ist Wald

So auch die Ureinwohner:innen des Planeten Athsche in Das Wort für Welt ist Wald. Darin erzählt Ursula K. Le Guin von Menschen mit grünem Fell, etwa halb so groß wie Menschen, die in einer symbiotischen Beziehung mit den Bäumen leben, die ihre Welt bedecken. Sie haben eine Kultur des Träumens hervorgebracht, die ihnen ermöglicht, mit ihrem Unbewussten in Kontakt zu treten. Traumzeit und Weltzeit haben dabei dieselbe Bedeutung für sie. Vor der Ankunft der Menschen von der Erde, genannt Terra, hatten die Athscheaner:innen kein Konzept von Gewalt zwischen Artgleichen. Und so ist es ihnen zuerst unmöglich, trotz der aggressiven Kolonisierung, Rodung der Wälder und Versklavung durch die Terraner, diese willentlich zu verletzen oder gar zu töten.

Geschildert werden diese Ereignisse aus drei sich abwechselnden Perspektiven. Da ist Davidson, der eines der Holzfäller-Camps leitet und zugespitzt für die gewaltsame Unterdrückung durch die Kolonisten steht. Der Anthropologe Lyubov, der mit Empathie, aber auch Wissensdrang versucht, die Athscheaner:innen zu studieren. Und Selver, ein Ureinwohner von Athsche, der zum Träumer ausgebildet werden soll, bevor er versklavt und seine Frau von Davidson vergewaltigt und getötet wird.

Nur in den Träumen der Athscheaner:innen, konkret in den Träumen Selvers, eröffnet sich ein Weg, die Sprache der Aggression und Gewalt, die von den Terranern ausgeht, zu fassen und in die Weltzeit zu übersetzen. Doch um welchen Preis?

Selver hatte ein neues Wort in die Sprache seines Volkes gebracht. Er hatte eine neue Tat vollbracht. Das Wort, die Tat, war Mord.

Aus: Das Wort für Welt ist Wald

176696_LeGuin_Wald_BA_07.jpg

Die enge Wechselwirkung von Gewalt und Entfremdung ist eines der zentralen Themen Ursula K. Le Guins, und Das Wort für Welt ist Wald ist das Gedankenexperiment, an dem sie das Thema durchspielt. Indem die Geschichte, die 1972 in der Spätphase des Vietnamkriegs entstand, als Science-Ficition angelegt ist, kann die Frage nach den Kosten von Gewalt zugespitzt gestellt werden. Denn eine Gesellschaft, die keinerlei interpersonelle Gewalt kennt, ist für uns, leider, utopisch. Gerade im Kontrast zu einer solchen Gesellschaft lässt sich jedoch die Rolle von Gewalt, ihre Verbindung mit Autorität, Machtansprüchen, Rassismus, Umweltzerstörung und toxischer Männlichkeit in unserer eigenen Kultur besser verstehen.

Auch in ihren anderen berühmten Hainish-Romanen stellt Ursula K. Le Guin solche zugespitzten Fragen. „Wie wäre eine Kultur ohne feststehendes biologisches Geschlecht?“ in Die Linke Hand der Dunkelheit (1969). „Ist gelebte Utopie möglich?“ in Freie Geister (1974). Immer wieder stellt sie die Frage „Was wäre, wenn ...?“, zugespitzt auf eine Weise, wie nur Science-Fiction es kann. Philosophische Gedankenexperimente, die zugleich Geschichten sind, die für sich stehen.

Typisch für Ursula K. Le Guin ist die Komplexität ihrer Geschichten bei zugleich einfacher und klarer Sprache, die trotzdem reich an Metaphern ist und gelungen das Innenleben ihrer Figuren im Äußeren ihrer Welt widerspiegelt. Wunderbar neu übersetzt von Karen Nölle, die bereits Weltautorinnen wie Doris Lessing ins Deutsche übertragen hat und der es gelingt, die Klarheit und Treffsicherheit Ursula K. Le Guins beizubehalten.

176696_LeGuin_Wald_BA_05.jpg

Hannah Brückner, die vergangenes Jahr den Serafina, den Nachwuchspreis für Illustration erhalten hat, fängt die Besonderheit von Ursula K. Le Guins Stil in ihren Illustrationen anschaulich ein. So, wie die Autorin in wenigen Zeilen eine Figur umreißt, erschafft die in Berlin geborene Illustratorin mit dem Rapidografen aus vielen haarfeinen Strichen komplexe Bilder, Landschaften, Strukturen von Holz und Wälder mit großem Detailreichtum. Und wie Ursula K. Le Guin, die verschiedene Sichtweisen und Personen gegenüberstellt, arbeitet Hannah Brückner mit scharfen Konturen und Kontrasten, die den Raubbau am fragilen Ökosystem darstellen, gleichzeitig aber auch die starke Abstraktion illustrieren, die für diesen Raubbau nötig ist. Die scharfen Linien in Brückners Bildern ziehen Grenzen zwischen den verschiedenen Arten des Holzes, dem lebendigen und dem abgeschnittenen, und greifen damit ein zentrales Thema von Das Wort für Welt ist Wald auf, nämlich das der Grenze und der Grenzübertritte. Geschehenes Unrecht lässt sich nicht ungeschehen machen. Gewalt ist niemals ohne Kosten. Erzählt auf eine Weise, in der Ursula K. Le Guin eine Meisterin ist, als literarische Science-Fiction.

 

Tina Kniep und Maximilian Gräber haben Philosophie studiert. Sie schreiben und denken gerne zusammen und betreiben gemeinsam die Buchhandlung am Brühl in Chemnitz (buchhandlung-am-bruehl.de).

Banner_LeGuin_Wald_HP2_1080x1080.jpg

Die Autorin

Ursula K. Le Guin (1929–2018) gilt als die Grande Dame der angloamerikanischen Science-Fiction. Sie wurde mit zahlreichen Literatur- und Genrepreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem National Book Award für ihr Lebenswerk. Ihre Bücher beeinflussten viele namhafte Autoren, darunter Salman Rushdie, David Mitchell, Neil Gaiman und Ian M. Banks.


Die Illustratorin

Hannah Brückner, geboren 1989 in Berlin, ist Bilderbuchkünstlerin, Autorin und Illustratorin. Sie studierte Illustration an der HAW Hamburg. Ihr erstes Bilderbuch Mein fantastisches Baumhaus (2018) wurde mit dem Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Hannah Brückner lebt und zeichnet in Hamburg.


Die Übersetzerin

Karen Nölle lebt als freie Übersetzerin und Lektorin in der Holsteinischen Schweiz. Sie hat unter anderem Werke von Doris Lessing und Alice Munro ins Deutsche übertragen.


Unsere Le Guin-Welt


Weitere Empfehlungen