Zehn Jahre, zwanzig Horizonte – ein Jubiläum

 

Manchmal geschieht es, dass ein Buch sich „in die Seele eingräbt“ und auch lange nach der Lektüre noch in uns wirkt. Ilija Trojanow, Herausgeber der Reihe Weltlese – Lesereisen ins Unbekannte erzählt von diesen prägenden Erfahrungen und den Menschen, die sie geschaffen haben, von talentierten Übersetzerinnen und Übersetzern und dem Ziel, unser Blickfeld zu erweitern.

 

Die Fragen stellte Lisa-Marie Schöttler

Die Weltlese feiert ihr 10-jähriges Jubiläum. Erinnern wir uns an die Ursprünge: Wie ist die Idee zu dieser Reihe entstanden?

Ganz einfach: Viele großartige literarische Werke werden übersehen, weil sie von Autoren und Autorinnen stammen, die am Rande unserer Wahrnehmung wirken, weil sie das Pech hatten, in einem abgelegenen Land zu leben oder dem Zeitgeschmack nicht zu entsprechen. Über die Jahre hinweg sind mir immer wieder Bücher zugeflogen, die zu meinem Erstaunen nicht übersetzt waren. Ich wollte dieses Manko korrigieren, und als Mitglied und Fan der Büchergilde erschien mir dieser Verlag die richtige Heimstatt für solche Entdeckungen.

 

Fast alle Titel aus der Reihe sind Erstübersetzungen ins Deutsche. Eine fremde Sprache kann sowohl ein großes Faszinosum als auch eine schwer überwindbare Hürde sein. Welche Rolle spielen Übersetzerin oder Übersetzer bei der Vermittlung von Literatur?

Leider ist es so, dass wir weiterhin manche Werke nicht ins Programm übernehmen können, weil kompetente Übersetzerinnen fehlen, etwa aus den vielen indischen Sprachen. Aber wir haben in diesem Land eine Vielzahl kompetenter und fähiger Literaturvermittler, die sich leidenschaftlich für „ihre“ Literatur einsetzen. Nehmen wir Lutz Kliche, der uns den sehr begabten jungen Guatemalteken Arnoldo Galvez empfohlen hat. Wie ich selber gerade in El Salvador erlebt habe, kennt er in Mittelamerika Gott und die ganze literarische Welt, er verbringt einen Teil des Jahres dort, ist mit führenden Intellektuellen der Region befreundet. Solche Vermittler sind Gold wert. Außerdem arbeiten die ÜbersetzerInnen ja meist eng mit den Autoren zusammen. Es ist zum Beispiel so, dass Susann Urban, die vieles für uns aus dem Englischen übersetzt, im Laufe der Übertragung interessante Konversationen mit dem indischen Literaten Indra Sinha oder der haitischen Autorin Edwige Danticat geführt hat, bei denen gerade die Schwierigkeiten des kulturell-semantischen Transfers ausführlich diskutiert wurden. Danticat hat ihr übrigens geschrieben, dass sie Unstimmigkeiten entdeckt habe, die der amerikanischen Lektorin nicht aufgefallen seien. Man kann das hohe Niveau der Übersetzungsarbeit im deutschsprachigen Raum gar nicht genug loben.

 

Heute scheint jede Information, jede Idee, jeder Ort nur einen Klick weit entfernt. Alles ist jederzeit abrufbar, ohne dass wir uns auch nur von der Couch erheben müssen. Worin liegt in Ihren Augen gerade jetzt der besondere Reiz eines bislang unentdeckten Buches?

Wir bilden uns ein, über alle Informationen zu verfügen. Ich war gerade vier Wochen in Mittelamerika unterwegs und habe unendlich viel gelernt. Vieles, was uns über die Medien erreicht, reist auf einer ziemlich regulierten Autobahn des Informationstransfers zu uns. Es gibt immer noch viele blinde Flecken, und es werden zunehmend mehr, je mehr alles nur den Marktkräften und ihrer Vereinheitlichung überlassen wird.

 

Wo finden Sie als Herausgeber die Inspiration für neue Titel? Mit wem tauschen Sie sich aus, wenn Sie auf die Suche nach Autorinnen und Autoren gehen?

Als Schriftsteller reise ich viel, um meine eigenen Bücher vorzustellen oder um für neue Projekte zu recherchieren. Ich treffe dabei natürlich andere literaturbegeisterte Menschen, und ein jeder hat seine Favoriten, die er oder sie innigst empfiehlt. So habe ich von Marçal Aquino tatsächlich in Brasilien erfahren. David Malouf habe ich in Sydney kennengelernt. Manche Titel habe ich als Mitglied von Jurys oder zufällig in einem Buchladen, beim Stöbern, entdeckt.

 

Sie begleiten die Literaten und Literatinnen der Reihe häufig zu Veranstaltungen, moderieren oder
lesen – gibt es eine spezielle Begegnung, an die Sie sehr häufig zurückdenken?

Mit Sicherheit die bewegenden Veranstaltungen mit dem iranischen Schriftsteller Abbas Maroufi, der seit Jahrzehnten in Deutschland im Exil lebt und im Iran als einer der wichtigsten Romanciers der Gegenwart gilt. Er kann sich auf Deutsch leider nicht so ausdrücken, wie er möchte, aber was er zu erzählen hat, ist unvergesslich. Etwa von den rund tausend Studenten, denen er das Schreiben beibringt, im Internet natürlich, denn er kann aus politischen Gründen nicht zurückkehren. Das stimmt einen traurig und zugleich hoffnungsfroh. So ist über die gemeinsame Arbeit eine Freundschaft entstanden. Es kommt manchmal vor, dass ein großartiger Roman von einem wunderbaren Menschen geschrieben wird.

Wenn Sie sich einem Text nähern, welche Kriterien oder emotionalen Eindrücke entscheiden darüber, ob er ihnen für die Reihe Weltlese passend erscheint?

Hans Magnus Enzensberger, der mich zu Beginn meiner literarischen Schreibbahn gefördert hat und mit der Anderen Bibliothek die beste Reihe dieser Art gegründet hat, hat mal gesagt, er verlege nur Bücher, die ihn begeistern, denn was ihm gefalle, dürfte nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit auch anderen gefallen (keiner von uns hat einen einmaligen Geschmack). Mehr als die persönliche Begeisterung ist nicht nötig. Wenn die Lektüre schon einige Zeit zurückliegt, dann ist mein Kriterium stets, welche Spuren das Buch in meiner Erinnerung hinterlassen hat. Ein Roman kann strukturelle oder stilistische Schwächen haben, einen aber nie mehr loslassen. Das gilt für den zweiten Band unserer Reihe, E.M. Esfandiarys Der letzte Ausweis. Die Geschichte ist unvergesslich, das ist ein Buch, das sich in die Seele eingräbt.

 

Welche Lektüre hat Ihnen zum ersten Mal ein Land offenbart, das Sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannten, und was hat Sie an dem Text besonders beeindruckt?

Eindeutig Peter Föberg Idlings Pol Pots Lächeln. Ich habe zum einen Kambodschas blutige Geschichte zum ersten Mal verstanden, zum anderen stellt dieses Buch eine der wichtigsten Fragen intellektueller Tätigkeit: Wie viel nehmen wir wirklich wahr und wie viel ist von unseren Überzeugungen und Prägungen vorgekocht? Es war schwedischen Publizisten damals möglich, durch Pol Pots Kambodscha zu reisen und ein blühendes, glückliches Land zu sehen. Frappierend und verstörend. Ähnliches gilt für unseren nächsten Titel, einem Roman des US-japanischen Romanciers John Okada, der völlig ignoriert wurde, weil er nach dem II. Weltkrieg die schwierigen Fragen doppelter Identität thematisiert hat.

 

Wer sich die Welt erliest, öffnet sich für Neues. Ist es Ihnen schon einmal passiert, dass Sie Ihr Bild von einer Region, einem Land oder einer Kultur nach der Lektüre eines Buches revidieren mussten?

Nach jedem guten Buch, natürlich. Ich habe ja einige Jahre in Südafrika gelebt, und trotzdem waren die Kurzgeschichten von Herman Charles Bosman für mich eine Offenbarung, nicht nur, weil er in eine Liga mit Tschechow und O’Henry gehört, sondern weil sich eine Welt auftut.

 

Wenn Sie sich entscheiden müssten, ob Sie ein Leben lang nicht mehr reisen oder ein Leben lang keine Bücher mehr lesen dürften, welche der beiden Optionen würden Sie notgedrungen wählen?

Ein Leben ohne Bücher ist nicht nur unvorstellbar, es wäre dystopisch. Immer wenn ich reise, betrachte ich mit Trauer jene Menschen, die stundenlang gelangweilt ein Loch in die Wand starren, weil sie nicht gelernt haben zu lesen. Ich finde, es ist geradezu ein Verbrechen, Menschen nicht zum Lesen zu verführen.

 

Gibt es Länder, deren Literatur sie nicht kennen, jedoch gerne mehr darüber erfahren würden?

Jede Menge. Wir hegen ja einen sehr eurozentrischen Kanon der Weltliteratur. Was ist mit Indonesien oder den Philippinen, was ist mit den vietnamesischen DichterInnen des 19. Jahrhunderts und mit den Epen Zentralasiens? Da haben wir allerdings mit dem Epos Das Lied von Kulager von Ilijas Shansugirow aus Kasachstan eine kleine Lücke schließen können. Im Herbst reise in zum ersten Mal in diese Region und bin sehr gespannt.

 

Welche Möglichkeiten bietet Ihnen das Herausgeberdasein, die Sie als Autor nicht vorfinden?

Die Bewunderung für andere literarische Werke zum Ausdruck zu bringen. Ein jeder, der schreibt, verdankt den Vorgängern so viel, wir werden als Literaten ja entscheidend von unseren Lektüren geprägt. Als Herausgeber kann ich ein kleine Reverenz erweisen, ein bescheidenes Dankeschön aussprechen!

 

Vielen Dank für die bemerkenswerten Einblicke. Auf viele weitere Jahre herausragender und unerwarteter Lektüre in der Reihe Weltlese!