Wie schön die Haptik beim Lesen ist

April, Sturm und andere Turbulenzen

Es fasziniert mich immer wieder, wie unterschiedlich IllustratorInnen auf Texte reagieren und sie in Szene setzen. Als Susanne Wurlitzer die Kurzgeschichten gelesen hatte, machte sie einen sehr interessanten Vorschlag: Ihr fiel auf, dass alle Geschichten in begrenzten Räumen stattfinden, und genau diese Räume wollte sie in ihren Zeichnungen darstellen. Mich hat der Vorschlag so begeistert, dass ich das Thema „Räume“ nicht nur für die Illustrationen verwenden, sondern gleich zum Thema des gesamten Buches machen wollte. Das Buch an sich ist ja in gewisser Weise bereits ein Raum, aber es sollte sich auch in den Raum des Lesers ausbreiten und dort Raum einnehmen. Deshalb haben wir uns für diese Wickelbroschur entschieden. Es ist übrigens das erste (!) Buch, das in dieser Art gebunden wird. Dank der kreativen Zusammenarbeit mit unserer Druckerei Clausen & Bosse sind solche ungewöhnlichen Buchprojekte überhaupt erst möglich! Die Besonderheit an diesem Buch ist zum einen, dass man den Umschlag zu einer Art Tafelbild aufklappen und so aufstellen kann, und zum anderen, das beidseitige Bildmotiv. Auf der Außenseite des Umschlags sieht man die Terrasse eines Gebäudes und das Meer.

Die ausgeklappte Wickelfalz von oben

Schlägt man den Umschlag auf, befindet man sich in dem Gebäude, sieht den Innenraum und durch die Fenster auf das Meer. Man spürt fast die feuchte Luft des abziehenden Gewitters. Es ist eine Stimmung, als ob sich hier gleich Freundinnen treffen werden, man hört scheinbar schon das Verschieben der Holzstühle, das Klappern der Tassen und riecht den Duft des Kaffees. Auch bei der Innengestaltung, der Typografie spielt der Raum eine große Rolle. Die Zeichnungen sind raumgreifend, also flächenfüllend auf einer Doppelseite platziert. Der Text selbst wirkt durch den hängenden Einzug wie ein Raum. (Üblicherweise findet man bei literarischen Texten den eingerückten Zeilenanfang.) Beim Lesen hat man dadurch den Eindruck man betrete nach jedem Absatz einen neuen Raum. Nach jeder Geschichte verlässt man das Gebäude der einen Autorin und begibt sich zu dem der nächsten. Um dies zu veranschaulichen und zu betonen folgen hier auch Vakat-Seiten. Damit man sich im Gebäude Buch zurechtfindet, also zur besseren Orientierung innerhalb der Textsammlung, ist der Kolumnentitel analog einem Leitsystem in Gebäuden gesetzt. Mit diesem innovativen Buchumschlag zeigt sich einmal mehr wie schön auch die Haptik beim Lesen sein kann.


Cosima Schneider, Herstellungsleiterin der Büchergilde