EDITION ZEITKRITIK | BAND 3

 


Wieder denken.
Neue Fragen, andere Antworten, Perspektiven für die Zeit nach der Pandemie

 

Die Gesellschaft braucht neue Antworten. Und andere Fragen.

Beides liefert Wieder denken in der Edition Zeitkritik.

 


 

 

»Zugegeben«, sagte Cottard, »zugegeben, aber was heißt Rückkehr zu einem normalen Leben?« »Neue Filme im Kino«, antwortete Tarrou lächelnd.

Albert Camus, Die Pest

 

 

 

Neun AutorInnen gehen im neuen Band der Edition Zeitkritik Themen aus den Grund, die zu wenig im Blick der Öffentlichkeit und medialen Aufmerksamkeit stehen.

Der geteilte Schmerz ist unsere Klammer

Von Natalie Acksteiner

 

 

Finanzkrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise, Demokratie-Krise, Corona-Krise – spätestens mit Sars-CoV-2 ist die Krise omnipräsent geworden, sie beherrscht den Alltag, betrifft jeden und jede. Spätestens jetzt ist klar: Die Krise ist die Signatur unserer Zeit, vielleicht ihre große Zäsur. Nun bezeichnet „Krise“ ja generell eine bedenkliche Lage, eine Zuspitzung, eine bedrohliche Entwicklung, aber: Im gleichen Zug kann sie auch einen „Wendepunkt“ markieren und Veränderung einleiten. Warum aber scheint nichts sich zu ändern?

Nicht selten beginnt Veränderung mit Fragen an das, was ist und was stattdessen sein könnte. Eine Menge solcher Fragen zu drängenden gesellschaftspolitischen Fragen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie versammelt nun der jüngste Band der Edition Zeitkritik: Wieder denken. Neue Fragen, andere Antworten, Perspektiven für die Zeit nach der Pandemie in neun intelligent und anschaulich verfassten Essays. Um Corona geht es dabei im eigentlichen Sinne nicht – es geht um das, was in der Schneise dieser Pandemie sichtbar wird an Bruchstellen unserer Gesellschaft, an sozialen Ungerechtigkeiten, an politischem Desinteresse oder fehlendem Handeln. Es geht um Phänomene und Aspekte, die zwar längst offensichtlich sind, aber gerne übersehen werden. Die Krise ist da nur „das Vergrößerungsglas auf den Normalzustand“, wie es die Journalistin Gabi Horak einmal präzise formuliert hat.

 

Die Themen und Zugänge der einzelnen Texte in Wieder denken sind verschieden, allen gemeinsam ist, dass sie grundlegende, unsere Gesellschaft aktuell prägende Konzepte infrage stellen. „Es geht uns um die Einseitigkeiten darin, um das Kippen ins Ideologische – das tut uns weh. Man kann sagen, dass der geteilte Schmerz unsere Klammer ist“, führt Karin Hutflötz, Herausgeberin der Edition Zeitkritik und selbst Autorin, aus. Als schmerzlich empfinden die überwiegend jungen Autorinnen und Autoren etwa die fortdauernde Einseitigkeit und Eindimensionalität der medialen Berichterstattung im Zuge der Pandemie. Gleiches gilt für die praktizierte Krisenrhetorik vom Stil eines harmonisierenden, aber inhaltsleeren „Alles wird gut“ oder „Vor dem Virus sind wir alle gleich“. Der Komplexität und Vielschichtigkeit einer Gesellschaft, den Differenzen, Bedürfnissen und unterschiedlichen Betroffenheiten all derer, die die Gesellschaft ausmachen, wird das nicht gerecht. Auch an der „Systemrelevanz“ oder den plötzlich so intensiv gepriesenen „AlltagsheldInnen“ stören sie sich.

 

Welche Rolle spielt heute Propaganda, heiligt der Zweck die Mittel? Und was kann und soll Philosophie in diesen Zeiten sein?

 

Den Stimmen, die sich mit diesem Band meinungsstark zu Wort melden, ist daran gelegen, das Bild dessen, was geschieht, zu erweitern. Sie wollen sich herauslösen aus den immer gleichen Diskursschleifen und neue Sichtweisen anbieten. Und sie wollen kritische Positionen lieber selbst besetzen, als sie Populisten und Verschwörern zu überlassen. Deshalb fragen sie differenziert nach den Folgen und dem Umgang mit dieser Krise, danach, was diese für unsere Gesellschaft bedeutet. Und sie tun es so denkscharf wie pointiert, herausfordernd in ihren Thesen und provokant in Stil und Sprache. Wer hier schreibt, kennt sich aus mit dem Fragen, denn die kritische Auseinandersetzung gehört zum täglichen Brot der Autorinnen und Autoren, ihres Zeichens PhilosophInnen und KünstlerInnen mit ganz unterschiedlichen Lebenshintergründen und -erfahrungen.

Zwei davon sind aus der Edition Zeitkritik bereits bekannt: Die aus Sofia stammende, heute in München lebende Philosophin Assya Markova, die mit Zuckerbrot und Peitsche den Auftaktband der Reihe geliefert hatte und Tina Kniep, der mit Band 2 der Edition Zeitkritik: Alles Funktion – oder doch nur Fassade?, bereits eine fundierte und leichtfüßige Kritik an moderner Architektur und deren gedanklichem Fundament gelungen ist.

 

Warum fällt es uns so schwer, Abstand zu halten und was ist gut daran? Was heißt Zeit, und was zählt in der Kunst?

 

Karin Hutflötz, die nicht nur die Herausgeberschaft der Edition Zeitkritik innehat, sondern sich aktuell auch mit Forschungen zur Wertebildung habilitiert, fragt in ihrem Wieder denken-Essay, weshalb gerade jetzt in Zeiten der Krise das in der Öffentlichkeit transportierte Bild von Philosophie so gar nicht mit dem ihr eigenen Anspruch, gesellschaftspolitische Relevanz zu besitzen, übereinstimmen mag. Wenn sie aufzeigt, was Philosophie für Demokratie und Gesellschaft leisten kann, plädiert sie zugleich für eine gesellschaftspolitische Verantwortung und Beteiligung der Philosophie am öffentlichen Diskurs durch kritisches Denken und radikales Fragen.

Das, wofür die Philosophin hier eintritt, löst Wieder denken unmittelbar ein und steht damit zugleich im besten Sinne in der Tradition der Edition Zeitkritik: Dieser Band mischt sich ein, er nimmt genau unter die Lupe, was ist, und fragt, was morgen sein soll. Er zeigt mit neuen Fragen andere Antworten auf und bietet reale Perspektiven für ein Denken und Handeln abseits bestehender Diskurse an. Damit nach der Krise vielleicht doch etwas besser wird, als es vorher war.