UNSERE LIEBLINGSBÜCHER

 

Was wir lesen!

 

Vier KollegInnen aus dem Frankfurter Verlagshaus der Büchergilde haben für Sie ihre persönlichen Lieblingsbücher aus dem aktuellen Quartalsprogramm zusammengestellt.

 

Lassen Sie sich begeistern und inspirieren wir wünschen eine schöne Lektüre!

 

Julia Heller: Josephine Tey - Nur der Mond war Zeuge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Julia Heller,

arbeitet neben einer schönen Mooswand

sitzend im Lektorat und kümmert sich um

Rechte, Lizenzen und das Kinderbuch-Programm.

 

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Eine "very britische" Kriminalgeschichte:  

Nur der Mond war Zeuge von Josephine Tey  

 

Leider fast schon in Vergessenheit geraten ist das Buch Nur der Mond war Zeuge, eine klassische, "very britische" Kriminalgeschichte von Josephine Tey. Und das, obwohl das Buch zu den besten 100 Krimis aller Zeiten zählt (laut der British Crime Writers’ Association). Zeit also, das zu ändern!

  

Die Handlung beruht auf einer wahren Begebenheit: ein Kriminalfall ohne Mord aus dem 19. Jahrhundert, in dem die Unschuld als Instrument der Heimtücke missbraucht wird. Alle Protagonisten sind detailreich und fast liebevoll beschrieben: ein etwas weltfremder Held, sein jugendlicher Neffe, eine kauzige Tante, ein brillanter Strafverteidiger, patente und hilfreiche Handlanger, die kurios-kauzigen „Täterinnen“ und als „Opfer“ die naive Unschuld vom Lande. Ort des Geschehens ist ein englisches Provinznest in den 1940er Jahren, in dem eigentlich nie etwas passiert...

  

Der Fall kann natürlich aufgeklärt werden, und das wird er sehr unterhaltsam: klassisch britisch, in einem spannenden und gut konstruierten Setting, das ruhig beginnt und dann immer mehr an Fahrt aufnimmt. Die Dialoge sind angenehm subtil, teilweise ironisch und scharfzüngig, schlagfertig und immer durchwoben von leichtem Sprachwitz. Auch wenn manche Handlungsstränge heute wohl etwas überholt wirken – es ist ein großartiges, meisterhaftes Buch! Voller Andeutungen, Rätsel und Zweifel eignet es sich sowohl für Hobbydetektive als auch für ein literarisch ambitioniertes Lesepublikum.

 

 

Marlen Heislitz: Emmanuel Carrère - Yoga

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Marlen Heislitz,

organisiert Redaktion und Satz des Büchergilde-Magazins. Dieses Jahr hat sie mehr oder weniger zufällig einiges an französischer Literatur gelesen.

 

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Emmanuel Carrère Yoga:

Autofiktion vom Feinsten

 

Mit Yoga schlug mein Lesekreis bereits zum zweiten Mal ein Buch von Emmanuel Carrère zur gemeinsamen Lektüre vor, hatten wir bereits mit Begeisterung die „Romanbiografie“ Limonow aus der Feder des Franzosen gelesen. Beim Titel Yoga kamen Fragen in mir auf: Sollte das etwa die Reise eines älteren Schriftstellers in die Gefilde der Erleuchtung sein? Nun, ich kann sagen, ich lag daneben mit meiner Vermutung – und irgendwie aber auch richtig …

  

Eigentlich plante Carrère, nach der Teilnahme an einem Yoga-Seminar ein Buch über die Praktiken des Meditierens und bewussten Bewegens zu schreiben. Amüsant beschreibt er als teilnehmender Beobachter über die Eigenheiten des Seminars. Doch dann stirbt beim Anschlag auf die Redaktionsräume der Zeitschrift Charlie Hebdo einer seiner Freunde. Carrères Welt bricht zusammen – und der Erzählfluss von Yoga bricht auf: Der französische Intellektuelle nimmt die LeserInnen fortan mit in seine persönlichen emotionalen Tiefen, erzählt von der Diagnose „Bipolar“, beschreibt Depression und den Schmerz über eine Trennung – und verknüpft immer wieder die Lehren des Yoga mit seinen Ausführungen zu Weltgeschehen, Kunst und Kultur oder seinem Seelenzustand.

 

Meisterhaft verwischt Emmanuel Carrère mit dem Mittel der Autofiktion die Grenzen zwischen Fiktion und Realität und lädt in seinen Kopf ein – eine Einladung, die sie nicht ausschlagen sollten.

 

 

 

Svenja Schaller: Bettina Wilpert - Herumtreiberinnen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Svenja Schaller,

arbeitet meistens mit Musik auf den Ohren

im Vertrieb und kümmert sich dort vor allem

um alle Belange rund um den Buchhandel.

 

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Bettina Wilpert Herumtreiberinnen:

"Wir, in der Lerchenstraße"

 

„Wenn Wände reden könnten“ diesen Satz hat Bettina Wilpert wörtlich genommen und kurzerhand ein Gebäude in der (fiktiven) Lerchenstraße in Leipzig zum Dreh- und Angelpunkt ihres Romans Herumtreiberinnen gemacht. Hier lernen wir Lilo, Manja und Robin kennen – die jeweils in den 1940ern, 1980ern, und 2010ern ein gutes Stück Lebenszeit dort verschwenden verbringen.

 

So sehr sich die Zeiten und Lebensumstände der jungen Frauen unterscheiden, so sehr ähneln sie sich doch: Sie alle ziehen ein wenig ziellos durchs Leben, wissen nicht recht wohin mit sich, lassen sich treiben und mitziehen – sie alle sind Herumtreiberinnen. Beim Lesen wechseln wir oft die Perspektiven und lernen die drei Frauen so in mehreren Episoden kennen. Die meiste Zeit verbringen wir mit Manja, dem 17-jährigen Mädchen aus der DDR, die gar nicht versteht, warum sie plötzlich auf einer Station für Geschlechtskrankheiten gelandet ist – und das als Jungfrau!


Besonders Manja ist mir beim Lesen richtig ans Herz gewachsen und nach dem Lesen habe ich ihre Geschichte in meinem Kopf einfach weitergesponnen. Der Roman lädt unbedingt dazu ein, ihn weiterzudenken, mehr zu den einzelnen Themen zu lesen und mit anderen darüber zu reden. Am besten also gleich doppelt kaufen und zu zweit lesen!

 

 

Ingmar Weber: David de Jong - Braunes Erbe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Ingmar Weber,

verantwortet das Direkt- und Digitalgeschäft

der Büchergilde und nimmt sich seit Jahren vor,

'Middlemarch' zu lesen.

 

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Über die Verstrickungen der reichsten deutschen Unternehmerdynastien ins Nazi-System: David de Jong Braunes Erbe

 

De Jongs Ausgangspunkt in Braunes Erbe ist der Fall Bahlsen, als die Konzernerbin Verena Bahlsen Kritik an den Geschäften des Unternehmens im „Dritten Reich“ und an der Ausnutzung von NS-Zwangsarbeitern völlig geschichtsvergessen zurückwies. Die Herkunft des immensen Reichtums, in der Bundesrepublik jahrzehntelang verschwiegen oder schöngeredet, wird in deutschen Unternehmen nicht weiter thematisiert, höchstens von einem Historiker aufgearbeitet, um dann schnell wieder vergessen werden zu können.

  

Genau das will de Jong verhindern. Er will die breite Öffentlichkeit aufklären, wie und mit welchen Methoden die reichsten Familienimperien, nämlich Quandt, Flick, von Finck, Oetker und Porsche im Dritten Reich gewirkt haben. Und diese Aufklärung gelingt ihm ausgezeichnet. Das Erschreckende dabei ist: Es war gar nicht entscheidend, ob die Wirtschaftsgrößen und ihre Familien selbst Nazis waren oder nicht. So wie sie als Unternehmer in der Weimarer Republik und später in der Bundesrepublik nach allen Möglichkeiten suchten, ihre Unternehmen zu vergrößern und den Profit zu mehren, so agierten sie im „Dritten Reich“ – nur halt unter veränderten Bedingungen. Konnte man durch Arisierungen günstig Besitz erwerben, wurde das genutzt. Konnte man mit Rüstungsproduktion riesige Umsätze machen, wurde das genutzt. Erhielt man von Staat und SS preiswerte Zwangsarbeiter, die oftmals elend zugrunde gingen, wurde das genutzt. Die Zeiten waren halt so!

 

Dass diese Wirtschaftsgrößen entscheidend zum Funktionieren des NS-Staats beitrugen bzw. ihn überhaupt erst ermöglichten, wird durch de Jongs famoser Darstellung ebenso deutlich wie die Tatsache, dass eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem „braunen Erbe“ nicht stattgefunden hat. Man kann dem Buch gar nicht genug Leserinnen und Leser wünschen!

 

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