UNSERE LIEBLINGSBÜCHER

 

Was wir lesen!

 

Vier KollegInnen aus dem Frankfurter Verlagshaus der Büchergilde haben für Sie ihre persönlichen Lieblingsbücher aus dem aktuellen Quartalsprogramm zusammengestellt.

 

Lassen Sie sich begeistern und inspirieren wir wünschen eine schöne Lektüre!

 

Svenja Schaller: Bernadine Evaristo - Mädchen, Frau etc.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Svenja Schaller,

arbeitet meistens mit Musik auf den Ohren

im Vertrieb und kümmert sich dort vor allem

um alle Belange rund um den Buchhandel.


 

 

Den Zeitgeist treffend und doch zeitlos: 

Bernardine Evaristo mit Mädchen, Frau etc.

 

Es gibt diese Bücher, zu denen man sich direkt hingezogen fühlt – sei es, weil man die Autorin kennt, weil einem die Covergestaltung zusagt, oder weil das Gesamtkonzept einfach stimmig ist. Mädchen, Frau etc. war für mich ein solches Buch.

 

Bernardine Evaristo schafft es, den Zeitgeist zu treffen und doch zeitlos zu bleiben, da sie mit ihren Figuren verschiedenste Generationen, Hintergründe und Einstellungen abdeckt. Es macht Spaß, sie beim Erwachsenwerden zu verfolgen, etwas über ihren Werdegang zu erfahren, ihre Einstellungen kennenzulernen, zu hinterfragen, zu verstehen, sie scheitern zu sehen und mitzubekommen, wie sie sich aufrichten, erfolgreich, glücklich, Eltern werden. Zwar konnte ich mich mit keiner der Figuren zu 100% identifizieren (als weiße Frau fehlt mir dafür die direkte Erfahrung mit Rassismus), doch es bereitete mir ungemein Freude, die Mädchen, Frauen etc. kennenzulernen. Und nicht nur ihre persönliche Geschichte sondern auch die Geschichte ihrer Vorfahren und damit der Kolonialgeschichte Englands inklusive Sklavenhandel, Vorurteile, Unverständnis und Hass.

 

Dennoch strotzt dieses Buch voller Lebensfreude und Optimismus und gerade das letzte Gespräch vor dem Epilog formuliert die Hoffnung, die Bücher wie dieses in die Welt tragen können. Oder, um es in Ammas Worten zu sagen, die in diesem Moment zwar über Filme spricht, deren Zitat aber meiner Meinung nach ebenso für jede andere Form des künstlerischen Ausdrucks gilt: „In den besten Filmen geht es doch darum, unser Verständnis vom Menschsein zu erweitern, sie sind eine Reise hin zum Durchbrechen jeder formalen Grenze, ein Abenteuer jenseits aller kommerziellen Klischees, ein Ausdruck unserer tiefsten Bewusstseinsschichten.“

 

P.S. Anbei noch eine besondere Entdeckung: Bei Spotify hat sich jemand die Mühe gemacht, alle Lieder, die im Laufe des Romans genannt werden, zu einer Playlist zusammenzufügen. In der Spotify-Suche Girl, Woman, Other (von farfinta) eingeben oder einfach hier klicken und Frauenpower hören.

 

 

Julia Heller: Alena Schröder - Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Julia Heller,

arbeitet neben der schönen Mooswand sitzend

im Lektorat und kümmert sich um Rechte,

Lizenzen und das Kinderbuch-Programm.


 

 

Ein facettenreiches Debüt von Alena Schröder:

Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid

 

Meine Leseempfehlung aus dem aktuellen Quartal ist Alena Schröders Romandebüt Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid. Warum das Buch diesen doch recht ungewöhnlichen Titel hat? – Um das zu erfahren, liest man es am besten! 

 

Aber so viel sei schon einmal gesagt: Es geht um Frauenfiguren: heute, in den 1920ern und zwischendrin. Es geht um Mutterschaft, Erfüllung, Selbstbestimmung und Lebenskonzepte, die mal gut und mal weniger gut funktionieren. Um vielschichtige Mütter-Töchter-Beziehungen, Raubkunst der Nationalsozialisten und die Verknüpfung der Leben von vier Frauen über fast 100 Jahre hinweg - durch Krieg, Vertreibung, Erbschaft und Kultur. Es geht um Spurensuche und um die Verantwortung in der eigenen Familiengeschichte.

 

Der Roman ist teilweise bedrohlich, aber nie düster, er ist lebensbejahend und lebendig, aber nie überladen oder gar oberflächlich. Er ist gleichzeitig historisch und aktuell und beleuchtet alle erdenklichen Facetten von Familie, Sehnsucht, Liebe. Und mittendrin ist Hannah: eine junge Frau, mitten aus dem Leben gegriffen, die sich auf einmal Fragen stellen muss, von denen sie vorher nicht einmal wusste, dass sie existieren. Sie sucht ihre Wurzeln und findet am Ende sich selbst – eine Reise, die spannend, flott, humorvoll und nachdenklich zugleich ist.

 

 

 

Charlotte Schaetzky: Benedict Wells - Hard Land

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Charlotte Schaetzky,

arbeitet am liebsten mit einem Kaffee in der

Hand im Digitalmarketing und kümmert sich

um Newsletter, Webseite, Social Media und

allgemeine Technik-Probleme.

 

 

Große Emotionen mit Benedict Wells:

Hard Land

 

Aus dem aktuellen Quartal empfehle ich Ihnen sehr gerne den neuen Roman von Benedict Wells: Hard Land. Nach dem hochgefeierten Roman Vom Ende der Einsamkeit hat das Warten nun ein Ende und wir dürfen wieder in eine tiefgründige Geschichte aus Wells‘ Feder eintauchen.

 

Das Setting: Grady, eine Kleinstadt in Missouri, im Jahr 1985
Der Protagonist: Sam, ein fünfzehnjähriger Junge
Die Geschichte: Endlos scheinende, bedeutungsreiche Sommerferien – famos im ersten Satz von Benedict Wells zusammengefasst: „In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“

 

Hautnah erleben wir mit Sam die Höhen und Tiefen eines Sommers, den er nie vergessen wird. Es geht um Freundschaft und die erste Liebe, um Familie und Zusammenhalt, um die Freuden des Lebens und den Verlust eines geliebten Menschen. Schonungslos ehrlich lässt Benedict Wells uns an Sams Gefühlswelt teilhaben. Zusammen mit Sam habe ich gelacht und geweint, ich habe mit ihm gelitten und gehofft. Meine Lesestunden waren ein Wechselbad der Emotionen. Aber ein Gefühl ist lange geblieben: Das Gefühl, dass Benedict Wells einen überragenden Roman über das Erwachsenwerden geschrieben hat! Nach dem ersten Satz möchte man Hard Land nicht mehr aus der Hand legen – bis zum letzten Satz.

 

 

 

Ingmar Weber: Tove Ditlevsen - Kopenhagen-Trilogie

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Ingmar Weber,

verantwortet das Direkt- und Digitalgeschäft

der Büchergilde und nimmt sich seit Jahren vor,

'Krieg und Frieden' zu lesen.

 

 

Autofiktionale Erzählkunst vom Feinsten:

Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie 

 

Kindheit – Jugend – Abhängigkeit: So nennt Tove Ditlevsen die drei schmalen autobiografischen Romane, die jetzt bei der Büchergilde in einem Band erschienen sind. Als sei die Abhängigkeit die folgerichtige letzte Stufe des Erwachsenwerdens. Richtiger aber ist, dass Ditlevsens Kindheit und Jugend der stete Versuch einer Emanzipation sind, nur um in immer neue Abhängigkeiten zu geraten.

 

Aufgewachsen im Kopenhagener Arbeiterviertel Vesterbro hat sie schon früh das Ziel, sich als Dichterin daraus zu befreien. Das schafft sie, gerät aber in Abhängigkeit von Männern, die über Veröffentlichung und Anerkennung entscheiden. Schließlich verführt ihr Ehemann sie zur Tablettenabhängigkeit. Tove Ditlevsen schreibt darüber keine Klageschrift, sondern erzählt sehr präzise, wie es ist, wenn man in Armut aufwächst. Wie es ist, wenn man als Frau auf die ehrgeizige Idee kommt, als Schriftstellerin Karriere machen zu wollen. Wie es ist, wenn man suchtkrank und willenlos nur an die nächste Drogenration denkt.

 

Ditlevsen besitzt eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und reflektiert ihr Leben so intelligent, dass man als Leser bestens unterhalten wird und seinen Horizont erweitert. Ich habe die drei Bände in einem Rutsch durchgelesen – richtig gute Literatur, unbedingte Leseempfehlung!