Von Mensch zu Mensch

Die Büchergilde hat seit ihrer Gründung den Menschen im Blick – als Individuum und in der Gemeinschaft. In den Partnerbuchhandlungen wird das tagtäglich gelebt. Die Gießener Mitglieder verbinden damit seit 1954 die Familie Tenten und heute Dagmar Tenten in der Buchhandlung am Wochenmarkt.

 

Von Lisa Ernestine Wagner

(c) Büro Farbe / mm
(c) Büro Farbe / mm

"Manche fliegen teuer in den Urlaub, manche kaufen Schuhe, andere basteln an Autos – ich leiste mir meinen Laden.“ Dagmar Tenten ist Buchhändlerin von Geburt an – das ist keine Übertreibung. 1954, zum 30-jährigen Bestehen der Buchgemeinschaft, beginnen ihre Eltern Irmgard und Jo Tenten die Büchergilde-Mitglieder aus Gießen und Umgebung mit ihren Büchern zu versorgen. Ein Jahr später kommt die Tochter auf die Welt – und nimmt fortan an der Bücherliebe ihrer Eltern teil. In den ersten Jahren ist die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung der Familie – ein großer Luxus für die damalige Zeit – sowohl Buchlager als auch Treffpunkt für die Büchergilde-Mitglieder. Im Flur stehen zwei von Jo Tenten selbst gezimmerte hohe Regale, stets gut gefüllt mit in Packpapier eingeschlagenen Büchergilde-Büchern, die Nummern sind aufgestempelt. „Anfangs kamen vor allem Vertrauensleute und klingelten“, erinnert sich Tenten. „Da wurde zusammengesessen, sich besprochen, bei uns war ständig Betrieb.“ Dann findet der Vater eine zum Laden umgebaute Garage: vorne ein großes Schaufenster, mittendrin ein wuchtiger Schreibtisch, hinten das Lager. Jo Tenten geht seinem regulären Job als Abteilungsleiter bei den Stadtwerken nach, in dieser Zeit kümmert sich Irmgard um die Büchergilde. „In seiner Freizeit war er im Laden. Aber eigentlich haben wir das immer zu dritt als Familie gemacht. Schon mit zwölf habe ich bei der Inventur geholfen“, erzählt Dagmar Tenten.

 

Nach dem Abitur entscheidet sie sich, Lehrerin zu werden. Sie bleibt für das Studium in Gießen: „Das Verhältnis zu meinen Eltern war immer gut, sie waren für ihre Zeit sehr fortschrittlich. Als Kind hatte ich ein Fernlenkauto, Indianerfiguren, eine elektrische Eisenbahn – unüblich für Mädchen.“ Schläge als Erziehungsmaßnahme? Hat sie nie erleben müssen. Während des Studiums und der ersten Lehraufträge bleibt sie der Büchergilden-Arbeit eng verbunden: vertritt ihre Eltern in der Urlaubszeit, holt die Bücher bei der Auslieferung Prolit im nahe gelegenen Fernwald ab, sortiert sie auch im neuen Ladengeschäft in der Wetzsteinstraße ein. Die Tentens steuern gemeinsam auf das 30-jährige Jubiläum ihrer Gießener Büchergilde zu.

 

Doch Anfang der 1980er-Jahre erkrankt Jo Tenten kritisch, und für Mutter und Tochter beginnt eine schwere Zeit. Mit großem Respekt spricht Dagmar Tenten von ihrer Mutter, die 56-jährig ihren Ehemann pflegt, ihren Führerschein macht und die Büchergilde am Wochenmarkt am Laufen hält. „Meine Mutter war sozial, sie war Idealistin. Nach dem Tod meines Vaters hat sie nicht aufgegeben – sie hat den Laden richtig hochgebracht.“ Denn Irmgard Tenten baut das aus, was sie und ihr Ehemann über Jahre aufgebaut haben: die Büchergilden-Geschäftsstelle als Kontaktort in Gießen. Sie ist tatkräftiger Teil der Friedensbewegung, fest eingebunden in die politisch, gesellschaftlich und kulturell engagierte Szene der hessischen Universitätsstadt.„Bei uns im Laden bekam man alle Informationen – wie kann man sich einbringen, wann ist das nächste Treffen, wer richtet den Kabarett-Abend aus?“ Irmgard Tenten ist in der ganzen Stadt vernetzt, gründet das Kulturrad Gießen, den Literaturkreis, einen Gewerkschaftschor und den Freundeskreis des Botanischen Gartens mit.

 

„Eine lange Zeit hat sich unser Leben im Laden und mit der Büchergilde abgespielt: Auf dem EDV-Gerät haben wir gefrühstückt, meine Mutter hat im Laden das Mittagessen gekocht, die Abende waren gefüllt mit Veranstaltungen und Büchertischen.“ Das Mutter-Tochter-Gespann hält fest zusammen. Nach der Schule steht die junge Lehrerin beinahe täglich der Mutter bei und unterstützt sie, soweit sie kann. „Wir hatten zwar keine Betten und Schränke da, aber unterm Strich haben wir praktisch in der Bügi gewohnt.“ Auch ihre Arbeit als Grund-, Haupt- und Realschullehrerin erfüllt Dagmar Tenten. Den ersten Lehrauftrag erhält sie ausgerechnet an der Schule, an der sie selbst eingeschult wurde und ihr Abitur gemacht hat. Genau erinnert sich Dagmar Tenten an die Situation, in der sie den Eltern im Laden von der ersten festen Anstellung berichtete und wie stolz diese waren. Die Klassenlehrerin unterrichtet gern: „Ich fand es nie so wichtig, dass die Kinder richtig rechnen und schreiben können. Für mich zählte, dass sie als Menschen etwas mitnehmen, dass sie lernen,für einander einzustehen.“ Nach elf Jahren im Schuldienst muss Dagmar Tenten ihren Beruf krankheitsbedingt aufgeben – ein weiterer herber Schlag. Doch sie lässt sich das Leben nicht grau machen: die Buchhandlung am Wochenmarkt, der Lebensgefährte in Frankreich, ein eigenes Yoga-Institut, die SchülerInnen im Gitarrenunterricht, Kurse an der Volkshochschule. „Im Grunde führe ich seitdem und bis heute genau das Leben, das ich mag.“ 84 Jahre – dieses Alter hatte Irmgard Tenten erreicht, als sie zum letzten Mal im Laden stand. Sie war nicht zu Besuch, sie war noch immer die Geschäftsführerin. Ihr Verlust traf die kulturelle Szene von Gießen schwer – die Tochter jedoch um ein Vielfaches härter. Es zahlte sich aus, was die Tenten-Frauen solange aufgebaut hatten: Nachbarn, Freunde, Bekannte und die Gießener Büchergilde-Mitglieder waren für Dagmar Tenten da.

 

Heute führt sie die letzte verbliebene reine Büchergilde-Buchhandlung und die Arbeit ihrer Eltern in all ihrer Vielfalt fort. Ihr Sortiment wird nur durch einige Veröffentlichungen regionaler AutorInnen erweitert– aus gutem Grund: Jede dritte Woche lädt Dagmar Tenten zu einer Veranstaltung in ihren Laden in der Wetzsteinstraße. Ob Konzert, Lesung, Vortrag oder Gespräch: „Ich freue mich über die vielen tollen Ideen und Anfragen.“ Durch die häufige thematische Abwechslung sieht man auch im Publikum immer wieder neue Gesichter. Hilfreich ist auch ihr guter Draht zur lokalen Presse. „Jede meiner Veranstaltungen wird angekündigt und nachbesprochen. Für mich ist das jedes Mal eine große Anerkennung, wenn ich mit der Büchergilde in der Zeitung stehe – das ist immer in memoriam an meine Eltern.“ Tentens Herz hängt an der Buchhandlung und an dem Vermächtnis ihrer Eltern.

 

„Wenn die Buchhandlung am Wochenmarkt einfach nur so ein Buchladen wäre“, sagt Dagmar Tenten, „würde das hier auch nicht mehr laufen.“ Aber sie ist eben ein Begegnungsort. Tenten übernimmt Blumendienste in der Urlaubszeit, betreut die Hunde von Marktgängern am Samstag während des Einkaufs, eine Nachbarin kocht samstags für sie mit. Über den ganzen Tag hinweg ist sie im Gespräch, bekommt Besuch, ist Ansprechpartnerin und Vertrauensperson. „Das ist das pralle Leben hier! Ich könnte nicht einfach in Rente gehen. Ich stehe jetzt hier für meine Eltern. Und ich bin stolz auf jedes Jahr mehr, in dem dieser Laden fortbesteht.“