Von der Wirkmacht der Bilder

Für die Neuausgabe von Arthur Millers Roman Fokus schuf die Leipziger Künstlerin Franziska Neubert
einen Zyklus von besonderen Holzschnitten. Die Grafiken führen in ihren Details und ihrer Farbigkeit in das
New York der 1940er-Jahre, in den Kontext des Buches. Zugleich berühren sie eine grundlegende und
zeitlose Frage: die Wirkmacht von bildhaften Klischees und Stereotypen. Vor dem Hintergrund einer Geschichte, die von Ausgrenzung und Hass handelt, sind wir eingeladen, uns gerade kein Bild der Figuren zu machen. Eine vielschichtige Perspektive, die auch mit Blick auf andere große Romane aus der Mitte des 20. Jahrhunderts bereichernd sein kann.

 

Von Niels Beintker

(c) Franziska Neubert

Eine Weile schon sitzt der fremde Besucher im Zimmer des Komponisten. „Ein Mann, eher spillerig von Figur“, notiert der unfreiwillige Gastgeber auf ein Notenpapier. Der Gast wiederum hebt an zu einer großen Rede über Deutschland und die Deutschen, dann spricht er über Künstlertum und Krankheit. Nach einiger Zeit verwandelt sich der so sonderbar Sprechende, ist nicht mehr „Ludewig und Mannsluder“, sondern „was Besseres“. Ausführlich schildert Adrian Leverkühn – die Hauptfigur in Thomas Manns Roman Doktor Faustus – die veränderte Gestalt, schreibt vom weißen Kragen und dem Schleifenschlips, ebenso von den weichen, mageren Händen, die „mit Gesten von feinem Ungeschick“ die weitere Rede begleiten würden. Auf der „gebogenen Nase“, so erfahren die Leser des sogenannten „Teufelskapitels“, „eine Brille mit Hornrahmen, hinter der feucht-dunkle, etwas gerötete Augen schimmern“, das Haar wiederum – aus der Stirn „erhöhend zurückgeschwunden“ stand zu den Seiten „schwarz und wollig“ dahin.

Der Besucher, der dem Komponisten verspricht, er werde der Zukunft den Marsch schlagen und die „Epoche
der Kultur“ durchbrechen, ist „ein Intelligenzler, der über Kunst, über Musik für die gemeinen Zeitungen schreibt“. Thomas Mann hat sich, wie so oft bei seinen Figurenschilderungen, realer Vorlagen bedient. Im Fall der Teufelserscheinung diente ausgerechnet derjenige als visueller Pate, der den Schriftsteller in musiktheoretischen Fragen ausführlich beraten hatte: Theodor W. Adorno. Dass die Figur, die ihm in einem der großen Romane
des 20. Jahrhunderts nachempfunden wurde, schließlich als „bebrillter Musikintelligenzler“ beschrieben wird, verrät einiges über Thomas Manns empfindliche Eitelkeit. Der Dank für die umfangreiche Expertise hätte anders ausfallen können.

Heimliche Verbindung


Es ist durchaus möglich, dass der, der Arthur Millers einzigen Roman Fokus liest – zumal in der von Franziska Neubert gestalteten Ausgabe – an diese vergleichbar kleine, nebensächliche Szene der Teufelserscheinung in Thomas Manns Doktor Faustus denken muss. Beide Bücher verbindet – abgesehen vom Zeitraum der Entstehung – nicht wirklich viel. Das eine schildert das Drama rassistischer Ausgrenzung in den USA. Das andere ist eine epische Vermessung der deutschen Geschichte vom Mittelalter zur Katastrophe im 20. Jahrhundert, von Kaisersaschern bis Auschwitz. Und doch können sich die Bilder verbinden: das Bild von Lawrence Newman und das des Teufels. Eine Brille gehört in beiden Fällen dazu. Für Arthur Miller ist sie ein hochsymbolisches Motiv. Für Mann ein kleines Dekor. Aber eben kein unwichtiges. Trotz dieser Differenz thematisieren beide Romane eine folgenreiche Vorstellung
der Moderne: den Glauben, Eigenschaften eines Menschen – sein Wesen, sein Verhalten, seine Sicht auf die Welt – von seinem Aussehen abzuleiten. Das Bild, das wir haben,
gibt die Zuschreibung vor. Und Stereotype, klischeehafte Konstruktionen werden wirkmächtig. In der erwähnten Passage aus dem Doktor Faustus ist das gut nachvollziehbar: Die äußerlichen Eigenschaften – gebogene Nase, Hornbrille, schwarzes Haar – bestimmen die weitere Darstellung der Figur. Auch wenn man ungern mit dem Teufel sympathisiert: Sein Erscheinungsbild – überhaupt sein Wesen – wird zuerst durch die wenigen und, wie bei Thomas Mann üblich, kunstvoll komponierten Zeilen bestimmt. Es wäre falsch und fahrlässig, Thomas Mann eine antisemitische Gesinnung zu unterstellen. Trotzdem zeigt die kleine Passage, dass auch er, ein so genialer Mann des Wortes, durchaus in der Lage war, Klischeebilder seiner Zeit mehr oder weniger unkritisch, ohne jede weitere Frage zu reproduzieren. Es ist leider kein allzu weiter Weg von der Darstellung des „bebrillten Musikintelligenzlers“ zu den Hetzkarikaturen der Nazis, zu den schrecklichen Bildern etwa im Stürmer oder auch im perfiden Propagandafilm Jud Süß. Ebenso wenig zu den Thesen der pseudowissenschaftlichen Rassenkunde im Dritten Reich, die schließlich ein Fundament schufen für Ausgrenzung, Verfolgung und Mord. Man fragt sich – Arthur Millers Roman Fokus vor Augen – warum etwa die Nase des Teufels bei Thomas Mann ausgerechnet gebogen und sein Haar schwarz sein muss. Und warum er eine Brille trägt? Vielleicht verbindet beide Bücher – so unterschiedlich sie auch sind – am Ende mehr, als wir wissen und als den Autoren lieb gewesen wäre.

Bilder ohne Bilder


Für die Illustratorin Franziska Neubert wurde die Frage nach dem Wesen solcher Bilder – und der mit ihnen verbundenen gesellschaftlichen Praktiken – essenziell. Sie steht im Zentrum ihrer vielschichtigen künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Roman Fokus. Und auch für sie führen andere Lektüren zu ihrer Auseinandersetzung mit dieser amerikanischen Geschichte. Franziska Neubert zählt Lion Feuchtwanger zu den Autoren, die ihr besonders viel bedeuten. Sein umfangreiches Romanwerk – eine lebenslange Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte in Deutschland und Europa – ist ein ideelles Fundament ihrer Arbeiten. Wohl vor allem deshalb, weil sie daran erfahren hat, wie folgenreich und auch zerstörerisch äußere Zuschreibungen – Bilder – sein können. In der intensiven Beschäftigung mit Arthur Millers Roman wuchs die Erkenntnis, einen Text auf dem Zeichentisch zu haben, der letztlich nicht zu illustrieren ist. „Bilder verbieten sich in diesem Fall“, sagt Franziska Neubert. Sie verweist auf die Geschichte: Von dem Augenblick an, in dem Lawrence Newman eine Brille trägt, wird er von seiner Umgebung nach stereotypen und rassistischen Mustern beschrieben. Die Folgen sind Ausgrenzung und Verweigerung. Der Erkenntnis folgend, mit eigenen Bildern derartige Muster unbeabsichtigt aufzugreifen, entschied sich die Künstlerin, den Figuren auf ihren Holzschnitten kein Bild – kein Gesicht – zu geben. Sie werden mehrheitlich aus der rückwärtigen Perspektive gezeigt, am Fenster stehend, im Büro, in der Metro, an der Rezeption, im Kino. Nur ganz selten, aus der Ferne, sind die Umrisse von Gesichtern zu sehen. „Mir blieb allein die Möglichkeit, eine anonymisierte Bilderwelt zu schaffen“, sagt Franziska Neubert. Auf diese Weise wird aber zugleich die existenzielle Einsamkeit, von der Arthur Millers Roman Fokus erzählt, visuell erfahrbar. Die Holzschnitte  – eine eigene Erzählung zum Text – wirken immer wieder beklemmend, verunsichernd, provozierend. Eine der Grafiken zeigt Menschen auf einer Treppe, die von der Subway zur Straße mit ihren Wolkenkratzern führt. Die Figuren darauf – alle nur mit dem Rücken zu sehen – taumeln wie benommen durch Raum und Zeit. Es gibt ein berühmtes Gemälde des halleschen Malers Uwe Pfeifer, das hier – bewusst oder unbewusst – zitiert wird: Feierabend. Passanten, nahezu alle anonym, rückwärtig gezeigt, drängen sich durch die Unterführung einer Trabantenstadt. Ein Bild, das die Tristesse im real existierenden Sozialismus vor Augen führt und dieses Gefühl zugleich als allgemeine Erfahrung – losgelöst vom Kontext der Zeit – vermitteln kann. Der einzelne Mensch hat kein Gesicht, keine Individualität.

Platte und fertiger Druck (c) Franziska Neubert

Historische Einordnung


Zur Arbeitsweise von Franziska Neubert gehört eine ausführliche Bildrecherche. Sie hat sich mit einer Vielzahl von New Yorker Stadtansichten aus den 40er- und 50er-Jahren beschäftigt. Ebenso mit dem Farbkosmos der Zeit, mit der visuellen Gestaltung von amerikanischen Druckerzeugnissen wie Werbeprospekten. „Ich wollte die Atmosphäre in den 40er-Jahren wiedergeben“, sagt die Illustratorin. Anders formuliert: Sie wollte Bilder und Farben dieser Zeit in ihre eigenen Grafiken übertragen. Die Holzschnitte rücken Arthur Millers Roman damit in den Kontext seiner Entstehung, historisieren ihn gewissermaßen. Eine solche visuelle Einordnung findet sich in vielen Arbeiten der Künstlerin. In ihren Bildern etwa für Joseph Roths Roman Das Spinnennetz (Büchergilde 2010, vergriffen) ist das nicht anders gewesen. Die Reihe der Bilder, die Figuren zeigen, wird durchbrochen von Räumen der Leere. Hier eine Vorstadtstraße, breiter Asphalt, gelb bis orange, dort ein Parkstreifen mit einer umgestürzten Abfalltonne. Im Roman wird von den Eimern und dem verstreuten Abfall erzählt, das Resultat einer judenfeindlichen Aktion in der Nacht, der Holzschnitt greift diese Episode auf. Zugleich führt die Grafik ein Thema fort, mit dem sich Franziska Neubert seit Langem beschäftigt. In einer beständig wachsenden Serie mit dem Titel Stadt_Land zeigt sie eine Vielzahl solcher Orte: Straßenzüge, Betonhäuser, Garagen, Hopfenfelder, Siedlungen. Auch auf ihnen ist kein Mensch zu sehen. Geometrie und Form sind bestimmend – und damit die Leere. In den Bildern für Fokus spielt das Motiv der Leere auch vor diesem Hintergrund eine wichtige Rolle.

Drucke im Grafikständer (c) Franziska Neubert

Zerstörte Bilder


Entscheidend für den Versuch, den Roman ohne ein konkretes Bild seiner Figuren zu illustrieren, wurde aber auch die Technik. Franziska Neubert arbeitet mit dem Holzschnitt in der sogenannten „verlorenen Form“, mit einem sehr aufwendigen Druckverfahren. Das Bild, so erklärt sie, wird ganz allmählich aus der Holzplatte geschnitten. Das fertige Motiv baut sich erst im Verlauf eines langfristigen Druckvorgangs auf, beginnend mit der ersten Schicht, der Grundfarbe. „Oft beginne ich mit der hellsten Farbe und ende mit den Kontrasten“, sagt Franziska Neubert. Jede Farbe wird dann einzeln geschnitten, selbst die für einen Schatten. Für manches Bild hat die Künstlerin 26 Farben ausgewählt.
Das heißt, die Druckplatte – im Hochdruck – wird 26-mal bearbeitet. Das heißt aber auch, dass die Platte am Ende des Druckvorgangs nicht mehr existiert. Franziska Neubert spricht von einer „selbstzerstörerischen Technik“. „Die schrittweise Reduktion führt dazu, dass die Druckplatte für immer verloren ist.“ Es gibt nur noch das Bild, nicht mehr seine Vorlage. Eine Wiederholung des Druckprozesses ist ausgeschlossen. Für einen Roman, der sich
auf besondere Weise mit der subtilen Wirkmacht von Bildern beschäftigt, ist das nicht nur ein praktischer Ansatz. Vielmehr ein philosophischer Zugriff. Die Bilder, die die Leser der von Franziska Neubert illustrierten Ausgabe betrachten, lassen sich nicht reproduzieren. Man kann sich kein weiteres Bild machen. Die Leipziger Künstlerin erzählt, sie habe in der Auseinandersetzung mit Arthur Millers Roman lernen müssen, dass der Antisemitismus auch in den USA wirkmächtig gewesen sei, zumal in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Ausgerechnet in dem
Land, dessen Gründerväter sich in der Unabhängigkeitserklärung von 1776 zu den unveräußerlichen Menschenrechten, zur Freiheit und zum Streben nach Glück bekannt hatten. Im 19. und im 20. Jahrhundert wurden die Vereinigten Staaten zur neuen Heimat für zahlreiche vertriebene Juden aus Europa. Sie flohen vor den Vorurteilen und den stereotypen Bildern der Menschen in ihren Heimatländern. Die perfiden Bilder begegneten den Einwanderern wie auch ihren Nachfahren allerdings auch dort. The Plot Against America,
einer der letzten großen Romane von Philip Roth, thematisiert auf beklemmende Weise den verbreiteten Antisemitismus aus der Rückschau, ausgehend von der hypothetischen Konstruktion, Charles Lindbergh, ein Sympathisant der Nationalsozialisten, sei bei der US-Präsidentschaftswahl 1940 gegen Franklin D. Roosevelt angetreten und habe diese für sich entschieden.

Kein Bildnis


In Deutschland und auch im von den Deutschen besetzten Europa blieb es bekanntlich nicht bei der Ausgrenzung der Juden. Sie wurden millionenfach ermordet, systematisch, mit kalter Präzision. Herabwürdigende Stereotype, verstärkt durch die Propaganda der Nationalsozialisten, haben nicht automatisch zum Massenmord geführt. Trotzdem sind sie Teil der komplexen Antwort auf die Fragen nach den Ursprüngen des letztlich unvorstellbaren Verbrechens. Menschen wurden herabgewürdigt und zu Schädlingen erklärt, die man nur vernichten könne. Die Bilder spielten in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Und auch deshalb verstört eine Schilderung wie die von Thomas Mann noch immer bei der Lektüre. Und es lassen sich leider viele andere Beispiele finden. In Bernard von Brentanos Roman Franziska Scheler – 1945 erschienen – wird eine Reise durch Polen in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg geschildert. Die Darstellung des jüdischen Lebens dort sorgt bei der Lektüre für tiefes Unbehagen. Mit der Neuausgabe von Arthur Millers Roman Fokus ist nicht nur die Möglichkeit gegeben, einen historischen Roman aus dem 20. Jahrhundert wieder zu lesen und zu entdecken. Die von Franziska Neubert gestalteten Grafiken zwingen uns, über grundlegende Fragen und die Wirkmacht von Bildern intensiv nachzudenken. Leitend ist dabei ein Gedanke: Wir sollen uns – zumal nach den Erfahrungen der Schoah – kein Bildnis machen, wir sollen nicht vom Äußeren eines Menschen auf sein Wesen schließen. Diese Aufforderung, diese Utopie steht  – ganz leise formuliert – im Zentrum der durchaus bedrückenden Illustrationen. Der Gedanke ist nicht neu. Max Frisch notierte in seinem Tagebuch von 1946 den Entwurf einer Geschichte mit dem Titel Der andorranische Jude. Seine Mitmenschen sehen in ihm den Juden, heißt es da. Es sei „das fertige Bildnis, das ihn überall erwartet“. Er wird gedemütigt. Und er wird umgebracht. „Du sollst dir kein Bildnis machen“, schreibt Max Frisch am Ende des Fragments. Franziska Neuberts vielschichtige Grafiken lassen sich als Fortführung dieses Gedankens lesen.

 

 

Niels Beintker, geboren 1975 in Halle/Saale, ist Hörfunkjournalist und Redakteur beim Bayerischen Rundfunk. In der Redaktion „Kultur aktuell“ ist er unter anderem für das Büchermagazin Diwan und das Kulturjournal auf Bayern 2 tätig.