Ein Stück weiter denken als heute oder gestern

In seinem Buch Eine verspätete Reise besucht der niederländische Autor Daan Heerma van Voss das KZ Auschwitz. Es ist eine Reise, die er eigentlich mit dem zu früh verstorbenen Holocaust-Forscher, seinem Freund Daan de Jong unternehmen wollte.

 

Das Interview führte Ulrich Faure.

 

© Simon Burkhardt

Dein Namenspatron Daan de Jong, Neffe des in den Niederlanden berühmten Historikers, der den Zweiten Weltkrieg akribisch erforschte, überlebte die Nazidiktatur als Untergetauchter, sprach aber kaum über diese Zeit. Warum? Viele Opfer der Nazidiktatur (z. B. Anita Lasker-Wallfisch) haben doch bis ins hohe Alter ihre Aufgabe darin gesehen, die Öffentlichkeit über die Naziverbrechen als Augenzeugen zu informieren und aufzurütteln.


Ich kann nicht für Daan oder für andere, sondern nur für mich selbst sprechen. In Eine verspätete Reise versuche ich, Daans Stimme wieder erklingen zu lassen, aber ich werde diese Frage nicht für ihn beantworten können. Allenfalls könnte ich versuchen, ihn zu „verteidigen“ – sein Schweigen, sein empfindsames Schweigen, die Momente, in denen er sich in sich zurückzog und man sah, wie er durch die gerupfte Vergangenheit wanderte. Das alles hat mir vielleicht mehr über den Krieg beigebracht als die Worte von Primo Levi.

 

„das Erinnern wird nur dann problematisch, wenn es von auferlegter Schuld begleitet wird

 

Auch in Deutschland wird die Erinnerung an die Naziverbrechen wachgehalten. Und trotzdem erstarkt hier im Lande der Antisemitismus und eine rechtsnationale Partei wie die AfD eilt von Wahlsieg zu Wahlsieg. Was läuft da falsch mit der sogenannten Erinnerungskultur?


Ich weiß nicht, ob irgendetwas mit der Erinnerungskultur falsch läuft. Sie scheint mir auf jeden Fall moralisch einer Kultur des Vergessens und Verdrängens vorzuziehen zu sein, wie sie beispielsweise in Amerika herrscht, etwa wenn es um die von ihnen begangenen Verbrechen geht. Ich denke, das Erinnern wird nur dann problematisch, wenn es von auferlegter Schuld begleitet wird. Wenn sich Menschen, die noch nie ein Verbrechen begangen haben, für die Gräueltaten ihrer Eltern verantwortlich fühlen sollten, kann dies zu Ohnmacht und Frustration führen, und diese Gefühle werden sich einen Weg nach oben bahnen. Dann bekommen Parteien Aufwind, die stolz einfache Lösungen präsentieren, die befreit sind von solchen Schuldgefühlen. Das ist natürlich nicht der einzige Grund für das Aufkommen und den Erfolg der extremen Rechten. Meiner Meinung nach sind wirtschaftliche Faktoren da schwerwiegender.

 

„Letztendlich können fast alle Gräueltaten auf Angst zurückgeführt werden

 

Deine Reise nach Auschwitz unternahmst du zum 70. Jahrestag der Befreiung des KZ, dein Buch Eine verspätete Reise erscheint in Deutschland jetzt zum 75. Jahrestag. Ist der zeitliche Abstand schuld daran, dass der Schrecken über diese Geschehnisse im kollektiven Gedächtnis verblasst? Obwohl tagtäglich ebensolche Verbrechen gegen die Menschlichkeit stattfinden, nur eben gerade nicht vor unserer Haustür, sondern beispielsweise in Syrien?


Historische Unwissenheit kann ein Faktor sein, der ein politisches Klima vergiftet, aber selten neue Schrecken. In Syrien wissen die meisten Menschen heute wenig über den Holocaust, aber das war vor fünfzig Jahren vermutlich ähnlich. Mit zunehmendem Alter denke ich immer pragmatischer über solche Konflikte. Konflikte haben nichts mit Erinnerung zu tun, es sind keine philosophischen Debatten, die mit einer Machete ausgefochten werden. In der Regel sind es aggressive Reaktionen auf sich ändernde Umstände – Armut, Klimawandel und Völkerwanderungen. Letztendlich, denke ich, können fast alle Gräueltaten auf Angst zurückgeführt werden.

 

© Simon Burkhardt

Ich habe einmal in Amsterdam auf dem Dam die Gedenkfeier für die Toten des Zweiten Weltkriegs am 4. Mai miterlebt, bei der die letzten Überlebenden des Naziterrors bzw. die Nachkommen aus den Opferfamilien Kränze niederlegen und das ganze Land ein paar Minuten in absoluter Stille verharrt. Da ist es sicher nicht nur mir als nachgeborenem Deutschem eiskalt den Rücken heruntergelaufen. Solche Zeremonien sind eindrucksvoll, trotzdem haben in aller Welt die Rechtspopulisten ungebremsten Zulauf. Was muss passieren, um dem Einhalt zu gebieten?


Leider habe ich darauf keine Antwort. Das Einzige, was wir tun können, ist, zu verstehen, warum Menschen sich dazu aufgefordert fühlen, darüber nachzudenken und in ein Gespräch einzusteigen. Dem Aufstieg der Rechtspopulisten ein Ende zu setzen erscheint mir nicht nur unmöglich, sondern auch unerwünscht: Dann bleiben alle Frustrationen unter der Haut sitzen und eitern nur noch mehr, und der Eiter kommt bei einer nächsten Auflage des Rechtspopulismus wieder heraus, der – so funktioniert Dynamik nun einmal – dann noch extremer ausfallen würde.

 

Du schreibst, du gehörst zu einer „Generation, die nicht über den Krieg sprechen kann, ohne schockierenden Humor zu verwenden“. Wie erreicht man die Vertreter dieser Generation?


Ich gehe in Schulen und nehme jede Einladung wahr, in der ich gefragt werde, ob ich etwas über den Krieg erzählen will. Und ich schreibe darüber. Mehr kann (jemand wie) ich nicht machen. Und viel weniger wäre auch nicht gut.

 

„Es ist für mich sehr interessant, dass einige Elemente aus den 1930er-Jahren wieder hochkommen“


Das Thema Zweiter Weltkrieg hat dich auch zu deinem Roman Abels letzter Krieg inspiriert. Der Protagonist Abel (so hieß Daan de Jongs Bruder, der mit ihm untergetaucht war) will sich im Hier und Heute fühlen wie ein Widerstandskämpfer und entführt ein rumänisches Flüchtlingskind, um es zu verstecken. Nebenbei fälscht er ein KZ-Tagebuch, um sich als Schriftsteller in Erinnerung zu bringen. Doch der Geschichtsprofessor, mit dessen Hilfe er seinen Coup landen will, ist ebenfalls ein Betrüger … Woher kommt dein explizites Interesse an dieser Zeit?

 

Es ist für mich sehr interessant, dass einige Elemente aus der Vorkriegszeit, den 1930er-Jahren, wieder hochkommen. Fremdenfeindlichkeit, Populisten, Gespräche über Rasse und geschlossene Grenzen. Meine Hauptfigur Abel ist jemand, der sich dieser offensichtlichen Wiederholung sehr bewusst ist. Wenn die Geschichte zyklisch ist, spielt sie sich in Kreisen ab, was bedeuten würde, dass wir auf einen neuen Holocaust zusteuern; oder ist das eine falsche Interpretation der Dinge? Ich finde das eine sehr fesselnde Frage, und ich habe meinen Romanhelden Abel bei seiner Suche liebevoll alle Kastanien für mich aus dem Feuer holen lassen.

 

2018 durftest du die Rede bei der Gedenkfeier für die Toten des Zweiten Weltkriegs halten. Was geht einem da durch den Kopf, wenn man am Rednerpult steht? Als ich dort stand und sowohl nach dem Premierminister als auch nach dem König und meinem Vater Ausschau hielt, schoss mir vor allem eins durch den Kopf: Gott behüte, dass ich mich verspreche und dann laut anfange zu fluchen. „Wenn die letzten Überlebenden gestorben sind, werden uns nur noch Echos bleiben“, schreibst du. Wie lässt sich ein solches Echo verstärken?

 

Es geht nicht darum, diese Echos zu verstärken, sondern um sehr gutes und aufmerksames Zuhören. Sich einfach mal einen Moment Zeit nehmen, um die Augen zu schließen und ein Stück weiter zu denken als heute oder gestern.

 

Ein Wort speziell für die deutschen Leser deines Buches?

 

Ich hoffe, dass diese „Verspätete Reise“ dafür sorgt, sich die Zeit zu nehmen und auf das Echo einer Stimme von jemandem zu hören, der nicht mehr lebt und der mir sehr wichtig ist.

 

Vielen Dank für das Gespräch!