BÜCHERGILDE KLASSIK

 

Mark Twain Unterwegs mit den Arglosen

 

Eine Seefahrt, die ist lustig …

… fragt sich nur, für wen!

"Die Stimmung an Bord? Wie auf einer 'Beerdigungsprozession ohne Leiche', so Twain..."

 

 

 

 

Marie-Theres Stickel (Lektorat Büchergilde) und Marlen Heislitz (Redaktion Büchergilde-Magazin) sprechen über Mark Twains Klassiker Unterwegs mit den Arglosen und die besondere Büchergilde-Ausgabe. Leinen los, und volle Fahrt voraus!

 


Marlen Heislitz: Liebe Marie, wohin entführen uns Mark Twains Reisebriefe in Unterwegs mit den Arglosen?

 

Marie-Theres Stickel: Als erste amerikanische Luxuskreuzfahrt sollte der Seitenraddampfer Quaker City im Sommer 1867 von New York aus in See stechen. Die Route: eine Reise nach Europa, über das Mittelmeer und zu den heiligen Stätten Palästinas. Die Passagiere: eine illustre Runde aus Prominenten, Schauspielerinnen, Generälen und Kongressabgeordneten. Das war zumindest das, was zahlreiche Zeitungen ankündigten und auch Mark Twain dazu verleitete, sich als Schiffsreporter der Reise anzuschließen.

 

Unversehens sagte jedoch jegliche Prominenz die Reise ab – und der damals noch vergleichsweise unbekannte Mark Twain fand sich in Gesellschaft einer älteren, streng religiösen 77-köpfigen Reisegruppe wieder. Für diese Pilgergruppe war der Zigarren rauchende, Whiskey trinkende und Karten spielende Sonderkorrespondent mit seinen wüsten Späßen wohl eher ein gottloser Kabinengenosse. Umgekehrt verglich Mark Twain die Stimmung an Bord mit der einer „Beerdigungsprozession ohne Leiche“ …

MH: Bei diesem Buchtitel schimmert schon ein gewisser Humor durch. Wer sind diese Arglosen eigentlich, wo wollen sie hin und warum nimmt Twain sie so heftig aufs Korn?

 

MTS: Mark Twains Mitreisende könnte man wohl als überwiegend fromme, recht selbstgefällige und vor allem gutgläubige Pilgernde skizzieren, die sich ihren großen Lebenstraum erfüllen und die Pilgerstätten des Heiligen Landes bereisen. Anhand der schrulligen Nacherzählungen biblischer Geschichten lässt sich ohne Zweifel erkennen, dass auch Twain selbst eine solide Bibelfestigkeit vorweisen kann.

 

Gleichwohl steht sein sarkastischer Blick auf Religion, auf die geheuchelte Frömmigkeit der Passagiere im Vordergrund. Der Diskrepanz zwischen religiöser Theorie und Praxis nimmt er sich besonders gerne an: Als die PilgerInnen eine Segeltour auf dem See Genezareth antreten möchten, für die man ja nun aufwendig um den halben Erdball pilgerte, scheitert diese doch tatsächlich am dort aufgerufenen Preis, und die Gruppe bleibt grimmig an Land zurück.

MH: Diese Ausgabe versammelt die ungekürzten und unzensierten Berichte. Wie liest sich das denn?

 

MTS: Die gut 50 Reisebriefe, die Twain für drei amerikanische Zeitungen verfasste, erschienen bisher nur in einer stark editierten Version. Mit der nun vorliegenden ungekürzten Übersetzung der Urfassung und den Anmerkungen von Übersetzer Alexander Pechmann lässt sich Twain ganz neu entdecken und erleben. Viele Passagen, in denen sein typisch finsterer Spott durchschimmert, lesen sich sehr ungezügelt und hemmungslos – viele Berichte entbehren jeder politischen Korrektheit.

 

Schenken wir Twains Reisebriefen Glauben, dann sind die Pilgernden ziemlich komische amerikanische TouristInnen, die von Museum zu Museum hechten und doch nicht mehr über Malerei wissen, als ein Känguru über Metaphysik… Und wenn Twain von der Reisegruppe berichtet, die, im Gänsemarsch durch Syrien reitend, beinahe beständig vom Sattel plumpst und deren Mitglieder alle einen weißen Lumpen aus Konstantinopel um ihre Hüte gewickelt haben, dunkelgrüne Brillen mit Seitengläsern tragen und weiße Sonnenschirme in der Hand halten, denken wir heute unwillkürlich an weiße Socken in Sandalen…

 

MH: Das erinnert mich gleich an David Foster Wallace‘ beißende Beobachtungen auf einem Kreuzfahrtschiff in Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich – die Texte verfasste er ja ebenfalls für eine Zeitschrift. Und auch Arezu Weitholz schreibt in Beinahe Alaska (erscheint in der Reihe BÜCHERGILDE unterwegs 1/22, Anm. d. Red.) lakonisch-witzig über die Passagiere auf hoher See. Die räumliche Geschlossenheit der Reise mit einem Schiff scheint eine besondere Auseinandersetzung mit den Mitreisenden zu provozieren …

 

MTS: … ja, der Mikrokosmos eines Schiffes scheint eine große Vielfalt an gruppenpsychologischen Dynamiken freizusetzen. Diese literarisch zu reflektieren macht die Schreibenden nicht selten zu wahnsinnig spannenden BeobachterInnen, die sich – so scheint es oftmals – einem in sich geschlossenen, temporären Gesellschafts-Experiment anschließen. Ein Schiff können Reisende nicht so einfach verlassen wie einen Zug – so fällt man auf einer Kreuzfahrt unweigerlich auf sich zurück, das weite Meer lässt engstirnige Alltäglichkeiten und Gewohnheiten banal und kurios erscheinen.

 

Aus heutiger Sicht sind die Reisen der schwimmenden Kleinstädte auch noch einmal ganz anders, vor allem sehr kritisch, zu bewerten – die Umsetzung der Vision einer klima- und umweltverträglichen Kreuzfahrtindustrie scheint in weiter Ferne.

 

 

MH: Das Cover der Büchergilde-Ausgabe zeigt eine Karikatur von Mark Twain, wie er an Deck der Quaker City steht. Hinter dem Bild liegt eine kleine, spezielle Beschaffungsgeschichte. Wie seid Ihr an die Abbildung gekommen?

 

MTS: Eine passendere Karikatur für unser Cover hätte unsere Herstellerin Cosima Schneider nicht auftreiben können: Mark Twain, wie er vorne am Bug der Quaker City steht, mit leicht verkniffenem Gesichtsausdruck, wenig vergnügt – die arglosen Reisekompagnons beten vermutlich unter Deck ...

Unsere ersten Quellen-Recherchen zu dieser tollen Karikatur waren leider wenig erfolgreich. Mit Hochdruck durchforsteten wir Dutzende Datenbanken und Archive, doch zum Drucktermin konnten wir im Impressum den Urheber der Illustration (noch) nicht angeben. Schließlich stieß ich in einem Online-Archiv auf eine heiße Spur zum britischen The Idler Magazine, einem „illustrated monthly journal“, in dem 1892 die gesuchte Illustration erschien. Es war der schottische Künstler Andrew Scott Rankin (1868–1942), der Twain hier karikierte und seine Zeichnung zudem mit dem launigen Verweis auf die Rufe der Mississippi-Flussschiffer versah, die Samuel Langhorne Clemensʼ einschlägiges Pseudonym „Mark Twain“ begründeten („M-a-r-k three! ... Quarter less three! … Half twain! Quarter twain! Mark twain!“).

 

In einem etwas windigen irischen Online-Antiquariat fand sich schlussendlich noch eine Originalausgabe des fast 130 Jahre alten Journals – unglaublich! Viele Tage später kam ein gut verpackter, hornalter Journal-Band in Frankfurt an, auf Seite 349 die lang ersehnte Karikatur, von Übersee zu uns geschifft. Mark Twain hätte seinen Spaß gehabt.

The Idler Magazine - Vol. II, August 1892 to January 1893
The Idler Magazine - Vol. II, August 1892 to January 1893