Unter Freunden

Die letzte Bildfolge, die George Grosz gezeichnet hat, ist zu einer Kurzgeschichte seines Freundes Rudolf Omansen entstanden. Erstmals werden Text und Illustration nun herausgegeben.

 

Von Hendrikje Hüneke

George Grosz, 1959 © J. G. Jung

„Das für den Augenblick Unfaßbare ist eingetreten: Du bist nicht mehr!“, schrieb Rudolf Omansen (1920–1971) in einem offenen Brief an den gerade verstorbenen George Grosz (1893–1959), mit dem er am Tag der Beerdigung verabredet gewesen war. Die beiden Männer verband im letzten Lebensjahrzehnt des Künstlers Grosz eine Freundschaft, die über zwanzig Jahre Altersunterschied hinwegreichte. Dr. Rudolf Omansen war Leiter des ärztlichen Dienstes des Entschädigungsamtes und medizinischer Gutachter in einem Verfahren, das für Grosz eine Wiedergutmachungszahlung für die durch das NS-Regime entstandenen finanziellen, physischen und psychischen Leiden erwirken sollte. Sein Abschiedsbrief an Grosz zeugt davon, wie sehr der Mediziner den Künstler verehrte und wie stark er sich auch politisch von Grosz angeregt und aufgerüttelt gefühlt hatte: Er schreibt von der „Genialität jener Striche, mit denen Du die gegeißelt hast, die früher unsere Feinde waren und noch heute unsere Feinde sind und sein werden. Du hast uns wach gerufen zu Worten und Taten. Du hast uns gezeigt, wie die Maden der Kapitalisten und wie die Hirnlosigkeit des Militärs und die Fresser und Schmarotzer das wahre Leben unterminiert und durchwühlt haben. […] Das größte an Dir war, daß Du trotz allem nie ein Hasser gewesen bist, sondern ein Moralist und Kämpfer für das, was Dir Dein aufrechtes Herz befahl. Du warst ein genialer Kerl mit harter Faust.“

 

Erst 1958 hatte Georg Grosz sich dazu entschließen können, aus den USA wieder nach Deutschland zurückzukehren, was er 1959, wenige Monate vor seinem Tod, in die Tat umsetzte. Lange war eine Rückkehr für ihn undenkbar gewesen – zu groß waren die Verluste, die mit seiner Emigration einhergingen. Grosz war bereits 1933 aus Deutschland ausgewandert und hatte viele seiner Werke zurücklassen müssen. Mit offenen Augen hatte er, wahrscheinlich stets auch zeichnend, die politischen Veränderungen in Deutschland um 1930 wahrgenommen. Eine Einladung aus New York, um dort an der Art Students League zu unterrichten, muss ein willkommener Anlass gewesen sein, einen Ortswechsel in Erwägung zu ziehen. Kurz vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler wanderte das Ehepaar Grosz tatsächlich nach Amerika aus. Ihr Eindruck, dass in diesem Deutschland für den Künstler kein Platz war, bestätigte sich schnell; die Entscheidung, auszureisen, kam nicht zu früh. Nur kurze Zeit nach ihrer Ausreise wurde Grosz in seiner Wohnung und im Atelier von einer SA-Truppe gesucht. „Dass ich da lebend davongekommen wäre, darf ich wohl bezweifeln“, schrieb Grosz später in seiner Autobiografie. Noch im selben Jahr ist er als einer der ersten Regimegegner auch offiziell ausgebürgert worden. Viele seiner Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde gingen verloren, insbesondere durch die Beschlagnahmeaktionen in den Museen 1937 und die anschließenden Enteignungen.

 

So, wie es seine Frau Eva Grosz beschrieb, hat George Grosz nach außen hin das Bild erhalten wollen, dass es ihm in Amerika gut gehe. Immerhin war er dort ein bekannter und anerkannter Künstler. Er erhielt Lehraufträge und wurde in das kulturelle Leben des Landes eingebunden. Im Nachhinein notierte Grosz jedoch, dass sein „Ruhm in Amerika ein sogenannter ‚kleiner Ruhm‘ war und zudem ein schwer verkäuflicher“. Außerdem bedauerte Grosz, dass dieser Ruhm auf seinen Arbeiten der 1920er-Jahre beruhte und weniger seine gegenwärtigen Werke betraf. Seine körperlichen und seelischen Leiden hat er nach Evas Aussage anderen gegenüber immer verschwiegen. So war es auch nicht er, sondern seine Frau, die 1955 das Entschädigungsverfahren einleitete. Eva war es, die einen Bericht über die Verfolgungsgeschichte von George Grosz schrieb und von seinem seelischen Zustand berichtete. Wie sich in den Vorarbeiten für dieses Buch herausstellte, mag Rudolf Omansen einer der wenigen anderen gewesen sein, mit denen Grosz darüber sprach.


Das unheimliche Huhn, gezeichnet von George Grosz

Grosz und Omansen hielten über den Ozean hinweg Kontakt, und Grosz besuchte den Freund bei seinen wenigen Aufenthalten in Deutschland. Neben der gemeinsamen politischen Einstellung vereinte die beiden ihre Begeisterung für die Künste. Während einer dieser Reisen im Jahr 1958 verlas Omansen in geselliger Runde eine seiner Kurzgeschichten, die er als Ausgleich zu seiner medizinischen Arbeit schrieb. Es sind kleine, pointierte Geschichten, kurze psychologische Porträts, in denen die Protagonisten mit Traumata und vergessenen Erinnerungen konfrontiert sind – der Beruf brachte die Ideen hervor. In ihrer Schlichtheit sind die Erzählungen einprägsam; sie sind oft nachdenklich und von einer unterschwelligen Trauer durchzogen, gern absurd und manchmal makaber. Sie handeln von einem Mann, der seinen Dichterfreund an einer Ulme erhängt findet; vom Nachbarn Jack, der von einem fremden, grauhaarigen Herrn empfohlen bekommt, sich noch ein paar schöne Tage zu machen, bevor er sterben werde; von einem Witwer, der in einer Galerie ein Porträt von sich selbst entdeckt und sich erschüttert an seine vergessene erste Ehe mit der Malerin erinnert, oder von einer blauen Flasche, die – immer neu mit Gin befüllt – das halbe Leben eines Mannes begleitet. Möglicherweise hat die Absurdität der Erzählung vom unheimlichen Huhn George Grosz besonders fasziniert: Sie handelt von einem Archäologie-Professor, der jede Nacht voller Angst ein Huhn auf seinem Bücherregal beobachtet und den Beweis für dessen Existenz, eine Feder (und die damit verbundene Angst), täglich in seiner Manteltasche mit sich herumträgt. Fünf Tuschezeichnungen sind dazu entstanden. Mit der bemerkenswerten Leichtigkeit des Strichs und den virtuos variierten Strichstärken, die seinen späten Zeichnungen eigen sind, hat George Grosz Bilder für das dicke, plästrige Huhn auf den Bücherreihen und den Professor gefunden, der mehr und mehr um den Verstand gebracht wird.

Dass die Freundschaft zwischen dem Arzt und dem Maler auch auf künstlerischer Ebene eine gemeinsame Arbeit hervorgebracht hat, konnte bisher nicht gewürdigt werden. Alle Bemühungen, das Konvolut zu veröffentlichen, sind zu Lebzeiten der Freunde gescheitert. Die jetzige Realisierung der Publikation, 60 Jahre nach dem Tod von Grosz, ist vor allem den Galeristen Juerg Judin und Pay Matthis Karstens von der Galerie Judin in Berlin und der Büchergilde-Programmleiterin Corinna Huffman zu verdanken.

 

Das Fundstück, gestalterisch so belassen, wie es jahrzehntelang in einer Schublade gelegen haben mag, ist der Kern des Buches: die Reproduktion des Schreibmaschinenskripts mit sechs Erzählungen von Omansen und den dazu gefertigten Zeichnungen von Grosz. Den Kurzgeschichten vorangestellt ist der Abschiedsbrief von Omansen an Grosz, der die Bedeutung ihrer Freundschaft in sehr konzentrierter Form deutlich macht. Ein Essay von Ralph Jentsch, dem Nachlassverwalter von George Grosz, zusammen mit Pay Matthis Karstens und der Kunsthistorikerin Alice Delage, beleuchtet umfassend die bisher wenig beachteten Umstände, die zum Entschädigungsverfahren und damit zu dieser eigenwilligen Freundschaft geführt haben. Schließlich rekonstruiert ein Nachwort der beiden Herausgeber Judin und Karstens das Zustandekommen der künstlerischen Zusammenarbeit. In geprägtem Leinen mit Rundumfarbschnitt ist ein „Kleinod über Freundschaft“ entstanden, das einen fast vergessenen Schatz hebt.

 

Hendrikje Hüneke ist Kunsthistorikerin mit einer besonderen Vorliebe für Kunstbücher, Kunst im Buch und Buchkunst.

Faksimile von Omansens Manuskript mit einer Zeichnung von George Grosz