Die Wiederherstellung der Nähe

Tschechische Literatur auf dem Weg zum deutschen Leser

 

Von Tomáš Kubíček, Projektleiter des Gastlands Tschechien auf der Leipziger Buchmesse 2019

Aus: Karel Čapek; Hans Ticha: Der Krieg mit den Molchen

Die Beziehung zwischen der deutschen und der tschechischen Literatur hat Höhepunkte und Schwankungen erlebt. Es gibt auf beiden Seiten Texte und Autoren, ohne die die literarische Landkarte des Europa des 20. Jahrhunderts nicht vorstellbar wäre und ohne die man die Entwicklung des Romans und der Lyrik in beiden Ländern nicht nachvollziehen könnte. Der Blaue Reiter oder die Künstlergruppe Die Brücke haben zur turbulenten Entwicklung der avantgardistischen Kunst in der Zwischenkriegszeit in der Tschechoslowakei beigetragen. Ähnlich stark wurde im Gegenzug in Deutschland das Werk der Prager jüdischen Autoren Franz Kafka und Max Brod wahrgenommen. Die deutschen Übersetzungen der Romane und Dramen von Karel Čapek beeinflussten auch in Deutschland die Wahrnehmung und Darstellung der Kriegsgefahr, die vom Nationalsozialismus ausging. Jaroslav Hašeks Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg und seine Interpretation der Beziehung zwischen Mensch und Geschichte, wie er sie im Roman Der brave Soldat Schwejk zum Ausdruck gebracht hat (der bis heute zu den am häufigsten publizierten und übersetzten Werken der Weltliteratur zählt), definierte die Rezeption einer ganzen Reihe nicht nur deutscher Antikriegsromane. Übrigens waren auch die tschechischen Kubisten mit ihren deutschen Genossen eng verbunden. Es ist kein Zufall, dass in den 1930er-Jahren zahlreiche deutsche Intellektuelle vor den Gefahren des Nationalsozialismus in die Tschechoslowakei flüchteten.

Es gab aber auch Zeiten, in denen die Literaturen beider Länder sich kaum gegenseitig beeinflussten. Das lag nicht am mangelnden Interesse der Leserinnen und Leser, sondern war vor allem eine Konsequenz der beiden mächtigen totalitären Regime, die im 20. Jahrhundert den europäischen Raum prägten. Auf das Gebiet der kommunistischen Tschechoslowakei dringt die zeitgenössische deutsche Literatur nur oberflächlich vor, und zahlreiche deutsche Autoren müssen auf ihre tschechische Übersetzung bis in die Zeit nach der Samtrevolution im Jahr 1989 warten. Einige von ihnen werden von den tschechischen Lesern aufgrund des zeitlichen Abstands gänzlich vernachlässigt. In Westdeutschland hingegen werden Bücher tschechischer Autoren veröffentlicht, die dem tschechischen Publikum nicht zugänglich sind. Tschechische Exilschriftsteller wie Pavel Kohout, Milan Kundera, Jiří Gruša und andere werden von einem deutschen Publikum rezipiert und entwickeln sich in engem Kontakt mit der deutschen Literatur weiter. Durch diese historischen Umstände werden sie zu Autoren einer Literatur ohne nationale Wurzeln. Ihre Literatur findet in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz nach wie vor starken Anklang. Neben Milan Kundera oder Bohumil Hrabal, die Weltautoren sind, bleiben Ivan Klíma, Pavel Kohout oder Jiří Gruša eher in Europa verortet, sind also „tschechisch-deutsche“ Autoren. Mit der Etablierung dieser Autoren geht aber auch einher, dass ihr jeweiliger Stil, ihre Themen, ihre Anschauungen zur Grundlage einer ganzen Reihe von Stereotypen werden, die bis heute bestimmen, wie deutsche Leserinnen und Leser die tschechische Literatur wahrnehmen bzw. welche Art Literatur sie von tschechischen Autoren erwarten. Nicht selten finden wir deshalb in den Rezensionen, die deutsche Kritiker über tschechische Literatur schreiben, Vergleiche mit Kafka, Čapek, Hrabal oder Kundera. Dabei hat sich seit dieser Generation von Schriftstellern des 20. Jahrhunderts viel getan, neue starke Autorinnen und Autoren sind auf die Bildfläche getreten, die bisher seltener rezipiert werden. Ähnliches gilt für die Wahrnehmung deutscher Literatur in Tschechien. Im letzten Jahrzehnt haben sich die tschechischen Leser eher fernen Ländern zugewandt, wie der Literatur aus Asien oder dem Nahen Osten, und auch die böhmischen Länder wurden von der Welle des skandinavischen Kriminalromans überflutet

Tschechische und deutsche Autoren teilen durchaus ähnliche Themen. Sie verleihen ihnen jedoch jeweils andere Akzente und andere Perspektiven. Das ist zum einen der jeweiligen Erzähltradition geschuldet, zum anderen den unterschiedlichen Rollen, die die tschechische und die deutsche Gesellschaft innerhalb der weitreichenden gesellschaftlichen und politischen Umbrüche spielt. Die Archetypen ihrer Themen sind jedoch bei beiden gegenwärtigen Literaturen ähnlich, denn wir leben gemeinsam in einer Welt, und Literatur entsteht nicht im Vakuum, sondern stets in einem konkreten gesellschaftlichen und kulturellen Rahmen. Auch in der tschechischen Literatur finden deshalb Themen Anklang wie der Verlust der Wertsicherheit in einer Welt, in der die Wurzeln zwischenmenschlicher Beziehungen verkümmern. Ähnlich wie in der deutschen Literatur finden wir auch in der tschechischen die Beziehung des Menschen zur Geschichte thematisiert, zu jenen Erschütterungen also, für die die Literatur versucht – in Bezug auf Erkenntnis sowie Emotionen – einen Verhältnisrahmen darzustellen. Beide Literaturen teilen auch das Bedürfnis, über das beängstigende Gefühl zu sprechen, dass unsere Welt infolge der Globalisierung nicht enger zusammengerückt, sondern zerfallen ist. Gemeinsam ist auch das Bemühen, die Literatur bei all diesen Themen weiterhin als eigenständigen Raum zu begreifen, der sich aus Wörtern mit vielfachen Bedeutungen und aus lebendigen Vorgängen zusammensetzt. Eine Kunstform also, die experimentell sein kann, neue Formen sucht und diese auch annehmen kann.

All diese Facetten tschechischer Literatur finden sich auf der Leipziger Buchmesse in vier thematischen Schwerpunkten repräsentiert. Die veränderte Wahrnehmung der Welt in den vergangenen dreißig Jahren thematisieren vor allem Angehörige der „Generation 89“, also jene Autorinnen und Autoren, die vom Untergang des kommunistischen Systems profitierten und vor denen sich auf einmal die ganze Welt zu öffnen schien, die aber zugleich mit Erstaunen und oft auch Missbilligung deren Entfremdung beobachteten. Gewidmet ist ihnen der Themenschwerpunkt „In der neuen Welt – Generation 89“. Hierzu gehört zum Beispiel Jaroslav Rudiš, der in Berlin und Prag lebt und dem diese besondere Positionierung innerhalb zweiter Kulturräume einen kritischen, sensiblen und vielschichtigen Blick auf beide Kulturen ermöglicht. Dem Thema Entfremdung widmet sich auch Jiří Hájíček, der in seinen Romanen die traditionellen Familienbeziehungen und lokalen Gemeinschaften beobachtet, die in der Welt des Geldes und der Macht zerfallen. Die These, dass man der Globalisierung durch Betonung des Regionalen begegnen solle, wird in Hájíčeks Romanen zu einer unmenschlichen Grimasse verzerrt.

Die zeitgenössische tschechische Literatur versteht darüber hinaus Literatur als Medium der Mitverantwortung. Diese Thematik manifestiert sich auf der Buchmesse unter dem Titel „Literatur im Ausnahmezustand“. Hierzu gehören neben der Suche nach einem neuen Verhältnis zu den traumatischen Momenten der europäischen Geschichte, wie der Vertreibung nach dem Krieg, der Exilerfahrung oder der Samtrevolution, auch Fälle, in denen die Literatur zu einem Instrument für die Suche des Menschen nach der eigenen Identität und seine Beziehung zu den anderen wird. In diesem Zusammenhang ist Radka Denemarková zu nennen, eine der ausdruckstärksten tschechischen Autorinnen mit einem außerordentlich kritischen Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft. Auch der Tschecho-Amerikaner Jan Novák wählt für seine Romane konsequent Themen aus der jüngsten tschechischen Vergangenheit, um sie in zugespitzter Form auf die gegenwärtige Situation zu übertragen und seinen Lesern somit nicht nur deren Komplexität zu verdeutlichen, sondern sie gleichzeitig zu neuen Denkweisen anzuregen. Vertreten sind hier auch Autoren, die sich mit ihren Texten über die Grenzen der literarischen Normen wagen, um so den Kampf um eine neue formale Gestaltung der Literatur zu führen – erwähnenswert ist hier vor allem der ewige Experimentator Eugen Brikcius, der mit Dada und Mystifikation, Spiel und Philosophie jongliert.

Das Thema „Krisenzeiten? – Europa heute“ behandeln die Texte von Viktoria Hanišová mit großer sozialer Sensibilität und die allegorischen Visionen der antiutopischen Texte von Bianka Bellová. Beide Autorinnen zeigen in ihren Arbeiten mögliche Quellen gemeinschaftlich geteilter Werte auf.

Der letzte Themenblock – „Literatur der Beunruhigung“ – vereint Texte, die den Leser zu einem neuen Nachdenken zwingen, die ihn aus den gelernten Stereotypen und den gemütlichen, übersichtlichen Pseudosicherheiten „herausbrechen“ möchten. Diese Irritation wird durch verschiedene Methoden hervorgerufen: durch den magischen Realismus wie bei Michal Ajvaz, durch die Thematisierung von Sprache als einem dauerhaft ungenauen Instrument für die Benennung der Wirklichkeit wie bei Tomáš Glanc oder durch die Nutzung literarischer Texte als philosophisches Spielfeld und Raum für Gedankenexperimente wie bei Stanislav Komárek und Sylva Fischerová.

Die vier hier vorgestellten Themenfelder sind, so unterschiedlich sie scheinen mögen, alle miteinander verwoben und in verschiedenen Akzentuierungen wechselseitig präsent. Gemein ist allen Schwerpunkten zudem die hohe Anzahl weiblicher Literaturschaffender, die zurzeit die Aufmerksamkeit der tschechischen Verlage und der Leserinnen und Leser auf sich ziehen und damit auch Autorinnen verschiedener Generationen vermehrt in den Fokus rücken – Kateřina Tučková, Tereza Semotamová und Iva Pekárková seien hier beispielhaft genannt. Insgesamt rund sechzig Autorinnen und Autoren stellen im Laufe der Leipziger Buchmesse 2019 dem deutschen Publikum die tschechische Literatur vor. Sie wird hier durch alle Generationen und Genres hinweg präsent sein.

Die Leipziger Buchmesse ist gleichzeitig einer der Höhepunkt des Projekts „Tschechisches Kulturjahr“, das bereits im Oktober 2018 mit dem Leipziger Opernball eingeläutet wurde und bis zum November 2019 viele weitere Gelegenheiten bietet, die facettenreiche tschechische Kultur kennenzulernen und den Kulturaustausch zwischen Deutschland und Tschechien zu verstärken.

Ich würde mich freuen, wenn das Tschechische Kulturjahr in den deutschsprachigen Ländern nicht nur an die Beziehung Tschechiens mit seinen benachbarten Ländern erinnert, sondern diese weiter bereichert und festigt. Die globalisierte Welt ließ unsere Aufmerksamkeit füreinander schwinden, weshalb es umso wichtiger ist, Nachbarschaft aktiv zu leben und das gegenseitige Kennenlernen und den Austausch fortzuführen. Diese Wiederherstellung der Nähe stellt eines der wichtigsten Ziele des Tschechischen Jahres dar.