TOVE DITLEVSEN BEI DER BÜCHERGILDE

 

 

 

 

"Ein Mädchen kann nicht Dichter werden."

 

 

Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie – in einem Band bei der Büchergilde. 


Groß waren die Vorschusslorbeeren, bevor Tove Ditlevsens "Kopenhagen-Trilogie" erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung erschienen ist – immerhin hat Ditlevsen nicht nur in ihrer Heimat Dänemark den Status als Kultautorin. Ihre großartigen Bücher KindheitJugend und Abhängigkeit beweisen: Das Lob ist mehr als berechtigt.

 

Die "Kopenhagen-Trilogie" ist die Geschichte einer Befreiung und das eindringliche Porträt einer ebenso verletzlichen wie souveränen und eigenständigen Frau. Bei der Büchergilde erscheinen nun alle drei Bücher erstmals in einem Band.

 

 

„Bild dir bloß nichts ein. Ein Mädchen kann nicht Dichter werden.“ Harte Worte, die Tove Ditlevsens Alter Ego von ihrem Vater zu hören bekommt, als sie ihm als Zehnjährige begeistert von ihrem Berufswunsch erzählt. Da hatte sie heimlich schon einige Gedichte geschrieben – mit einem klaren Gefühl für Sprache. Doch diese Fähigkeiten zählen nicht im Arbeitermilieu der 1920er-Jahre, in dem sie aufwächst. Die Eltern sind nicht hartherzig, aber gefangen in den Konventionen der damaligen Zeit. Mit aller Kraft versuchen sie, ihre Armut nach außen hin zu vertuschen und Tove die Illusionen von einem selbstbestimmten Leben zu nehmen. Du musst lernen zu kochen und einen Haushalt zu führen, heißt es, und: Suche dir lieber schnell einen Mann, der dich versorgen kann.

 

Wie Tove Ditlevsen mit den Anforderungen der Gesellschaft und ihren eigenen Träumen letztendlich umgegangen ist, hat sie zwischen 1967 und 1971 aufgeschrieben. Kindheit, Jugend und Abhängigkeit heißen die drei Bücher ihrer „Kopenhagen-Trilogie“, die nun von Ursel Allenstein ins Deutsche übertragen wurden, die beiden letzten Bände sogar erstmalig.

 

 

„Die meisten Erwachsenen behaupten, sie hätten eine glückliche Kindheit gehabt, und vielleicht glauben sie das wirklich, aber ich tue es nicht. Ich glaube, es ist ihnen lediglich gelungen, sie zu vergessen.“

Aus: Kindheit / Jugend / Abhängigkeit

 

Tove Ditlevsens Sprache ist klar und geradlinig; schonungslos ehrlich berichtet sie von ihrer Kindheit, die sich für sie wie eine schlecht sitzende Haut anfühlte, die es abzustreifen galt, legt ihre Charakterschwächen und Fehltritte offen. Ditlevsen erzählt von ihrer hart erkämpften Loslösung vom Elternhaus, ersten Männergeschichten, und dem Wunsch nach „einem Zimmer für sich allein“, um in Ruhe schreiben zu können. Der dritte Band schildert ihre Jahre als erwachsene Frau und bekannte Schriftstellerin: Drei kurze Ehen hintereinander, Abtreibungen und Schwangerschaften, und das alles unter dem Druck, sich gleichzeitig in der Literaturwelt zu beweisen. Um das aushalten zu können, greift sie immer häufiger zu Schmerzmitteln, wird später sogar in eine Entzugsklinik eingewiesen. Die Sucht bleibt ihr ständiger Begleiter.

 

Auch wenn sich die Erlebnisse der Erzählfigur nahezu bruchlos auf biografische Details der Autorin zurückführen lassen, bewahrt Tove Ditlevsen bewusst die Distanz zwischen sich und ihren Texten. Dass die erzählende Tove nicht wie die Autorin 1917, sondern ein Jahr später geboren wurde, setzt den notwendigen Rahmen für die Form der Autofiktion, die reale biografische Ereignisse mit erfundenen vermischt.

 

Tove Ditlevsen hat eine zeitlose Frauenfigur erschaffen, die immer wieder selbstbewusst ihre Stimme erhebt und trotz teilweise massiver Widerstände ihren eigenen Weg verfolgt. Am Ende der drei Bände fühlt man sich, als hätte man ein langes Gespräch mit einer engen Freundin geführt, der man unbedingt helfen möchte. Und es doch nicht kann: 1976 nahm sich Tove Ditlevsen mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Ihre Texte aber haben sie unsterblich gemacht.

 

Von Julia Schmitz

"Damals hatten wir schon das richtige Gespür" – Ditlevsen und die Büchergilde

 

Die aktuelle Ausgabe der Büchergilde versammelt die "Kopenhagen-Trilogie" erstmalig in einem Band. Doch dies nicht ist der erste Roman von Tove Ditlevsen, der bei der Büchergilde erscheint.

 

Bereits 1962 brachte die Büchergilde die deutsche Erstausgabe des Romans Straße der Kindheit heraus, den Tove Ditlevsen 1943 als junge Frau in Dänemark veröffentlichte. Ähnlich wie in ihrer "Kopenhagen-Trilogie" beschreibt Ditlevsen darin das Leben eines dänischen Mädchens in drei Teilen und greift zentrale gesellschaftliche Themen wie Herkunft, Klasse, Einsamkeit sowie typische Aspekte weiblichen Lebens ihrer Zeit auf.  

 

In Straße der Kindheit schreibt Ditlevsen mit einer noch größeren Distanz zur eigenen Biografie – beispielsweise entwickelt sich nicht die weibliche Hauptfigur Ester, sondern der Bruder Carl zum Schriftsteller und Stolz der Familie. Und obwohl Straße der Kindheit eine ähnliche Rahmenhandlung wie die "Kopenhagen-Trilogie" aufweist, ist so insbesondere ihre Auseinandersetzung mit dem Thema des weiblichen Schriftstellerinnentums eine andere: Die "Kopenhagen-Trilogie" verfasste Ditlevsen retrospektiv im Alter von 50 Jahren – und in dem Wissen, eine erfolgreiche Schriftstellerin zu sein.

 

 

Anmerkung: Die Büchergilde-Ausgabe des Romans Straße der Kindheit von 1962 ist schon lange vergriffen und die Rechte zurückgefallen. Eine Neuauflage ist nicht geplant.

Interview mit Corinna Santa Cruz aus dem Lektorat der Büchergilde – Über Tove Ditlevsens meisterhafte, eindringliche Sprache und was es für die Büchergilde eigentlich bedeutet, nach sechs Jahrzehnten wieder einen Titel von Tove Ditlevsen im Programm zu haben.

 

Liebe Corinna Santa Cruz, wie ist es für die Büchergilde, nach 60 Jahren wieder einen Titel – oder gleich drei in einem Band – von Tove Ditlevsen zu verlegen?

 
Wir freuen uns, dass wir die Autorin schon so früh und noch zu ihren Lebzeiten entdeckt haben. Damals hatten wir schon das richtige Gespür, und inzwischen ist die Autorin weltweit zur Klassikerin geworden. Wir schließen mit der Kopenhagen-Trilogie an den damaligen Erfolg unserer Ausgabe an. Es zeigt, dass manche Bücher alterslos sind und Leserinnen und Leser immer von neuem auf die eine oder Weise ansprechen.

 

Wem würden Sie eine Lektüre von Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie empfehlen?

 

Die Themen kennen wir alle: Suche nach Anerkennung, Einsamkeit, innere Konflikte und gleichzeitig der Wille, das Leben selbst zu gestalten. Kurze Antwort also: Jeder und vor allem jedem!

 

Gibt es etwas, das Sie an der Autorin besonders fasziniert hat?

 

Tove Ditlevsens präzise Sprache hat mich begeistert, die eindringlichen Metaphern, der schonungslose Einblick in ihre Seele: Das ist meisterhaft. Wie die Erfahrungen der Kindheit sich fortsetzen im Jugend- und Erwachsenenalter habe ich selten so gebannt gelesen. Ein Beispiel aus Kindheit:

 
„Dunkel ist die Kindheit, und sie winselt wie ein kleines Tier, das man in einen Keller eingesperrt und vergessen hat. Sie bildet eine Wolke vor dem Gesicht wie kalter Atem, und mal ist sie zu klein, mal zu groß.“

 

Nach einem solchen Satz muss man erst mal innehalten, nachdenken, nachspüren. Das schafft nur große Literatur. Ein Kompliment auch an die Übersetzerin Ursel Allenstein!