Edition Zeitkritik | Band 2

Alles Funktion - oder doch nur Fassade?

Tina Kniep über die Architektur der Moderne

und was das Leben mit dem Bauen zu tun hat

 

„Form follows function“, sagt die architektonische Moderne.

 

Tina Kniep folgt im neuen Band der Edition Zeitkritik den Spuren dieser Denkweise und beleuchtet kritisch, was sie für modernes Wohnen bedeutet.

 

 

 

„Ja: Weniger kann mehr sein.

Aber ist nicht die entscheidende Frage:

Wann ist weniger mehr? Und was hat das mit Wohnen zu tun?“


Aus: Alles Funktion - oder doch nur Fassade?

 

 

Von Carsten Tergast

 

Wer heute auf Wohnungssuche geht und sich ein wenig was leisten kann und möchte, sucht häufig nach dem sprichwörtlichen Altbau-Charme. Hohe Decken, Holzfußboden und ein Haus, das die Aura der Gründerzeit oder des Jugendstils umweht, einer Zeit also, in der das Ornament in den besseren Kreisen organisch zum Wohnen dazugehörte.

 

Le Corbusier hatte für derlei Dekorationsverliebtheit und Schnörkel nur Verachtung übrig. In Tina Knieps essayistischem Gang durch die Gedankenwelt der modernen Architektur ist der französische Stararchitekt gewissermaßen der Punchingball der Reflexionen. An ihm arbeitet Kniep sich ab, wenn sie einerseits die Faszination des puristischen Wohnstils beschreibt, andererseits aber auch die von Le Corbusier und anderen behauptete Funktionalität des Ornamentlosen kritisch infrage stellt.

Ein leichtfüßiger, essayistischer Gang durch die Interpretationshorizonte des Wortes "Wohnen"

Dabei ist die auch vom Bauhaus propagierte Klarheit der Formen und Massentauglichkeit der Bauten durchaus nicht belanglos. Die Autorin erkennt darin die Realisierung eines bestimmten Menschenbildes in Form architektonischer Gestaltung. Mit seiner konsequenten Ausrichtung auf die Bereitstellung von schlichtem Wohnraum für eine riesige Anzahl von Menschen ist die Nähe zu politischen Ideologien, die auf die Masse anstatt auf das denkende Individuum setzen, naheliegend.

 

Knieps Beschäftigung mit Le Corbusier, dem Bauhaus und anderen schwankt zwischen der Faszination, die ihr konsequentes Denken auslöst, und der Ablehnung der Folgen, die solch ein Denken haben kann. Davon ausgehend gleitet der Text sanft ins Philosophische über, wenn die Autorin der Frage nachgeht, was denn Wohnen eigentlich bedeutet und ob es immer an den Gedanken des sesshaften Aufenthalts an einem bestimmten, klar definierten Ort gebunden sein muss. Können wir nicht auch in Texten wohnen, in Gedankengebilden? Wer Kniep auf ihrem leichtfüßigen Gang durch die Interpretationshorizonte des Wortes „Wohnen“ folgt, wird mit vielen reizvollen Denkanregungen belohnt.

In Alles Funktion - oder doch nur Fassade? wird Architektur zur Philosophie


Alles Funktion. Oder doch nur Fassade?

In diesem Text wird Architektur zur Philosophie, zur ernst zu nehmenden Reflexion darüber, was uns als Menschen ausmacht und wie wir unser Leben gestalten wollen. Das schließt die Suche nach einer heimeligen Altbauwohnung nicht aus, wenn wir uns das nächste Mail auf die Suche nach einer neuen Heimstatt begeben. Und doch werden wir nach dem Einzug die verschnörkelte Stuckdecke vielleicht mit anderen Augen betrachten.