Die Balance zwischen schwer und leicht

Der Künstler Jim Avignon im Interview über Guy de Maupassants Roman Stark wie der Tod und über seine Arbeit an dem Buch – die Fragen stellte Jürgen Sander.

Foto: Jürgen Sander

Du warst ein bisschen in Sorge darüber, ob deine Illustrationen zu Literatur aus dem 19. Jahrhundert passen?

Meine ursprünglichen Bedenken, dass ich es mit einem Literaturgenre zu tun habe, mit dem ich gar nichts anfangen kann, haben sich sofort zerstreut. Ich war vom ersten Moment an gepackt von den messerscharfen Psychoanalysen, die 50 Jahre vor Freud dort formuliert wurden. Ich fand’s ungemein modern. Die Motivation der Protagonisten hätte man ohne Probleme in die heutige Zeit legen können. Insofern habe ich mich sehr gefreut, für dieses Buch Illustrationen anfertigen zu können. Mir ist allerdings auch klar geworden, dass ich mich auf einen gewissen Spagat einlassen muss, weil ich mich nicht problemlos mit meinen Figuren, die ja in einer Art Paralleluniversum existieren, in das 19. Jahrhundert begeben kann. Ich musste zumindest recherchieren, was die damalige Mode, Frisuren, Klamotten, Bartmode, Möbel, oder Gebäude ausmachte. Dazu habe ich mir einen großen Ordner angelegt mit Illustrationen, Gemälden aus dieser Zeit, aber auch Gesichtsausdrücken. Ich glaube, dass die Leute damals anders geschaut haben. Ausgehend davon habe ich begonnen, meine Bilder zu entwickeln.

 

Wie war deine Arbeitsweise?

Seit einigen Jahren nutze ich gefundene Pappkartons, die ich wahlweise mit Vintage Geschenkpapier-Mustern beziehe oder mit selbst eingefärbten Papieren. Auf diesen Pappen arbeite ich dann. Die Pappen sind dann meist etwas verzogen und sehen so aus, als hätten sie einige Jahre auf dem Buckel. Ich habe mich für diese Technik entschieden, zum einen, weil mir die Farbstimmungen ganz gut gefallen, dann wollte ich für die Bilder einen einheitlichen Look haben. Ich sah ja das Problem, dass ich mich nicht so souverän den Szenerien im 19. Jahrhundert nähern kann. Wenn ich einen farbigen Hintergrund wähle, habe ich nicht den Zwang, die Zimmer bis ins letzte Detail malen zu müssen, Zimmer, die ich gar nicht kenne. Das heißt, ich konnte mich mehr auf die Charaktere selbst und ihre Stimmung, auf die Interaktionen, auf die Spannungen zwischen den Personen konzentrieren und konnte den Hintergrund vernachlässigen, weil ich ja schon die Farbstimmung hatte. Das kam mir auch entgegen, weil im Buch sehr oft Farbstimmungen beschrieben werden. Im Prinzip war das fast wie eine Anleitung.

Ich habe mit meiner Tochter zusammen all diese Hintergründe gemalt – einen ganz großen Vorrat – und habe dann je nach Motiv, das ich malen wollte, den passenden Hintergrund ausgewählt, hab das Motiv erst in klein, dann in größer skizziert und dann auf die Pappe übertragen.

In deinen Bilder wird immer eine gewisse Melancholie spürbar.

Selbst die Arbeit, die ich jetzt für den Tabor-Kalender gemacht habe – Die letzte Rille – ist ja auch ein melancholisches „Jetzt-ist-alles-gleich-vorbei“. Trotzdem werden diese Arbeiten immer als heiter empfunden – mein ewiges Dilemma im Leben. Eine leichte humorvolle Brechung ist bei mir einfach immer mit drin und letztendlich ist das auch meine Wahrnehmung vom Leben. Ich kann nicht durchs Leben gehen und sage „Alles ist schlimm“, genauso wenig kann ich sagen „Alles ist toll“. Letztendlich ist es immer die Balance zwischen schwer und leicht, zwischen tragisch und komisch, die ich in meinen Bildern wiedergebe.

 

Steckt das auch auch in den Bildern zu Maupassant?

In diesem Buch sind alle sehr egoistisch. Letztendlich glauben sie, es ginge um die große Liebe, aber sie verfolgen alle mehr oder weniger egoistische Motive, und diese Scheinheiligkeit, die sich nur in kleinen mimischen Details widerspiegelt, war es, was mich bei der Illustration gereizt hat: Schaffe ich es, die beiden Hauptdarsteller in einer ganz normalen Szene darzustellen, so dass man an den Gesichtern dennoch ablesen kann, was gerade in den Köpfen passiert? Das war die größte Herausforderung für mich.