EXKLUSIV BEI DER BÜCHERGILDE

 

Robert Seethaler | Sebastian Rether (Ill.)

 

Der letzte Satz

Nachhall des Lebens

 

Unermüdlich und ohne Kompromisse: Gustav Mahler, der bedeutende Komponist der Spätromantik, widmete Leib und Leben der Musik. Mit knapp 50 Jahren ereilen ihn schwere Krisen und er erkrankt.

 

Autor Robert Seethaler spinnt in seinem neuen Roman Der letzte Satz eine feinfühlige Introspektive des geschwächten Mahler, der seinem Ende entgegensieht.

 

Illustrator Sebatian Rether findet exklusiv für die Büchergilde feine Illustrationen für eine Geschichte voller Schönheit und Bedauern. 

 

In unserem Interview mit dem Autor wollten wir wissen:

Was bleibt, wenn wir gehen, Herr Seethaler?

 

Die Fragen stellte Marlen Heislitz.

Illustration von Sebastian Rether.
Illustration von Sebastian Rether.

In Ihrem Roman Der letzte Satz lassen Sie Gustav Mahler sagen: „Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür.“ Lassen Sie es uns trotzdem versuchen. Was für einen Bezug haben Sie zu (klassischer) Musik? Welche Musik hören Sie am liebsten und wann? Und wann ist Zeit für Stille?

 

RS: Ich höre nicht oft Musik. Es ist mir meistens zu viel. Am liebsten habe ich es tatsächlich still. Insbesondere bei der Arbeit. Schreiben heißt für mich: der Stille Raum geben – und sie ertragen. Die Stille ist essenziell. Sie gibt mir Kraft und Gesundheit. Und das meine ich wirklich im körperlichen Sinn. Es sollte viel mehr geschwiegen werden. Überall dieses Gequatsche und Geplärr. Im allgemeinen Geschrei geht die einzelne Stimme unter. Das Geschriebene soll eine eigene Harmonie sein. Oder von mir aus eine eigene Disharmonie. Literatur ist Klang, auch wenn er nach außen nicht hörbar ist. Und Klang öffnet Bilder.

Mahlers letzte Reise findet in einer Zeit statt, geprägt von einem anderen Lebensrhythmus. Mit dem Schiff Ozeane überqueren geschieht heute zumeist als Freizeitvergnügen oder Logistikunternehmung. Welche Bedeutung nimmt Langsamkeit heute ein?

 

RS: Für jüngere Menschen ist die Langsamkeit ein Luxus, den sich nur wenige leisten beziehungsweise den kaum noch jemand erträgt. Mit dem Älterwerden kann man der Langsamkeit nicht mehr entkommen. Mir erscheint Langsamkeit immer als etwas Tröstliches. Ich möchte langsam gehen, um besser zu sehen.

 

 

Der Hamburger Illustrator Sebastian Rether liefert für die Büchergilde-Ausgabe Ihres Romans eindringliche Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Buchillustrationen galten lange als Erklärungselement für das geschrieben Wort. Mittlerweile sind sie viel mehr Begleiter, Akzentuierung, Kontrast oder weitere Interpretationsebene. Als was empfinden Sie sie?

 

RS: Illustrationen setzen Erinnerungszeichen.

 

 

Sie bezeichneten das Schreiben einmal als „Schnitzarbeit“. Handwerk und Mühe, ja, körperliche Anstrengung stecken in diesem Begriff, an dessen Ende ein poliertes Werk steht. Was machen Sie mit den Spänen?

 

RS: Das mit dem Schnitzen habe ich mal gesagt, um wenigstens irgendein Bild für die Arbeit zu finden. Wie alle Bilder stimmt es nur bedingt. Schreiben ist Schreiben und kein Schnitzen. Aber wenn man schon dabei bleibt: Die Späne werden schon während des Schreibens weggeweht. Ich behalte nichts.

 

 

Abschied, Tod und Vergänglichkeit durchziehen als Elemente Ihr Werk. Mit Das Feld gaben Sie einer Reihe verstorbener Dorfbewohner eine Stimme. Nun lassen Sie mit Gustav Mahler einen Kreativen, einen Künstler von Weltruhm, der für das Komponieren brannte, über das Ende des Lebens sinnieren.

Sehen Sie Künstler in einer besonderen Position, wenn es um den Umgang mit dem Tod geht? Was bedeutet es, wissentlich ein Werk zu hinterlassen, anhand dessen man mitunter zur Ikone stilisiert wird? Oder ist das am Ende alles hinfällig? Was hat schöpferisches Werk mit dem Leben bzw. dem Tod zu tun?

Illustration von Sebastian Rether.
Illustration von Sebastian Rether.

RS: Künstler sehen sich zumindest selbst gerne in einer besonderen Position. Im besten Fall finden sie bleibende Bilder und Erzählungen vom Tod. Doch wenn sie selbst vor ihm stehen, unterscheidet sie nichts von anderen Menschen. Schöpferisches Werk hat immer und ausschließlich mit dem Leben zu tun. Die Vorstellung vom Tod ist zumeist schrecklich. Dabei ist er im Grunde banal. Er gibt dem Leben nur einen Rahmen. Das Werk bleibt – zumindest eine Zeit lang. Doch was hat man als Toter davon? Die Stilisierung zur Ikone ist Sache der Lebenden.

 

 

Goethes „Mehr Licht“ oder Churchills „Es ist alles so langweilig“ – berühmte letzte Sätze gibt es viele. Haben Sie einen Favoriten? Oder halten Sie es mit Karl Marx, der proklamiert haben soll: „Letzte Worte sind für Narren, die noch nicht genug gesagt haben.“

 

RS: Letzte Worte erweisen sich ja erst im Nachhinein als solche. Insofern irrt Marx. Allerdings sind Menschen, die mit dem Reden nie aufhören können, tatsächlich Narren – leider aber nicht im Sinne Shakespeares …

 

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Seethaler!

© Maarten van den Heuvel, unsplash.com
© Maarten van den Heuvel, unsplash.com