DIE BÜCHERGILDE IM SCHACHFIEBER

 

 

Auf eine Partie Schach



 Schachnovelle von Stefan Zweig
  Mit Illustrationen von Christoph Vieweg

             Das Damengambit von Walter Tevis  

 

 

 

Wer einmal in das Schachspiel eingeweiht wurde, kommt nicht mehr davon los – das zumindest suggerieren die Schachnovelle von Stefan Zweig und Das Damengambit von Walter Tevis.

 

 

Dame schlägt König

 

 

D2–d4, d7–d5, c2–c4: Was für Laien nach einer beliebigen Abfolge von Buchstaben und Zahlen aussieht, ist für Eingeweihte klar erkennbar – und zwar als sogenanntes „Damengambit“, eine klassische Eröffnung des Schachspiels. Sie heißt so, weil dabei einer der Damenbauern zum Einsatz kommt und auf der gegnerischen Seite – sofern sich diese nicht geschickt verteidigt – ein Bauernopfer gebracht wird. Es ist auch der Auftakt, den Beth Harmon am liebsten einsetzt, wenn sie mit einem anderen Schachspieler an dem schwarz-weißen Brett sitzt.

Beth ist die Hauptfigur in dem Roman Das Damengambit von Walter Tevis, die sich schon in jungen Jahren als Schachprofi erweist: Nachdem sie als Achtjährige in ein Waisenhaus gebracht wird – ihre Mutter ist zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen –, freundet sie sich zögerlich mit dem Hausmeister Mr. Shaibel an, der ihr die ersten Schritte auf dem Schachbrett erklärt. Nacht für Nacht liegt das schüchterne Mädchen fortan im Schlafsaal und lässt vor ihrem inneren Auge Spielfiguren imaginäre Kämpfe ausführen, verfolgt ihre neue Leidenschaft auch tagsüber heimlich im Unterricht.

 

Es dauert nicht lange, und Mr. Shaibel sieht sich immer wieder gezwungen, seinen König quer auf das Feld zu legen und damit seine Niederlage anzuzeigen. Die kleine Beth wird als Wunderkind gefeiert und ihre Adoptivmutter, zu der sie mit 13 Jahren kommt, reist mit ihr bereitwillig von Turnier zu Turnier, um die hohen Preisgelder abzusahnen. Es ist der Beginn einer erstaunlichen Karriere der jungen Frau, der es zwar an Einfühlungsvermögen bei anderen Menschen mangelt, die aber unschlagbare analytische Fähigkeiten besitzt. Dass sie für ihre Erfolge immer wieder auf Beruhigungspillen und Alkohol zurückgreift, fällt in der feuchtfröhlichen Atmosphäre der 1960er-Jahre zunächst nicht auf.

Der bereits 1983 erschienene Roman, der kürzlich erfolgreich als Serie verfilmt wurde, ist nicht der einzige Text über das uralte Brettspiel. Knapp 45 Jahre vor Tevis verfasste Stefan Zweig im brasilianischen Exil die berühmte Schachnovelle; sein letztes Werk, das erst postum nach seinem Freitod im Februar 1942 publiziert wurde. Zweig erzählt darin eine für die Gattung Novelle klassische „unerhörte Begebenheit“, die sich auf einem Passagierschiff Richtung Argentinien abspielt: Als der namenlose Ich-Erzähler erfährt, dass der weltbekannte Schachmeister Mirko Czentovic an Bord ist, versucht er, diesen zu einer gemeinsamen Partie zu überreden. Doch Czentovic, der ähnlich wie Beth Harmon bereits als Junge außerordentlich gut Schach spielte und dessen Kindheit rückblickend zusammengefasst wird, will dies nur gegen sein übliches Honorar tun – und außerdem in einer Simultanpartie gegen alle Anwesenden antreten. Dank des Mitreisenden McConnor, der das Geld beisteuert, setzt sich der Schachprofi letztendlich an das Spielbrett, wo er eine Runde nach der anderen gegen die versammelten Männer gewinnt. Bis sich ein gewisser Dr. B. einschaltet, der Czentovic anscheinend taktisch das Wasser reichen kann.

 

In einer Binnenerzählung erfahren wir, auf welche Art sich Dr. B diese Fähigkeit angeeignet hat: Er war in seiner Heimatstadt Wien von den Nationalsozialisten verhaftet und monatelang in einem kargen Hotelzimmer festgehalten worden; als er vor einem seiner Verhöre in einer Manteltasche ein Buch entdeckt, lässt er es mitgehen, um endlich Ablenkung zu finden. Es handelt sich dabei um Aufzeichnungen von Schachpartien, die der Gefangene in den folgenden Wochen immer wieder – wie Beth auf einem rein imaginären Spielbrett – nachspielt, bis er sich in einen regelrechten Wahn hineinsteigert.

Wo hört das Spiel auf, wo beginnt die Obsession? Im Falle von Beth Harmon handelt es sich sogar um eine doppelte, später sogar dreifache Sucht: Nicht nur gewöhnt sie sich schon als Kind daran, jedes Schachspiel zu gewinnen, und hält es dementsprechend nur schwer aus, auch mal zu verlieren; auch werden die Kinder im Waisenhaus regelmäßig mit Beruhigungsmitteln im Zaum gehalten und geraten schnell in eine Abhängigkeit. Die grünen Pillen helfen Beth dabei, sich auch ohne Spielbrett taktische Züge zu merken – ein Ritual, auf das sie selbst als Erwachsene noch vor jeder Partie zurückgreifen wird. Hinzu kommt regelmäßiger Alkoholkonsum, mit dem sie die Leere zwischen zwei Schachwettbewerben füllt und der sie fast ihre Karriere kostet. Während das Schachspiel ihr als Kind einen Ausweg aus der lieblosen Atmosphäre des Heims bot, wird es später ihr einziger Lebensinhalt sein. Der sie immer wieder an ihre psychischen und physischen Grenzen bringt. Zu Fluch und Segen zugleich wird Schach auch für Dr. B. in der Schachnovelle. Um in der Gefangenschaft nicht wahnsinnig zu werden, beschäftigt er sich mit dem Nachspielen einzelner Partien; bis diese ihm nicht mehr genügend Reiz bieten und er versucht, gegen sich selbst anzutreten. Doch das eigene Gehirn kann man nicht austricksen und so erleidet er letztendlich einen Nervenzusammenbruch.

Stefan Zweig und Walter Tevis beschreiben den schmalen Grat zwischen Leidenschaft und Sucht, den ihre Figuren während des Schachspiels gehen, ähnlich – doch unterscheidet sich das Ende, das Beth Harmon und Dr. B nehmen. Und auch zeigt sich, welcher der beiden Autoren wirklich s(ch)achkundig war: In der Schachnovelle werden die einzelnen Züge der Partien nicht genannt, dafür wird die Atmosphäre der Anspannung im Raum durch die Erzählstimme regelrecht greifbar. Im Damengambit hingegen lassen sich die Spiele ausführlich nachvollziehen, Zug um Zug ist aufgezeichnet. Der Roman beschreibt außerdem nicht nur, wie viel intensive Vorbereitung vonnöten ist, um sich auf ein Schachturnier vorzubereiten, sondern auch die ebenso zeitaufwendige Nachbereitung der gespielten Partien. Bisweilen macht das den Text für all jene, die sich kein Schachbrett vor dem inneren Auge vorstellen können, etwas langatmig. Doch können Schachnovelle und Damengambit ein Anreiz sein, sich einmal mit Bauer, Turm, Läufer, König und Königin auseinanderzusetzen – wenn auch erst mal literarisch.

 

 

Text von Julia Schmitz



 

 

Auch bei den Kollegen und Kolleginnen der Büchergilde ist das Schachfieber ausgebrochen!

 

 

 

An einem sonnigen Tag wird gerne mal während der Mittagspause im Innenhof des Verlagshauses eine Partie Schach gespielt. Hier duellieren sich Julia Heller (Lektorat) und Marie Abramowicz (Praktikum Herstellung). 
Kollegin Alice Nieduzak (Mitgliederservice) ist ganz fasziniert von der Lektüre von Stefan Zweigs Schachnovelle.

 

 

Währenddessen denkt sich Kollegin Marie-Theres Stickel (Lektorat/Digitalmarketing) neue Strategien für ihre Schachpartie aus. Ein Blick in das Damengambit dürfte sie zu allerlei fachkundigen Schachzügen inspirieren...   

 

 

Und fragt man die beiden Kolleginnen hier – kann auch der Blick in die Schachnovelle eine Partie in ganz neuem Licht erscheinen lassen.