EINE PHILOSOPHISCHE HERAUSFORDERUNG

 

 

 

 

 

 

Rüdiger Safranski

 

 

Einzeln sein

 

 

 

 

 

Zwischen totalem Rückzug und medialer Selbstinszenierung: Rüdiger Safranski nähert sich dem Konstrukt des Einzeln sein anhand der Lebens- und Denkweisen bekannter Philosophinnen und Philosophen.

 

Allein, allein

 

Ein Beitrag von Julia Schmitz

 

 

Jeder ist ein Einzelner. Aber nicht jeder ist damit einverstanden und bereit, etwas daraus zu machen.“ Einer der Sätze, die der Philosoph Rüdiger Safranski in Einzeln sein, seinem Streifzug durch die Philosophie der vergangenen Jahrhunderte, gleich zu Beginn formuliert, könnte in der aktuellen Zeit nicht passender sein. Die Pandemie hat mit ihren ganzen Regeln zu physischem Abstand und erzwungenem Rückzug dazu geführt, dass sich viele Menschen von heute auf morgen völlig allein auf ihrem Sofa sitzend wiederfanden. Alleinsein hat seine Vorteile, Einsamkeit hingegen ist oft nur schwer auszuhalten.

 

 

So mancher Philosoph hat diesen Zustand jedoch bewusst gesucht, indem er sich aus der Gesellschaft zurückzog und den Fokus bewusst auf sich selbst richtete. Auf welche Weise sie dies getan haben, untersucht Safranski in seinem neuen Buch, das er selbst als „philosophische Herausforderung“ untertitelt: Martin Luther, Jean-Jacques Rousseau, Søren Kierkegaard, Henry David Thoreau, Stefan George und Jean-Paul Sartre kommen unter anderem zu Wort. Mit Ricarda Huch und Hannah Ahrendt sind darüber hinaus immerhin zwei Frauen vertreten; auch wenn ihre Lebenswege in erster Linie über die Beziehung zu einem Mann – Richard Huch und Martin Heidegger – erzählt werden.

 

 

 

„Wer als Einzelner seine Eigenheit entdeckt und annimmt, möchte zwar sich selbst gehören, aber doch auch zugehörig bleiben.“

 

Aus: Einzeln sein von Rüdiger Safranski

 

 

Obwohl die erwähnten DenkerInnen zum Teil durch ganze Epochen getrennt waren, lassen sich in vielen Theorien Gemeinsamkeiten erkennen. Martin Luther, der das Christentum im 16. Jahrhundert dahingehend kritisierte, es verkomme zunehmend zu einer Massenveranstaltung, war überzeugt, den Glauben nur individuell wirklich ausleben zu können. Er ähnelt darin Søren Kierkegaard, der drei Jahrhunderte später argumentierte, das Christentum sei keine „Stammesreligion“ und die christliche Offenbarung richte sich allein an den Einzelnen.

Während für Luther und Kierkegaard die Vereinzelung untrennbar mit der Religion, aber nicht zwingend mit einer Abkehr von der Gesellschaft verbunden war, suchten Jean-Jacques Rousseau und Henry David Thoreau bewusst den Rückzug von dieser. Rousseau war überzeugt, man könne entweder nur ganz sich selbst oder aber der Gesellschaft gehören; seine Angst vor der Vereinnahmung durch das Außen war so groß, dass er sich lieber von anderen Menschen fernhielt. Auch Thoreau kehrte der Zivilisation zeitweilig den Rücken, als er sich für zwei Jahre in einer Holzhütte am Walden Pond in Massachusetts niederließ. Ihm ging es allerdings eher darum, herauszufinden, ob ein Leben in Autonomie und Autarkie möglich ist – heutzutage würde er vielleicht in einer Selbstversorger-Kommune auf dem Land leben und Mangold anbauen.

 

Safranski widmet den Denkerinnen und Denkern nach Epochen sortiert je ein biografisch-essayistisches Kapitel; in „Zwischenbetrachtungen“ fasst er ihre Kernaussagen zusammen und macht so die Entwicklung der gewollten Vereinzelung über die Jahrhunderte greifbar – auch wenn die Gegenwart trotz ihrer augenscheinlichen Parallelen weitgehend ausgespart wird. Wie können wir also unsere Individualität bewahren und trotzdem Teil einer Gemeinschaft bleiben? Einzeln sein ist kein Ratgeber, aber eine gelungene Anregung, um begleitet von bekannten PhilosophInnen den eigenen Platz in der Welt zu reflektieren.