Reisen erlesen

Die Filmemacherin und Buchautorin Julia Finkernagel reist leidenschaftlich gerne, beruflich und privat. Für die neue Reihe BÜCHERGILDE unterwegs wählt sie nun mit Herz und Verstand Literatur aus, die neugierig macht auf (Un)bekanntes. Wo immer man sich zum Lesen niederlässt, mit diesen Büchern lassen sich durch die Augen der Schreibenden neue Gefilde entdecken und anregende Länder und Situationen miterleben.

 

Das Interview mit Julia Finkernagel führte Marlen Heislitz

Kaukasus, Russland © Julia Finkernagel

Wie findet man zu Reisezielen? Was zieht Sie magisch an, wodurch wird Ihr Interesse geweckt?


JF: Grundsätzlich finde ich ja fast jedes Ziel interessant. Gut – vielleicht würde ich nicht nach Tschernobyl fahren wollen. Und auch nicht an den Ballermann. Ein Land muss mir sympathisch sein. Ich werde angezogen von Landschaft, Natur und Artenreichtum, aber auch vom Umgang der Menschen mit ihrer Heimat. Ich schätze eine gesunde Beziehung zu gewachsenen Traditionen und eine anständige Esskultur. Sobald ich beim Recherchieren das Gespür für einen gewissen Spirit eines Landes oder einer Volksgruppe bekomme, ist es um mich geschehen. Meine Bucket List ist lang. Da ich mir aber vorgenommen habe, weniger zu fliegen,wird es wohl auch noch eine ganze Weile dauern, um sie abzuarbeiten. Solange lese ich mich schon mal warm.


Reisen bedeutet nicht nur, sich Unbekanntem zu stellen, sondern oftmals, mit sich selbst, dem eigenen Ich, konfrontiert zu werden. Wie verändert das Reisen uns?


JF: Jede meiner Reisen hat mich gelassener gemacht. Wer reist, verlässt seine Komfortzone. Manche der eigenen Gewohnheiten werden einem ja erst bewusst, wenn man sein vertrautes Umfeld verlässt.

Je fremder ein Ort ist, umso höher ist das Potenzial, Unwohlsein auszulösen. Alles riecht anders, sieht anders aus, fremde Geräusche, merkwürdiges Essen – nichts ist vertraut. Erst wenn ich beispielsweise zum Frühstück Reis mitFleisch serviert bekomme, realisiere ich, was ich gewohnt bin, und welche Bedeutung der Begriff bei uns eigentlich hat.

Durch das viele Reisen habe ich auch gelernt, dass man sich nach ein paar Tagen in fast jeder Unterkunft wohlfühlen kann. Und dass es in Ordnung ist, wenn man sich anfangs irgendwie fehl am Platz fühlt. Man lernt, dass das vorübergeht, und wird etwas milde – sich selbst und den anderen gegenüber.

Natürlich kann Reisen auch stressig werden, aber in diesem Stress schlummert oft eine unglaubliche Komik. Ich war mit einer Freundin in Malaysia. In der Herberge in Kuala Lumpur war unser Zimmer so winzig, dass wir nicht einmal unsere Rucksäcke auf dem Boden abstellen konnten. Erst waren wir betroffen und enttäuscht, aber nach einer Weile hat sich das in großer Albernheit entladen. Ich unterbrach die betretene Stille mit einem mittelüberzeugenden „Ist doch schön?“. Daraufhin drehten wir ein Unbedingte-Empfehlung-Video über die hervorragende 5-Sterne-Unterkunft. Es war der Auftakt vieler witziger Reiseberichte und letztlich die Keimzelle für Ostwärts.

Jurten in Kirgistan © Julia Finkernagel

Sich in einer anderen Gesellschaft, in einem fremden Land zu bewegen stellt immer die Frage nach dem „Ich“ und „dem Anderen“. Darf man sich auch mal Patzer erlauben? Wie gelingt vorurteilsfreie und rücksichtsvolle Kommunikation?


JF: Ich glaube, niemand ist wirklich vorurteilsfrei, und das ist auch in Ordnung so. Solange man sich dessen bewusst ist und dennoch eine Bereitschaft mitbringt, die eigene Haltung zu überdenken, ist man ein angenehmer Gast. Mir hilft es, mich im Ausland daran zu erinnern, dass nicht etwa die anderen die Fremden sind, sondern ich. Ob wir es wollen oder nicht: auf Auslandsreisen sind wir immer auch als Botschafter*innen für unser Heimatland unterwegs. Vielleicht bin ich in der ersten Wahrnehmung im Ausland noch „eine große Frau“, aber dann auch sehr schnell „die Deutsche“. Auf dem Gebiet der Fettnäpfchen bin ich international erfahrene Spezialistin. Hilfreich ist, ein Fünkchen Rest-Aufmerksamkeit für das Danach mitzubringen, um seinen Fehler möglichst schnell zu erkennen. Mit einer herzlichen Entschuldigung (und sei es nur als Geste) und einem ehrlich gemeinten Lächeln wird einem schnell verziehen. Als Gast genießt man in vielen Ländern einen Sonderstatus – kleine Patzer inbegriffen. Das ist beruhigend zu wissen, kann aber manchmal auch beschämend sein, also sollte man damit achtsam umgehen. Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn man die Sprache nicht beherrscht. Dennoch habe ich es mir zur Regel gemacht, in jedem Land ein paar Worte parat zu haben: Guten Tag, bitte, oh wie lecker, danke schön, auf Wiedersehen. Das tut mir nicht weh, öffnet die Herzen und stellt viele Begegnungen unter einen guten Stern. Für die weitere Kommunikation reichen Hände und Füße sowie ein freundliches Auftreten.
Was allerdings ebenfalls zur nonverbalen Kommunikation gehört, ist, was man trägt: Ich ziehe tendenziell eher mehr als weniger an. In konservativen Gesellschaften hat mir persönlich noch keine Kopfbedeckung geschadet (schützt außerdem vor Sonne und Wind). Und ob es einem nun gefällt oder nicht: Wer mit einem Schultertuch kommt, wird wie ein Schultertuch behandelt. Kommst du aber im tief ausgeschnittenen Sonnentop, wirst du wie ein nackter Ausschnitt behandelt. Das kann beim ersten Mal ein Fettnäpfchen sein, aber danach ist es eine Entscheidung, die man trifft.


Was waren Ihre intensivsten Momente des Innehaltens beim Unterwegssein?

 

JF: Die kann ich gar nicht alle aufzählen! In Tadschikistan war ich tief berührt. Wegen einer Überschwemmung auf dem Pamir Highway mussten wir einen Umweg durch den als gefährlich verschrienen Wachan-Korridor nehmen. Vier Tage lang fuhren wir entlang der Grenze zu Afghanistan und wurden gewarnt, nicht anzuhalten und auszusteigen. Ich sah Gebiete, die ich nur aus den schlimmsten Nachrichten kannte, und traf gleichzeitig auf Menschen voller Offenheit und Demut. Obwohl die tadschikische Provinz Berg-Badachschan ein bettelarmes Gebiet ist, wurden wir überall rasend großzügig willkommen geheißen. Das macht einen schon nachdenklich. Nicht nur einmal auf dieser Reise dachte ich, hiervon könnten wir uns alle mal eine Scheibe abschneiden.

Rauhe Drehbedingungen im Kaukasus, Russland © Julia Finkernagel

Welche Bedeutung hat das Schreiben für Sie, wenn Sie auf Reisen sind?

 

JF: Das Schreiben hat ja unerwartetgleichzeitig mit dem Reisen begonnen.Ich hatte ein Sabbatjahrvon meinem Managerinnendasein unternommen, weil ich herausfinden wollte, ob es nicht noch etwas Tolleres gibt, als eine Abteilung zu leiten und Mitarbeiter zu führen. Während dieser Auszeit habe ich Reiseberichte für Familie, Freunde und meine alten Kollegen geschrieben. Nach ein paar Monaten auf der Suche nach der Leidenschaft habe ich realisiert, dass ich sie schon längst gefunden hatte: dass Schreiben beziehungsweise Erzählen das ist, was ich am liebsten mache. Wenn ich jetzt unterwegs bin, habe ich leider nicht mehr so viel Zeit wie auf meinem Selbstfindungstrip. Also mache ich mir wenige Notizen und viele Fotos. Tatsächlich reichen ein paar Stichpunkte, um auch Jahre später das Gefühl an einen Ort wachzurufen, an einen Geschmack oder einen Geruch. Und dann kann ich es immer noch in Ruhe aufschreiben.

 

Die Reihe BÜCHERGILDE unterwegs startet mit zwei historischen Berichten aus den 1920er- und 30er- Jahren von Joseph Roth bzw. Erika und Klaus Mann sowie einem gegenwärtigeren Buch von Oliver Sacks. Wie unterscheiden sich die historischen Reisebeschreibungen von heutigen Berichten? Was sind ihre Besonderheiten? Was mögen Sie an ihnen?


JF: Für die Reise-Reihe der Büchergilde wähle ich Texte aus, die zeitlos sind – auch wenn sie durch den historischen Kontext an Belang gewinnen. Das klingt zunächst wie ein Widerspruch. Nehmen wir Das Buch von der Riviera: Unbestritten ist die Côte d’Azur ein Klassiker auf der Liste der Sehnsuchtsorte – das wird sie mutmaßlich auch weiterhin bleiben. Den Unterschied zu einem heutigen Reisebericht darüber macht aber erst die Beleuchtung durch Erika und Klaus Mann – vor dem Hintergrund der Geschehnisse ihrer Zeit. 1931 waren die Weltwirtschaftskrise und der sich grollend ankündigende dunkle Wendepunkt der Geschichte allgegenwärtig. So nehmen die beiden auf dieser Reise alles Nicht-Materielle mit, was sie bekommen können: jegliche Form von Genuss, Sinnlichkeit und Savoir-vivre. Das gibt diesem Reisebericht eine Bedeutsamkeit, die kein aktuelles Buch erreichen könnte. So sind nicht nur die Ziele faszinierend, sondern auch der Kontext, in dem die Autorinnen und Autoren unterwegs sind und schreiben.

Joseph Roths Reisen in die Ukraine und nach Russland in den späten 1920er-Jahren zeichnen ein Bild von einer osteuropäischen Gesellschaft, die sich in einem Übergangszustand befindet, aus dem sie sich nicht befreien kann. Roth sinniert über den Alltag der Menschen, die Gesellschaft, die Revolution – in seinen Augen nicht die, die sie hätte werden können. Durch ihn erspürt man russisches und ukrainisches Leben. Die Zusammenstellung seiner journalistischen Reportagen und Briefe ist keine klassische Reiseerzählung, bestehend aus Landschaftsbeschreibungen und skizzierten Gepflogenheiten, nein. Seine Berichte gehen über das bloße Aufnehmen hinaus, denn sie lassen begreifen. Roth schließt durch genaue Beobachtung des Äußeren auf die inneren Wahrheiten. Man erlebt ihn als Reisenden und als Verharrenden. Dieser Wechsel von Erleben und Verarbeiten ist es, was auch für mich eine gute Reise ausmacht. Und ganz nebenbei finde ich meine Auffassung einer anständigen Reportage bestätigt: das Verweben von Gesehenem und Erlebtem zu einer guten Erzählung. Für mich war das Lesen also auch ein Trainingslager.

Im Gegensatz dazu besteht der Bericht von Oliver Sacks’ Reise nach Oaxaca in Mexiko aus seinem tatsächlich geführten Reisetagebuch und nur – wie er beteuert – wenigen, nachträglich recherchierten und eingefügten Passagen. Die feine New Yorker Farngesellschaft ist ein begeistertes, auf einer außergewöhnlichen Expedition entstandenes Journal über eine schrullige Truppe von Amateurforschern, die sich als Freizeitbeschäftigung dem Auffinden und Bestimmen von Farnen verschrieben hat. Der Entdeckergeist steckt an. Mit seinen persönlichen Einblicken öffnet Sacks einem die Augen für das Kleine, Freundliche, Besondere – alles, was vermeintlich unspektakulär erscheint und doch entdeckt werden möchte. Außerdem stiftet das Buch Trost, wenn in Anbetracht der zahlreichen aussterbenden Arten Verlusttrauer aufkommt. Die liebevolle Begeisterung, mit der die Pteridologen (so heißen sie nämlich) ihre Farne betrachten, hat etwas Beruhigendes, Ermutigendes. Pflanzen, die schon vor den Dinosauriern auf der Erde waren, sind immer noch da. Das Tagebuch erzählt von mehr als nur fedrigen grünen Pflanzen: von einer alten indigenen Kultur und der Geschichte ihrer Eroberung, von Chili, Kautschuk, Schokolade, Zigarren – und von Freundschaft. Sie sehen, die Autorinnen und Autoren beschreiben ihre Reisen auf literarische und inspirierende Weise. Nicht die Aktualität, sondern die Bedeutung der Reiseziele und ihre Atmosphäre stehen im Vordergrund.


Tuschetien, Georgien © Julia Finkernagel

Das Lesen von Reiseliteratur, von Berichten und Tagebüchern wird auch als „Armchair Travelling“ bezeichnet – ein kleines Reiseerlebnis im heimischen Wohnzimmer also. Welche Vorteile würden Sie dieser Art des Reisens zuschreiben?

 

JF: Die Reiseerzählung als Vorläufer des klassischen Reiseführers erlebt ja gerade ein sensationelles Comeback. Lehnstuhl-Reisen könnten das neue Selbst-Hinfahren werden. Als „Armchair Travel“ scheint diese Rubrik in den Bücherregalen die sachlich-praktischen Reisetipps tatsächlich gerade zu überholen. Umweltfreundlicher ist das allemal, darüber hinaus spart es eine Menge Geld. Und Stress! Hier wird ein Lebensgefühl vermittelt – mal mit, mal ohne Komfort, aber immer aus der gemütlichen Leseecke zu Hause heraus. Keine Zeitverschiebung, keinen Sonnenbrand (es sei denn, Sie lesen auf dem Balkon), keine unliebsamen krabbelnden Besucher oder traumatischen Lebensmittelerfahrungen müssen Sie auf sich nehmen – all das erledigen die Autoren für Sie. Mit den Büchern dieser Reihe darf sich nun (auf Socken!) jeder so wie ich wegtragen lassen: in Welten, die man schon immer gern bereisen wollte, möglicherweise sogar bereits dort war oder von denen man ahnt, dass man selbst wahrscheinlich niemals hinkommen wird. Vielleicht aber lässt man sich auch zu einer tatsächlichen Reise inspirieren. Alles ist möglich.

 

 Zu guter Letzt: Was bringt Sie immer wieder nach Hause?


JF: Die Freude, meinen Mann und meine Familie wiederzusehen, ebenso wie meine Freunde. Die Sehnsucht nach selbst gekochtem Essen, unserem Wochenmarkt, ganz banalen Zu Hause-Gewohnheiten. Nachts barfuß aufs Klo gehen können, ohne dafür in einen Hinterhof zu müssen, zu frieren oder nass zu werden. Und die Lust, alles, was ich auf meiner Reise erlebt habe, in eine schöne Form zu bringen: in ein Buch oder einen Film. Und dadurch die Reise zu „verewigen“ und mit anderen Menschen zu teilen.