GEWINNER DES LUDWIG-BÖRNE-PREIS 2020

 

 

 

 

Der Fallmeister - Eine kurze Geschichte vom Töten

 

 

Christoph Ransmayr bei der Büchergilde.
 

Die finsteren Tiefen in uns

 

Eindringlich erzählt das neue Buch Der Fallmeister von Bestsellerautor Christoph Ransmayr von einem tragischen Unfall, einem Schleusenwärter und seinem Sohn sowie den menschlichen Abgründen, die so tief und tosend sind wie die Gewässer, durch die sie navigieren.

 

 

Christoph Ransmayrs Roman Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten spielt in einer nicht näher bestimmten Zukunft, in der es keine futuristischen Technologien gibt, die Länder der Welt sich vielmehr in unzählige Grafschaften, Zwergrepubliken und Stammesgebiete zersplittert haben. Es ist eine dystopische Vision unserer Zukunft, die der Schweizer Autor zeichnet: Überall herrschen Wasserkriege – angesichts der Klimakrise ein mehr als nur realistisches Szenario.

Als Hydrotechniker bereist der namenlose Erzähler des Romans seit einiger Zeit die verschiedenen Flüsse und Gewässer dieser Welt, nimmt am Wasserfest in Kambodscha teil, lebt am Mekong und am Amazonas, beobachtet Monsun und Fluten. Doch er wird verfolgt von den Erinnerungen an seine Kindheit, in der er ein isoliertes Leben im Fallmeisterhaus seines Vaters führte. Die Mutter, eine Geflüchtete, wurde aus der Grafschaft Bradon ausgewiesen und musste in ihre Heimat an der Adria zurückkehren. Über die Zeit nach ihrer Abschiebung spricht der Erzähler sogar von Gefangenschaft, denn er und seine Schwester Mira hatten nur einander.

Einige Jahre nach dem Verschwinden seiner Mutter folgten gleich zwei Tragödien aufeinander: Am Tag des heiligen Nepomuk verunglückten fünf Menschen am Großen Fall des Weißen Flusses und ertranken. Ein Jahr darauf stürzte der Verantwortliche des Unfalls, kein Geringerer als der Vater des Erzählers, ebenfalls in die tosenden Tiefen und verschwand. Ransmayrs Protagonist bleibt mit quälenden Fragen zurück: Ein trauriger Zufall, Selbstmord oder der Versuch, sich der Verantwortung für einen mehrfachen Mord zu entziehen und die Vergangenheit für immer hinter sich zu lassen? Ebenso verfolgen ihn die Bilder seiner Schwester Mira, die er seit Jahren nicht gesehen hat und die ihre gemeinsame Heimat ebenfalls verließ, um einem Deichgrafen an die Nordsee zu folgen. Ihr damaliges enges Verhältnis zueinander, das ein normales geschwisterliches Band überschritt, ist für den Erzähler mit der Zeit zu einer ähnlichen Obsession angewachsen wie die Überzeugung, dass sein Vater ein Mörder war und immer noch am Leben ist. So macht sich der Erzähler auf die Suche nach seiner Schwester im Norden, seiner verschollenen Mutter und seinem angeblich toten Vater, um endlich die Wahrheit über die vergangenen Ereignisse ans Licht zu bringen.

 

 

„Wie dünn, möglicherweise bloß hauchzart, war die Membran, die das Innerste eines friedlichen, Musik und Malerei und dazu Süßigkeiten, seine Kinder oder wenigstens sein Vieh liebenden Menschen von einer tief in ihm lauernden Bestie trennte?“

 

Aus: Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte zum Töten.

 

Auch in seinem neuesten Roman Der Fallmeister führt Ransmayr die reiche und detaillierte Sprache seiner vorherigen Werke fort. Lange, rhythmische Sätze werden ergänzt von intensiven Bildern rund um das Element des Wassers. So erschafft der österreichische Autor eine Erzählung, die beeindruckend hypnotisch ist wie ein reißender Fluss aus Worten. Während die Sprache nahezu altertümlich poetisch klingt, spielt die Handlung in einer dystopischen Zukunft. Es ist gerade dieser ungewöhnliche Kontrast, der die inhaltliche Verankerung in der Zukunft mit der zeitlosen Thematik der menschlichen Abgründe verbindet. Ein intensiver und hochaktueller Roman, der dennoch die allgegenwärtige Frage nach Schuld und Vergebung beleuchtet und das Wasser eindrucksvoll als Spiegel des Menschen porträtiert.

 

 

Text von Nadine Wichmann
Sie lebt in Bochum und arbeitet als Online-Redakteurin. Mit Ihrem Lebenspartner bloggt sie auf letusreadsomebooks.com über Literatur.