Unser Filmtipp

Abendlieder

Transit und In den Gängen: Zwei Filme über das hoffende Suchen und das geduldige Warten

© EuroVideo Medien

Anna Seghers’ Roman Transit, geschrieben in den Jahren 1941/42 im mexikanischen Exil, heute neu zu lesen, ist eine grandiose Wiederbegegnung. Vor allem fasziniert die schnörkellos „moderne“, ja fast gegenwärtige Sprache, mit der die Schriftstellerin ihren namen-, heimat und ziellos vor den Nazis durch Frankreich flüchtenden Helden ausstattet, jenen jungen Deutschen, der Anfang der 1940er-Jahre in Marseille inmitten vieler Emigranten strandet, die in überfüllten Cafés, auf Behörden und Konsulaten auf ihre Schiffspassagen nach Übersee, die Ausreisegenehmigungen und lebensnotwendigen Transit-Papiere warten. Allmählich erwacht Seghers’ Ich-Erzähler zu schärferem Bewusstsein, als er eine neue Identität annimmt: die des verfolgten Schriftstellers Weidel, der sich das Leben nahm und in dessen beharrlich suchende Frau Marie er sich verliebt. „Ich werde eher des Wartens müde“, resümiert er am Ende, „als sie des Suchens nach dem unauffindbaren Toten."

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Anna Seghers’ Fabel hat Christian Petzold zu einem frappanten filmischen Ansatz inspiriert: In seiner betont freien Romanverfilmung verzichtet er gänzlich auf jede historische Ausstattung, auf alte Autos oder zeitgeistige Interieurs, verankert die Ereignisse vielmehr im Hier und Jetzt der pulsierenden modernen Großstadt Marseille. So bekommt Seghers’ drängendes Thema um Flucht und Vertreibung vielfältige neue Bezüge, und unwillkürlich denkt man immer auch an die beklemmende gegenwärtige Situation in Europa: Geschichten vom Leben in Zeiten einer alten wie auch der aktuellen Flüchtlingskrise.

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Doch damit nicht genug: Zugleich ist Petzolds Transit ein betörend-intensiver, melancholisch-verzweifelter, obsessiver Liebesfilm – ein wenig Amour fou, ein wenig Seelendrama à la Hitchcocks Vertigo, erzählt wie aus dem Reich der Toten. Womit Petzold ganz nah an seinen eigenen, immer wiederkehrenden Kinothemen ist, seinem feingliedrigen und doch stets komplexen Kino der Gespenster, die in Zwischenreichen und Transiträumen verharren, „zwischen Leben und Tod, zwischen dem Gestern und dem Heute“, wie Petzold einmal erläuterte. „Wir, die Zuschauer, sind anwesend und abwesend zugleich.“ Auch in Transit findet Petzold pointiert poetische Bezüge zur (populären) Musik: Zum Nachspann erklingt, nunmehr zu einer völlig neuen Lesart anregend, der Song Road to Nowhere von den Talking Heads, während zuvor schon Hanns Dieter Hüschs Abendlied zum zentralen Glücks- und Sehnsuchtsanker des Protagonisten wurde. Niemand könnte diese Liedzeilen zerbrechlicher und behutsamer vortragen als der großartige junge Schauspieler Franz Rogowski: „Alles schläft und alles wacht / Alles weint und alles lacht / Alles schweigt und alles spricht / Alles weiß man leider nicht / Alles schreit und alles lauscht / Alles träumt und alles tauscht / Sich im Leben wieder aus / Es sitzt schon der Abend auf unserem Haus.“

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Nur vier Wochen vor den Dreharbeiten zu Transit stand Franz Rogowski bereits in Leipzig, Bitterfeld und Wittenberg vor der Kamera, und auch den Film In den Gängen von Thomas Stuber prägt er mit seinem zurückgenommenen (Körper-)Spiel und seinem feinen Gespür für die Balance filmischer Kräfte. Auch In den Gängen basiert auf einer literarischen Vorlage, auf einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer, und auch hier gibt es elegant eingesetzte Musik, die die Arbeitswirklichkeit in einem Großmarkt auf wundersame „höhere“ Ebenen hebt. Wenn der Tag beginnt und das kalte Neonlicht der Hallen, Regale und Tiefkühltruhen aufflackert, erklingt leise An der schönen blauen Donau von Johann Strauß, und die durch die Gänge gleitenden, Walzer tanzenden Gabelstapler weisen mit subtilem Zauber weit über die profanen Alltagsdinge hinaus.

 

So grundverschieden Transit und In den Gängen auch sind: Beide Filme sind wunderschöne, atmosphärische Liebesgeschichten, die ihre Themen nicht vorrangig über die Handlung, sondern über ihre Atmosphären abhandeln. Franz Rogowski mit Paula Beer (in Transit) sowie mit Sandra Hüller und Peter Kurth (in In den Gängen) möchte man ewig zuschauen in diesen ätherischen Abendlieder-Filmen um Gestrandete, Liebes- und Lebenssehnsüchtige, die warten und hoffen und doch nur zu gerne nach Hause kommen möchten. So wie die Tiere in Hanns Dieter Hüschs Abendlied: „Kabeljau schwimmt nach Haus / Elefant läuft nach Haus / Ameise rast nach Haus / Die Lampen leuchten – der Tag ist aus.“

© Susanne Duddeck




Vorgestellt von Horst Peter Koll, Redakteur und Kulturjournalist mit Schwerpunkt deutscher Film und Filmgeschichte; ehemals Chefredakteur der Zeitschrift FILMDIENST.

 

Dieser Text ist das "Editorial Film" des Büchergilde Magazin 1-2019. -> zum PDF

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