Unser Filmtipp

„Es gibt bloß schlechte Gärtner“

Das Filmdrama Die Wütenden – Les Misérables überprüft Victor Hugoseinstige Ideale anhand einer explosiven Gegenwart

 

Von Horst Peter Koll

© Al!ve

Vorspann. In kurzer Zeit hat sich fast alles verändert. Man könnte meinen, es war eine andere Welt, in der am 23. Januar 2020 das Drama Die Wütenden – Les Misérables in unsere Kinos kam. Danach zog die Pandemie durch die Welt, seitdem kämpfen wir vor allem mit der Organisation unseres Alltags. Der Blick auf andere, durch die Krise ja nicht verschwundene Probleme muss neu geschärft werden. Bei der viel beschworenen „Rückkehr zur Normalität“ erfüllt die (Film-)Kultur eine lebensnotwendige Aufgabe. Sie weckt neue Energien und schärft mit kreativen Mitteln das Gespür dafür, dass die Welt schon immer eine explosive Gemengelage voller unkalkulierbarer Gefahren war. Die Wütenden – Les Misérables führt dies nachdrücklich vor Augen: Der Blick auf die Fronten, Fraktionen und Friktionen in einer Pariser Vorstadt wirkt wie ein Brennglas, unter dem die Folgen von Ausgrenzung und Vernachlässigung zutage treten.

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Auf offener Straße. Der Film spielt in Montfermeil, einer Banlieue, 20 Kilometer von Paris entfernt. Armut und Perspektivlosigkeit prägen den Alltag, und dass Victor Hugo an diesem Ort 1862 seinen Roman Die Elenden ansiedelte, interessiert niemanden. Früher war die Hochhaussiedlung Les Bosquets ein Drogenumschlagplatz, jetzt ist sie ein Billigstrich. In den Plattenbauten siedelt ein Bevölkerungsgemisch der extremen Gegensätze. Nicht nur ein Drogendealer, die lokale Muslimbruderschaft sowie ein afrikanisch-stämmiger Viertel-Pate, der sich „Bürgermeister“ nennt, reklamieren die Herrschaft und Kontrolle für sich, auch die Polizei mischt tatkräftig mit: Die Anti-Gang-Brigade BAC patrouilliert selbstherrlich durch die Straßen, eine Gang wie jede andere, überheblich und gewaltbereit. Chris leitet ein solches Drei-Mann-Team, seine Devise: „Ich bin das Gesetz! Nie entschuldigen! Wir haben immer Recht!“

 

Es ist der Sommer der Temperaturrekorde 2018, Frankreich spielt im Fußball-WM-Finale gegen Kroatien. Auch die jungen Fans aus Montfermeil zieht es in die Innenstadt, geschmückt mit der Tricolore, singen sie im Bad der Menge die Marseillaise. Frankreich gewinnt 4:2, Hoffen und Bangen entladen sich im euphorischen Gefühl des Dazugehörens, dem Moment einer patriotischen Gemeinschaft. Doch wie trügerisch dies ist, signalisiert die Musik, die sich vorahnungsvoll über die Bilder auf den Champs-Élysées schiebt.

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Wenige Tage später macht sich der Polizist Stéphane auf den Weg vom Zentrum nach Montfermeil, wo er seinen Dienst bei der BAC antritt. Er wird den neuen Kollegen Chris und Gwada zugeteilt, die ihn in den pulsierenden Alltag förmlich hineinschleudern. Dann gerät alles aus den Fugen, später wird Stéphane sagen: „Dies war der schlimmste Tag meines Lebens.“ Issa, ein Jugendlicher aus dem Viertel, hat aus einem Zirkus ein Löwenbaby gestohlen, wutentbrannt fordern die Zirkusleute die Rückgabe. Bei der Fahndung wird Issa verletzt, ein Gummigeschoss, abgefeuert vom überforderten Gwada, trifft ihn ins Gesicht. Die Situation eskaliert vollends, weil ein anderer Jugendlicher die Szene von der Luft aus mit seiner Drohne filmte. Wenn man überhaupt von einer fragilen „Ordnung“ sprechen wollte, jetzt ist sie dahin. Mit dem belastenden Video springt ein Teufel aus der Schachtel, und niemand vermag sie zu schließen.

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Regisseur Ladj Ly ist in Montfermeil aufgewachsen, drei Jahre lang saß er im Gefängnis. Spürbar flossen solche Erfahrungen in sein Erstlingswerk ein, das bei aller Wirklichkeitsnähe vor allem eins ist: ein packender Kriminalfilm, ein film policier, wie er in Frankreich eine lange Tradition hat. Ähnlich souverän und virtuos wie einst Bertrand Tavernier mit seinem Film Auf offener Straße (1992) verknüpft auch Ladj Ly die Erzählmittel des Genres mit seiner scharf konturierten Zustandsbeschreibung. Wenn er den Polizisten einmal eine Atempause gönnt, wird klar, dass es ihnen kaum besser geht als all ihren Widersachern. Die radikale Präsenz des Äußeren kratzt nachhaltig am Innersten der Dinge: an Wahrheit und Moral.

 

Nachspann: Höchst dramatisch verweist der Film auf die grundlegende Zerrissenheit der französischen Gesellschaft. Inzwischen liest man: Die Banlieues hätten in der Corona-Krise ihr eigenes Recht geschaffen, der dortige Alltag sei zur Hölle, die „sensiblen Viertel“ zu rechtsfreien Zonen geworden. Ladj Ly zitiert am Ende seines Films aus Victor Hugos Die Elenden: „Meine Freunde, merkt Euch gut! Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner.“

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© Susanne Duddeck

Horst Peter Koll, Redakteur und Kulturjournalist mit Schwerpunkt Deutscher Film und Filmgeschichte.