Unser Filmtipp

Breitengrade der Liebe

Zwei Filme über Glück, Liebe und Politik: Adam & Evelyn nach Ingo Schulze und Beale Street nach James Baldwin

© Eurovideo Medien

„Die Lage in unserer Budapester Botschaft ist prekär“, äußerte sich ein Bonner Regierungsbeamter am 15. Juli 1989, als etwa 30 DDR-Bürger in die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Budapest flüchteten, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen. In den Wochen davor waren immer mehr DDR-Bewohner über die österreichisch-ungarische Grenze gekommen, nachdem Ungarn begonnen hatte, den Grenzzaun abzubauen. Offizielle Stellungnahmen gab es nicht, doch westliche Fernseh- und Radionachrichten machten schnell ihr Hauptthema daraus, was auch in der DDR wahrgenommen wurde.

In Adam & Evelyn hört man die Radiomeldungen immer wieder im Hintergrund, doch zumindest in der ländlichen Idylle Brandenburgs versetzen sie niemanden in Aufregung. Im Gegenteil: Es ist Sommer, auch Adam und Evelyn wollen nach Ungarn – in die Ferien, an den Balaton. Dann aber kommt es zum Streit. Evelyn, enttäuscht von Adams Seitensprung, fährt mit einer Freundin voraus, Adam folgt ihr im Auto, einem leuchtend blauen Wartburg, Baujahr 1961. Später wird Evelyn sagen, dass es eine normale „Männer-Frauen-Geschichte“ gewesen sei, und doch geht es um mehr: Adam & Evelyn zeigt, wie historische Ereignisse auch die Wege der Liebe beeinflussen.

 

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Der Film entstand nach dem Roman von Ingo Schulze, der das innere und äußere Geschehen kunstvoll in pointierte Dialoge auflöst. Andreas Goldstein (Regie) und Jakobine Motz (Co-Autorin, Kamera, Schnitt) übernehmen nur wenige, aber sehr genau ausgewählte Gespräche und setzen ihnen die Wirkkraft visueller und akustischer Verdichtungen entgegen. Zeit und Raum wirken mitunter wie eingefroren, und schon der paradiesisch anmutende Garten, aus dem sich Adam und Evelyn aufmachen, spricht im Rauschen des Windes, im Summen und Zirpen der Insekten von einem anderen Lebensverständnis. Während der Autofahrt blickt Adam immer wieder aus dem Seitenfenster in die Landschaft – Erinnerungen an einen unpolitischen Urzustand fernab überstrapazierter Begriffe (und Vorverurteilungen). „Die letzten Monate der DDR, diese Umbruchphase“, sagt Josefine Motz, 1967 in Brandenburg geboren, „waren für mich der Übergang in ein neues Zeitgefühl, die Uhren begannen schneller zu ticken. Es ist schwierig, diese Zeit in wenige Worte zu fassen. Wir kamen aus einer stagnierenden und von Ratlosigkeit geprägten Zeit und blickten plötzlich nach vorn in die absolute Ungewissheit.“

Blicke, Gesten, Gespräche: In seiner entschleunigten Erzählweise knüpft der Film ein Netz aus Auslassungen und Leerstellen. Man muss es sich vorstellen, zu sehen ist es oft nicht. Mitunter aber zu hören: Quasi als kulturhistorische Zitate zur politischen Wetterlage dringen die Radiomeldungen „in die Bilder“ ein. Am Ende hört man Walter Momper, am 10. November 1989, dem Tag nach dem Mauerfall: „Wir Deutschen sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt!“ Was aber bedeutet „Glück“, nicht nur im rhetorischen Auftritt eines Politikers? Adam & Evelyn deutet an, dass es gar nicht um „den Westen“ und „den Osten“ gehen könnte, nicht um Kapitalismus oder Sozialismus. Nicht das System macht einen Menschen glücklich und frei. Adam verliert mit der Wende, was ihm wichtig ist, seine Liebe, seine Freiheit, sein Glück.

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Rein gar nichts scheint diese so ungewöhnlich gedachte deutsch-deutsche Geschichte mit dem US-amerikanischen Liebesdrama Beale Street nach dem Roman von James Baldwin zu verbinden. Und doch liegen beide Filme gedanklich auf einem Breitenkreis: Punkte auf parallel verlaufenden Breitengraden mit den Koordinaten Liebe, Glück und Politik. Beale Street führt ins New York der 1970er-Jahre, wo ein afroamerikanisches Liebespaar mit den Vorurteilen seiner Umgebung konfrontiert wird. Regisseur Barry Jenkins (Moonlight) beschreibt ein unfreies Leben in einer von Rassismus geprägten Welt, und auch er macht deutlich, dass es nicht nur um bewegende Einzelschicksale geht, sondern um eine spezifische Zeit und ihre vorherrschenden Denkmuster. Mit feinem Gespür für Atmosphären fängt er ein, was an Gefühlen zwischen Menschen und in Räumen zirkuliert, wie nuancenreich die Welt in ihrem sozialen und politischen Gefüge ist. „Ich hoffe, dass niemand jemals einen geliebten Menschen durch eine Glasscheibe betrachten muss“, sagt Tish, die junge Protagonistin, als sie ihren Geliebten im Gefängnis besucht. Auch Jenkins übernimmt ganze Sätze aus dem Roman, wissend, wie souverän Baldwin das Private und Intime mit dem Abstrakten und Politischen, die Agitation mit der Ästhetik zu verbinden wusste. Und wie historische Ereignisse die Wege der Liebe beeinflussen.

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Von Horst Peter Koll

Redakteur und Kulturjournalist mit Schwerpunkt Deutscher Film und Filmgeschichte