Unser Filmtipp

Am Leben bleiben

Christian Petzolds Undine erzählt das Märchen einer gespenstisch modernen Liebe

 

Von Horst Peter Koll

Am Leben bleiben, der Liebe wegen: Das ist ein großes Thema vieler Mythen und Märchen im Übergang von Wunsch und Wirklichkeit. Dazu passt der Mythos der geheimnisvollen Wasserfrau Undine, die allein durch die Liebe eines Menschen ein irdisches Leben führen kann. Friedrich de la Motte Fouqué schuf daraus sein berühmtes romantisches Kunstmärchen, das vor mehr als 200 Jahren den Nerv einer Leserschaft traf, die sich nach einer neuen Harmonie von Verstand und Gefühl, Mensch und Natur sehnte. Verführerisch schön und betörend suggestiv fängt Petzold in den Unterwasseraufnahmen seines Undine-Films eine ähnliche Sehnsucht ein: Undine, das geliebte Elementarwesen, und Christoph, der liebende Industrietaucher, suchen und finden sich unter Wasser in einem zauberischen Zwischenreich, aus dem sie die Kraft für ihr Leben an der Oberfläche schöpfen. Kannst du mich noch einmal wiederbeleben?, fragt Undine ebenso verliebt wie verspielt.

 

„Märchen können eine Welt neu erschaffen, in der Wünsche wahr werden. Ich glaube, darum geht es auch im Kino." 

Christian Petzold, Regisseur von Undine

 



Immer wieder erzählt Petzold solche magischen Liebesgeschichten. So war Yella das Märchen von einer, die hofft, etwas Besseres als den Tod zu finden, getrieben von der Sehnsucht nach einem lebendigen, erfüllteren Dasein. Still, stolz und hochkonzentriert durchschritt Nina Hoss als Titelfigur eine entzauberte Welt, in der irgendwann Julie Driscoll sang: Must be the season of the witch … Petzold liebt diese hintersinnigen Bezüge zur populären Musik, sie durchziehen seine Filme wie ein roter Faden, bis zu Transit nach Anna Seghers, wo zum Nachspann Road to Nowhere von den Talking Heads ertönt, und nun auch zu Undine: Das Paar will seine große Liebe nicht mehr hergeben, vergewissert sich flüsternd, raunend, beschwörend seiner tiefen Verbundenheit, der Song dazu stammt diesmal von den Bee Gees: And we‘re stayin‘ alive, stayin‘ alive… Da ist es wieder, dieses „am Leben bleiben“.

Wie schon in Transit spielen Paula Beer und Franz Rogowski die Liebenden "zwischen Leben und Tod, zwischen dem Gestern und dem Heute", wie es Petzold einmal im Zusammenhang mit seinen Gespenster-Figuren formulierte. Zugleich findet er eindrucksvoll den Zugang zu „seiner“ Undine über eine weitere, weit diesseitigere literarische Quelle: Wie Ingeborg Bachmann in ihrer Erzählung Undine (1961) konturiert er die ätherische Wasserfrau als einen unabhängigen und selbstständigen Charakter, der die Männer in deren maßloser Eigenliebe nur allzu leicht durchschaut. Wer ihr nicht treu ist, muss sterben, das macht Undine gleich zu Beginn auch Johannes (Jakob Matschenz) klar, als er sie bei einem Kaffee schnöde aus seinem Leben wirft. "Wenn du mich verlässt, werde ich dich töten, das weißt du doch", stellt sie klar, während über ihre Wange jene Träne rinnt, von der es bei Bachmann heißt, Undine habe den treulosen Mann totgeweint. So gerne sie bei Petzold diesem Zwang entkommen möchte, so konsequent handelt sie, als der reine, unschuldige und wahrheitsliebende Christoph später an ihr zweifelt.

 

 

Das mag schwermütig oder gar leidensbetont klingen, tatsächlich aber hat Petzold selten leichter, luftiger und entspannter erzählt als in Undine. Im wahren Wortsinn tiefgründig verknüpft er Traum und Wirklichkeit, Mythen und Mysterien der deutschen Vergangenheit mit einer luziden Eleganz, wie man sie ansonsten nur von Jacques Rivette und seinen Szenen aus dem parallelen Leben kennt. Nicht weniger gewandt spiegelt er in einer klugen Textur der Flächen die Berliner "Oberwasserwelt": Oft blickt die Kamera in Gesichter, forscht nach einer tieferen Wahrheit hinter den Blicken, dem scheuen Wegblicken ebenso wie dem beredten Blick über die Schulter.

Auch dem Zustand der modernen Großstadt spürt Petzold über Oberflächen (und Oberflächlichkeiten) urbaner Konzepte nach: Undine arbeitet als Stadthistorikerin in Berlin, dessen Entstehung sie Besuchern des Stadtmuseums anhand von Modellen erläutert. Berlin, so referiert sie, sei auf Sümpfen gebaut, die trockengelegt wurden, um zur Großstadt zu werden. Bei Petzold hat die Stadt keine eigenen Mythen, ist lediglich zusammengesetzt, ohne Identität. Er blickt auf die Metropole wie in ein urbanes Aquarium. Jeden Moment könnten die Scheiben zerbersten, wie in jenem Café, in dem sich Undine und Christoph zum ersten Mal begegnen und sich zwischen Wasserpfützen und Glasscherben erstaunt anlächeln.

Literarische Inspiration:

 

Seit über zweihundert Jahres verzaubert sie die Leser: Das Meerfräulein Undine ist ein Elementargeist, weder ganz Natur noch ganz Geist. Sie wünscht sich nichts sehnlicher als eine Seele. Denn hätte sie eine solche, könnte sie endlich auch zu einer Welt dazugehören. Durch die Liebe zu dem jungen Ritter Huldbrand wird ihr Wunsch Wirklichkeit und bringt ihr gleichzeitig die Unsterblichkeit. Doch mit der Seele hat nicht nur Undine Zugang zur irdischen Welt, sondern das irdische Leid auch Zugang zu ihr. Fouqués Meisterwerk der romantischen Erzählkunst hat viele spätere Arbeiten beeinflusst, darunter Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“, Oscar Wildes Märchen „Der Fischer und seine Seele“ und Ingeborg Bachmanns Erzählung „Undine geht“. Renate Wacker hat das wohl schönste Kunstmärchen der Romantik neu illustriert. Ihre Bilder sind von einer sphärischen, kaum fassbaren Leichtigkeit - wie ein Echo des verlockenden Meerfräuleins.


 » Zum berühmten Kunstmärchen Undine von Friedrich de la Motte Fouqué

 


Horst Peter Koll
© Susanne Duddeck

Horst Peter Koll, Redakteur und Kulturjournalist mit Schwerpunkt Deutscher Film und Filmgeschichte.