Unser Filmtipp

Der aufrechte Gang

Das unbekannte Mädchen und die Instanz des Gewissens

Ein Anfang wie ein Dokumentarfilm: keine schauprächtige Überwältigungsstrategie, keine äußere Spannung, keine bombastische Musik. Stattdessen: der sachliche Blick in ein Behandlungszimmer, wo eine junge Ärztin hochkonzentriert einen alten Patienten abhorcht. „Atmen“, bittet sie ihn. Man kennt diese Situation, in der man gewahr wird, dass man etwas tun soll, was man ohnehin tagtäglich macht: atmen. Der Gasaustausch zwischen Umgebung und Blut, Blut und Zelle sowie der Gastransport durch den Körper. Der Vorgang ist so normal wie sensationell, doch für die Ärztin Jenny Davin kein Grund, aufgeregt oder gar unsachlich zu werden. „Bleibe bei der Sache“, rät sie ihrem Praktikanten, „und lass dich vom Leid deiner Patienten nicht überwältigen.“

Dies ist auch das Credo der belgischen Regie-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, der Meister des sozial-realistischen Autorenfilms. Ähnlich unaufgeregt, mit schnörkelloser Klarheit tauchen sie mit ihren Filmen (u. a. Rosetta, Der Junge mit dem Fahrrad, Zwei Tage, eine Nacht) ins Milieu ihrer Figuren ein, erzählen von Menschen am Rand der Gesellschaft, die in verwahrlosten Sozialbauwohnungen wohnen, sich durch ein tristes Leben als überforderte junge Mütter, Migranten ohne Papiere, Niedriglohnverdiener oder Kleinkriminelle schlagen. Ihre Filme spielen im belgischen Seraing, einer kleinen Industriestadt an der Maas, einem tristen, ungastlichen Ort unweit von Lüttich. Hier wuchsen die Dardennes auf, hier erlebten sie in den 1960er-Jahren Arbeiterproteste, hier erfuhren sie, wie Menschen in Zeiten von Wirtschaftskrisen und Globalisierung aus der Bahn geworfen werden – und irgendwie doch überleben, vielleicht auch, weil ihnen im richtigen Moment eine junge Ärztin wie Jenny Davin beisteht. In einer Praxis für Kassenpatienten an einer hässlichen Schnellstraße, in der man wegen des Verkehrslärms nie die Fenster öffnen kann.

Eigentlich wollte Jenny nur vertretungsweise bleiben. Doch eines Abends, mitten in einem Konflikt mit ihrem Praktikanten, widersetzt sie sich dem Summen der Türklingel. Die Praxis ist längst geschlossen, falls es dringend sei, so Jenny, hätte derjenige ein zweites Mal geklingelt. Am nächsten Morgen aber steht die Polizei vor der Praxis. Eine junge Farbige wurde tot aufgefunden, sie war es, die Einlass suchte, in Angst und auf der Flucht, wie die Überwachungskamera zeigt. Jenny bricht in Tränen aus. Sie fühlt sich schuldig, auch wenn ihr niemand Vorwürfe macht. Fortan werden ihre Hausbesuche zu Recherchegängen. Wenigstens den Namen der Toten will sie herausfinden, damit diese eine Identität bekommt.

Und so beginnt eine Detektivgeschichte, die kein Krimi ist. Sie bleibt sachlich und realitätsnah, nimmt gleichwohl Anteil und baut eine hohe innere Spannung auf. Jenny, die Mittlerin zwischen den (sozialen) Welten, die kein Privatleben zu haben scheint, wird zur beharrlichen Ermittlerin. Wie in der Praxis trotzt sie auch auf der Straße mancher Bedrohung, wobei mitunter latente Gewalt mitschwingt. Jenny aber erspürt die Angst dahinter, ahnt Verdrängtes, Unausgesprochenes; sie bleibt nah bei den Menschen, blickt ihnen in die Augen, was mancher nur schwer erträgt.

Gespielt wird Jenny von der jungen Schauspielerin Adèle Haenel (Die Blumen von gestern). Grandios, wie sie sich zurücknimmt, ihre Figur nie ins Übergroße stilisiert, vielmehr deren „aufrechten Gang“ verdeutlicht. Das Sensationelle des Films liegt genau in dieser Unaufgeregtheit, in den kleinen, äußerlich undramatischen Gesten: Jennys Tränen, als sie von der Toten erfährt, ihr abgewandtes, aber befreites Lächeln, als ihr Praktikant doch nicht den Mut verliert, ihre zurückhaltende und doch zärtliche Umarmung ganz am Ende. Danach begleitet sie eine gebrechliche Patientin ins Behandlungszimmer, hinein in den Alltag, der mit Verständnis, Respekt und Einfühlungsvermögen gemeistert werden will. So bietet Das unbekannte Mädchen etwas ganz Besonderes: Kino als Instanz des Gewissens, mit klarem Blick für die Diagnose, aber auch mit Hoffnung auf Mitgefühl, Verständnis, Solidarität, Atmen, Leben.





Vorgestellt von Horst Peter Koll,
Chefredakteur von FILMDIENST,
Deutschlands ältester Zeitschrift für Filmkritik.

Seit 1947 begleitet der FILMDIENST wie kein anderes Magazin kritisch den internationalen Filmbetrieb. Herausragende Porträts von Filmschaffenden stehen neben Filmrezensionen, spannende Debatten neben aufschlussreichen Interviews, Hintergrundberichte neben allen Neuigkeiten aus der Filmwelt – das alles in einer unverwechselbaren Optik.

 

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