Unser Filmtipp

Die seltsame Frucht

Ein Film im Sog von „Black Lives Matter“: The United States vs. Billie Holiday (2021)

 

Von Horst Peter Koll

 

Der Jazz-Kritiker Ralph Gleason schrieb einmal über Billie Holiday: „Sie war die größte Jazz-Sängerin aller Zeiten. Wer heute Jazzgesang macht und Frau ist, der singt etwas von Billie Holiday. Anders geht es nicht.“ Im Jazz-Gesang gab und gibt es niemanden, der über eine ähnlich prägnante Vokaltechnik verfügt wie „Lady Day“, wie sie der Saxofonist Lester Young voller Bewunderung nannte.

 

„Mir kommt es nicht wie Gesang vor“, äußerte Billie Holiday in ihrer Autobiografie Lady Sings the Blues. „Eher ist es das Gefühl, als würde ich ein Horn spielen. Ich versuche, wie Les Young zu improvisieren, wie Louis Armstrong oder sonst noch jemand, den ich bewundere. Ich hasse es, geradeaus zu singen. Ich muss eine Melodie umformen, um sie auf eigene Weise wiederzugeben. Das ist alles, was ich weiß.“

Natürlich wusste die am 7.4.1915 in Philadelphia geborene Sängerin weit mehr, auch wenn sie keine musikalische Ausbildung genossen hatte und keine Noten lesen konnte. Ihre einzigartige, oft subtil unterspielte und damit noch wirkungsvollere Phrasierungskunst speiste sich nicht zuletzt aus leidvollen Lebenserfahrungen. Schon früh war sie sich selbst überlassen, verbrachte die Zeit mit ihrer Mutter in Bordellen, wo sie die Schallplatten ihrer Vorbilder Bessie Smith und Louis Armstrong hörte. 1926 vergewaltigte sie ein Nachbar, als Teenager verrichtete sie Sexarbeit, wurde verhaftet und gedemütigt. Körperliche und sexuelle Gewalt blieb zeitlebens ihr Begleiter, ebenso wie Gefängnis, Alkohol, Heroin. Als sie 44-jährig am 17.7.1959 an einer Leberzirrhose in einem New Yorker Krankenhaus starb, bewachte sie die Drogenpolizei und verhaftete sie noch am Sterbebett.

Häufig wurde ihre Lebensgeschichte erzählt, noch häufiger wurde sie verfälscht. Auch The United States vs. Billie Holiday ist keine filmische Biografie, die vorrangig auf Authentizität aus ist. Effektvoll mischt der Film historisch Belegtes mit wild Spekuliertem, rückt Holidays Karriere von kleinen Clubs bis in die Carnegie Hall nah an ihre seelischen Abstürze, ihre scheiternden Beziehungen und Gefängnisaufenthalte.

 

Er konstruiert eine mögliche, aber nie belegte Affäre mit der Schau-spielerin Tallulah Bankhead, um zu zeigen, wie ein schwarzer Fahrstuhlführer der schwarzen Sängerin die Benutzung eines Hotellifts verweigert, und er macht die nur wenig bekannte Gestalt des schwarzen FBI-Agenten Jimmy Fletcher zum zentralen Antagonisten: Verräter, Liebhaber und leidender Außenseiter zugleich, wird er von den brutal agierenden US-Behörden beauftragt, eine schwarze Frau zu Fall zu bringen.

Wie zahllose Schwarze litt auch Billie Holiday unter der Rassen-diskriminierung. Alles, was sie qualvoll erlebt, bündelt der Film in jenem legendären Song, den Billie Holiday erstmals 1939 in New York sang und mit dem sie der Diskriminierung offensiv den Kampf ansagte: Strange Fruit. Das erschütternde Lied vom gelynchten Schwarzen, der wie eine seltsame Frucht an Pappelbäumen hängt, machte sie zur Ikone der Bürgerrechtsbewegung:

 

„Southern trees bear a strange fruit /

Blood on the leaves and blood at the root /

Black bodies swingin’ in the Southern breeze /

Strange fruit hangin’ from the poplar trees.”

Wuchtig, wütend und aufgebracht operiert der Film mit der Wirk- und Sprengkraft dieses Songs, wobei er Billie Holiday während einer Inlandstour ein Lynchverbrechen aus nächster Nähe erfahren lässt, obwohl sie wohl nie einen direkten Akt der Lynchjustiz miterlebte. Hier agitiert The United States vs. Billie Holiday ebenso wie er vehement einen Staat anprangert, der sich von Regierungsvertretern lenken lässt, die hasserfüllt dagegen kämpfen, dass „unsere großartige amerikanische Kultur verseucht“ wird.

 

In diesem Sinn ist er eine durch und durch gegenwärtige Kampfansage im Geist von „Black Lives Matter“ und endet nicht von ungefähr mit dem Insert: „Im Februar 2020 wurde der ‚Emmett Till Anti-Lynching Act‘ im Senat behandelt. Er wurde jedoch nicht verabschiedet.“ Dieser Gesetzentwurf ist nach einem 14-jährigen Jungen benannt, der 1955 in Mississippi gelyncht wurde.

 

Letztlich war es aber nicht nur der politische Charakter von Strange Fruit, der das Publikum aufschreckte und zutiefst berührte: Es war vor allem die Art und Weise, wie Billie Holiday den Song vortrug. „Holiday singt keine Lieder, sie verwandelt sie“, sagte der Biograf William Dufty. Dass davon etwas in den Film eingeschrieben ist, ist seiner grandiosen Hauptdarstellerin Andra Day zu verdanken.

 

 

» Zum Trailer (YoutTube)

» Zur DVD


 

Horst Peter Koll, Redakteur und Kulturjournalist mit Schwerpunkt Deutscher Film und Filmgeschichte.

 

Horst Peter Koll © Susanne Duddeck
© Susanne Duddeck