Unser Filmtipp

"Menschlichkeit ist überall gleich ..."

In einem Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste beginnen die Sommerferien. Ein letzter Blick zur Schule, ein tränenreicher Abschied von der Lehrerin, die nach den Ferien nicht zurückkehren wird, sie zieht nach Istanbul. Besonders der zwölfjährigen Lale bricht dies das Herz. Doch schnell reißen sie ihre vier älteren Schwestern mit, und schon bald toben sie mit Schulkameraden im blauen Meer. Das ausgelassene Spiel aber bleibt nicht verborgen, es wird Lale und ihren Schwestern zum Verhängnis: „Ihr habt euch an den Jungen gerieben!“ Es sind die fatalen Blicke anderer, die etwas Unschuldiges ins Gegenteil verkehren.

Fortan wird für die Mädchen das Leben unter traditionell-konservativen Verhältnissen zur Tortur, ihr Heim zum Gefängnis, ihre Schönheit zum Wert auf dem Heiratsmarkt. Die türkische Regisseurin Deniz Gamze Ergüven zeigt in Mustang die ganze Härte der Abhängigkeiten, erzählt, wie es ist, ein Mädchen bzw. eine Frau in der Türkei von heute zu sein: „Alles, was mit Weiblichkeit in Verbindung steht, wird oft auf Sexualität reduziert. Es ist, als wäre jede weibliche Geste sexuell aufgeladen. Es gibt Schulen, die Jungen und Mädchen verbieten, dieselbe Treppe zu benutzen.“ Deniz Gamze Ergüven beobachtet ihre Heimat aus der Distanz, quasi aus der Diaspora, womöglich hätte Mustang in der Türkei selbst gar nie gedreht werden können. 

Immer wieder aber hat das türkische Kino große Meisterwerke hervorgebracht. Regisseure wie Nuri Bilge Ceylan, Mehmet Erdem oder Semih Kaplanoğlu stehen für die neuere vitale Filmkunst im Land, Kaplanoğlu erhielt für Bal – Honig 2010 den Goldenen Bären der Berlinale. Zutiefst berührt folgte man diesem stillen Drama wie einem visuellen Gedicht aus Bildern und Klängen, das vom Leben der Menschen im Einklang mit der Natur erzählt. Wie ein kultureller Botschafter prägte der Film den Eindruck großer türkischer Filmkunst – doch wie bekommt man dies noch mit den aktuellen Ereignissen in Einklang? 

Die aktuelle türkische Filmszene ist politisch ähnlich polarisiert wie das Land selbst. Kommerzielle Filme unterhalten ein Millionenpublikum mit schönen Landschaften, Klamauk oder Melodramatik und sind zugleich doch auch politische Kommentare: Waren es zunächst Filme mit kemalistisch-nationalistischen, linksoppositionell-kurdischen und national-religiösen Aussagen, so wurde bald der Riss zwischen Befürwortern und Gegnern des nationalistischen Re-Osmanisierungskurses der Regierung Erdoğan zum Thema. Inzwischen hat sich die Situation zugespitzt: Dreharbeiten in Istanbul werden aus Sicherheitsbedenken gestrichen oder verschoben, ähnlich wie Konzerte, Ausstellungen und Veranstaltungen.

Gleichwohl besteht Hoffnung. Türkische und türkisch-kurdische Filmschaffende werden weiter Filme über die sozialen und politischen Konflikte ihres Landes drehen, was zu den Aufgaben einer jeden Kultur gehört. Sie werden weiter Geschichten erzählen über traditionelle Rollenbilder ebenso wie über den türkisch-kurdischen Dauerkonflikt wie in Folge meiner Stimme von Hüseyin Karabey. Auch hier ist die Heldin ein aufgewecktes, mutiges und selbstbewusstes Mädchen – ähnlich wie Lale in Mustang, und doch ganz anders. Mit feiner Poesie und leisen Tönen erzählt der Film vom kurdischen Leid in Form eines Märchens, in dem die Ereignisse noch zum glücklichen Ende kommen. Und scheinbar gegen jede Vernunft heißt es einmal: „Menschlichkeit ist überall gleich. Zuweilen versteckt sie sich …“

Vorgestellt von Horst Peter Koll, 
Chefredakteur von FILMDIENST
Deutschlands ältester Zeitschrift für Filmkritik. 

Seit 1947 begleitet der FILMDIENST wie kein anderes Magazin kritisch den internationalen Filmbetrieb. Herausragende Porträts von Filmschaffenden stehen neben Filmrezensionen, spannende Debatten neben aufschlussreichen Interviews, Hintergrundberichte neben allen Neuigkeiten aus der Filmwelt – das alles in einer unverwechselbaren Optik.

 

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