Unser Filmtipp

Moralische Unruhe

Eindringlich erzählt der polnische Film Corpus Christi (2019) von menschlichen Entscheidungskonflikten

 

Von Horst Peter Koll

Die polnische Schriftstellerin Joanna Bator siedelt ihre Romane in ihrem schlesischen Heimatort Wałbrzych (Waldenburg) an, der dabei ein abgründiges literarisches Eigenleben gewinnt: Als Un-Ort steht er für Verdrängtes und Unverarbeitetes in der polnischen Gesellschaft, in der sich das Böse und Hässliche hartnäckig im Alltag verhakt und sich seelische Verhärtungen nur mühsam hinter Sitte und Anstand, Glauben und Religion verbergen.

 

In seinem meisterhaften Spielfilm Corpus Christi erschafft der Regisseur Jan Komasa (geb. 1981) einen ähnlich aufgeladenen Un-Ort. Geografisch liegt er südlicher als Bators Waldenburg, ein Provinznest im Karpatenvorland, von dem man aus der Ferne nur den Kirchturm sieht. Vergleichbar kühn überhöht Komasa diesen Schauplatz ins Gleichnishafte, spielt komplex mit Licht und Farben, Landschaften und Räumen und zeichnet eine reale und zugleich metaphysische Zwischenwelt als Purgatorium, das der junge Protagonist Daniel durchwandert.

„Das ist am anderen Ende des Landes, oder?“, fragte er zu Beginn den charismatischen Gefängnispater Tomasz, der ihn im Jugendgefängnis zum Christentum bekehrt hat und ihn nun in eine wenig verheißungsvolle Freiheit entlässt. Ein Outlaw wie Daniel könne kein Priester werden, erteilt er dessen Wunsch eine Absage, Daniel bliebe allenfalls Demut, Geduld – und eine Anstellung im Provinz-Sägewerk. Ob als Verkettung von Zufällen oder einem höheren Plan folgend, schlüpft Daniel unmittelbar nach seiner Ankunft in die Rolle eines Paters auf Wanderschaft und avanciert zum „heiligen Hochstapler“, der in vielerlei Hinsicht die Gemeinde übernimmt. Und zwar mit besten Absichten: Unkonventionell, gutwillig, ja fast unschuldig wird er zu jenem Priester, den die Menschen in ihrer seelischen Not und existenziellen Verzweiflung so dringend benötigen.

Doch Daniels Handeln ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Als Ex-Knacki, den man eingangs als hart, emotionslos und gewaltbereit wahrnahm, stellt er sich und „seiner“ Gemeinde intensiv Fragen, die wohl kein tatsächlicher kirchlicher Würdenträger stellen würde: Wieso sind wir hier? Wie kann ich im Namen Jesu handeln, wenn ich nicht mit mir selbst klarkomme?

 

Doch darf Daniel im Namen Gottes sprechen? Immerhin ist dies den Repräsentanten der aktuell mehr denn je massiv in der Kritik stehenden Institution Kirche vorbehalten. Auch wenn der falsche Priester lediglich seine eigenen Zweifel (mit-)teilt und durch Worte, Gesten und seine Hinwendung Gutes tun will, macht er sich schuldig. Und ist doch auch erfolgreich: Als er das erste Mal eine Beichte abnimmt, sucht er im Handy nach der Verfahrensweise, dann legt er einer Mutter, deren zwölfjähriger Sohn raucht, als Buße auf: „Machen Sie mit ihm eine Radtour!“ Bei seiner ersten Messe predigt er: „Bitte, Gott, hilf uns zu verstehen, denn wir sehen, wie leicht es ist zu zweifeln.“ Im nächsten Moment deutet er auf ein Baby in der Gemeinde und relativiert: „Doch wissen wir auch, das hier ist ein Wunder auf Erden.“

Über den Zuspruch der Gemeinde staunt Daniel selbst am meisten. Dann lächelt er, singt und verspritzt übermütig Weihwasser im Altarraum. Bald dringt er tief ins Trauma der Dorfbewohner vor, von denen viele ihre Kinder bei einem Autounfall verloren haben, und bemüht sich, offene Wunden zum Heilen zu bringen. Auch mit dem Bürgermeister legt er sich an, denn dem geht es nicht um Nähe, Zuwendung und Verständnis,sondern um Staatsräson. „Sie mögen das Recht haben“, stellt der Beamte selbstgefällig klar, „ich aber habe die Macht.“ Aus solchen Ambivalenzen entwickelt der Film seine intensive Dynamik. Ständig fürchtet man den Ausbruch mühsam kontrollierter Affekte und staunt zugleich über die fragile Balance aus Zartheit und Gewalt, Stille und unlösbaren Geheimnissen.

Damit steht der Film in der Tradition des polnischen Regisseurs Krzysztof Kieslowski und dessen „Kino der moralischen Unruhe“, das ebenfalls Entwicklungs- und Entscheidungskonflikte von Menschen in ethischen Lebensfallen aufzeigte. Auch Daniel steckt in der Zwangslage einer moralischen Wahl, deren selbstemanzipatorischer Gestus an den Tatsachen des gesellschaftlichen Alltags scheitert. Zugleich aber zeigt er Wege auf, sodass schmerzhaft Prozesse in Gang kommen. Und doch ist nichts entschieden. Joanna Bator hatte ihrem Roman Dunkel, fast Nacht ein Zitat von Carlos Ruiz Zafón vorangestellt: „Gott steckt in den Details, aber der Teufel ist überall.“

 

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Horst Peter Koll
© Susanne Duddeck

 

Horst Peter Koll, Redakteur und Kulturjournalist mit Schwerpunkt Deutscher Film und Filmgeschichte.