Unser Filmtipp

Zeit zum Glück

Zwei bewegende Kino-Utopien: "303" von Hans Weingartner und "Glücklich wie Lazzaro" von Alice Rohrwacher

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Am Anfang von 303 steht ein Eintrag aus dem Schmargendorfer Tagebuch (1898) von Rainer Maria Rilke: „Dieses ist das erste Vorgefühl des Ewigen: Zeit haben zur Liebe.“ Damals war der gerade mal 22-jahrige Rilke unsterblich in eine 14 Jahre ältere Frau verliebt: in die weit gereiste, selbstbewusste Schriftstellerin und (spätere) Psychoanalytikerin Lou Andreas Salomé, die für ihn zeitlebens „zugleich Muse und sorgsame Mutter“ war, wie Sigmund Freud notierte. Über die Liebenden gibt es den schonen Spielfilm Lou Andreas-Salomé (2016), in dem sie flanieren und reden, über Kunst und Philosophie, ihre schriftstellerische Arbeit und, ganz allgemein, über Lebensfragen. Auch in 303 gibt es so ein Paar, das nahezu ununterbrochen miteinander redet. Jule und Jan sind beide 24, Studierende aus Berlin, die sich zu Beginn der Semesterferien an einer Autobahntankstelle begegnen und zu debattierfreudigen Reisegefährten werden. Jan will in Spanien seinen ihm unbekannten Vater kennenlernen, Jule ihren Freund in Portugal besuchen. Bis dahin haben sie Zeit. Zum Reisen, zum Reden und, irgendwann, zur Liebe.

© EuroVideo Medien

Regisseur Hans Weingartner gelingt das Wunder eines ebenso realistischen wie romantischen „Reise- und Redefilms“, erzählt mit einer schwerelosen Leichtigkeit, wie man sie sonst nur vom französischen Kinoplauderer Eric Rohmer kennt. Oder aus Before Sunrise (1994) von Richard Linklater, in dem eine junge Französin (Julie Delpy) und ein junger Amerikaner (Ethan Hawke) durch Wien wandern und von sich und vom Zustand der Welt erzählen. Damals war Weingartner als Produktionsassistent dabei und fuhr Julie Delpy durch die Stadt; da war er 24 Jahre alt, wie sein Paar in 303, und schon damals wollte er so etwas auch einmal machen, „diese Kombination aus Philosophie und Liebesfilm“. So reden nun auch Jule und Jan über „die Welt“: über das vom Kapitalismus gewollte Single-Dasein, durch das sich doppelt so viele Kühlschranke und Staubsauger verkaufen lassen; über den kriegerischen Neandertaler und den kulturliebenden Cro-Magnon-Menschen, über Kooperation und Konkurrenz als konträre Prinzipien menschlichen Handelns, über MHC-Gene und den Duft bei der Partnerwahl – und warum sich die Welt überhaupt völlig andern müsse.

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Manchmal mögen die beiden gar zu klug sein, aber für Weingartner werden Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene immer noch unterschätzt: „Diese jungen Gehirne, die sind schon sehr frisch, die verstehen einiges. Die Jugend wird heutzutage einfach früher erwachsen.“ Neugierig, respektvoll und emotional aufrichtig nähert er sich Jule und Jan auf ihrer Fahrt im alten Mercedes-303-Wohnmobil, wobei die feine Sensorik der Darsteller Mala Emde und Anton Spieker den Figuren Leben einhaucht. So vergisst man mit ihnen die Zeit, verfolgt gespannt, wie sich Jule und Jan irgendwann „anders“ betrachten und dann doch so lange wie möglich hinauszögern zuzugeben, dass sie sich ineinander verliebt haben. Weingartner feiert diesen utopischen Schwebezustand als „ein Hochgefühl, mit nichts anderem zu vergleichen“. Schon immer war das Kino ein Ort, an dem wir unserer Fantasie freien Lauf lassen können, während in der Realität nur denkbar wenig Platz für Träumereien ist. Selten aber erlebt man im (deutschen) Kino, dass jemand so beharrlich und einfühlsam der Wirklichkeit romantische Räume abringt. Weingartner zeigt, wie eine Welt aussehen kann, in der wir gut und gerne leben wollen.

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Das Ziel von (Kino-)Utopien, die Grenzen des Möglichen zu verschieben, prägt auch Glücklich wie Lazzaro der italienischen Regisseurin Alice Rohrwacher (geboren 1982). Wie Weingartner reagiert auch sie auf politische Veränderungen in Europa, doch wenn sie Formen von Bosheit und Unterdrückung beschreibt, lasst auch sie in der Gestalt des gutmutigen Bauernjungen Lazzaro die Idee aufblitzen, dass alle Menschen im Grunde glücklich sein konnten. Alice Rohrwacher will berühren, denn „uns scheint vor lauter Wut die Empathie verlorenzugehen“, und reichert dafür ihr realistisches Sozialdrama mit Elementen des magischen Realismus, des Märchens, einer Heiligengeschichte an. Und sie zeigt: Es gibt sie noch, diese unbedingte Möglichkeit des Guten.

So konnte am Ende beider Filme ein weiterer Eintrag aus Rilkes Schmargendorfer Tagebuch stehen: „Dass die Sinnlichkeit nicht eine heimliche Flamme, die immer an der gleichen Stelle ausbricht, sei – das sei unser Stolz und unsere Stärke. Wir wollen, sie soll eine fröhliche Fackel werden, die wir lachend hinter alle Transparente unseres Wesens halten.“

 

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© Susanne Duddeck




Vorgestellt von Horst Peter Koll, Redakteur und Kulturjournalist mit Schwerpunkt deutscher Film und Filmgeschichte; ehemals Chefredakteur der Zeitschrift FILMDIENST.

 

Dieser Text ist das "Editorial Film" des Büchergilde Magazin 2-2019. -> zum PDF

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