Unser Filmtipp

„Werde die, die du bist!“ Oder: Sense & Sensibility

Als Jane Austen 1811 ihren Roman Verstand und Gefühl veröffentlichte (der im Original viel pointierter Sense and Sensibility heißt), war ihr dies nur anonym möglich. Allein der Hinweis „Von einer Dame“ zierte den Buchdeckel –und verriet damit doch mehr, als manchem lieb war: ein Roman, geschrieben von einer Frau! Dabei hat niemand zuvor so subtil und anrührend das Innenleben von Frauen erfasst, über die Beziehungen von Frauen, ihre unverbrüchliche Freundschaft geschrieben wie die ihrerzeit noch nicht mal 20-jährige Jane Austen. An den tief in der Gesellschaft verwurzelten Vorurteilen gegenüber Frauen, ihrer Benachteiligung und Geringschätzung hat sich in all den Jahrzehnten seit Jane Austen nur langsam etwas geändert, in kleinen, mühevollen und entbehrungsreichen Schritten, unternommen von selbstbewussten, stolzen und klugen Einzelkämpferinnen. Und das in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, in der Kunst wie in der Wissenschaft wie in der Psychologie.

Drei dieser „Kämpferinnen“ waren die Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé (1861–1937), die Malerin Paula Modersohn-Becker (1876–1907) und die Physikerin und Chemikerin Marie Curie (1867–1934). Wobei alle drei zuallererst doch nur eines wollten: arbeiten. Malen, forschen, schreiben, beobachten, analysieren, selbstbestimmt und unabhängig, respektiert und anerkannt. Jede dieser drei Frauen griff auf ihre eigene Art ins Leben ein, jede kämpfte um ihre ganz persönliche Vorstellung von Leben und ihrer Selbstverwirklichung – und jede trug schwer an ihrem Kreuz, was Regisseur Christian Schwochow so spielerisch-subtil wie sinnbildhaft in seinem Film Paula auf den Punkt bringt: Paula Modersohn-Becker (hinreißend gespielt von Carla Juri) schleppt ihre sperrige Malstaffel wie auf ihrem selbst gewählten Leidensweg durch eine ignorante (Männer-)Welt. Einmal sagt sie: „Mein Leben soll ein Fest sein“, wobei sie eine sehr klare Vorstellung davon hat, wie ihr Leben sein könnte. Schwochow: „Sie war stur, bestimmt auch sehr anstrengend, wollte in erster Linie nicht gefallen. Sie war sehr radikal. Sie war jemand, der sich selbst als Zentrum begriffen hat, es ging immer um sie. Gleichzeitig aber hatte sie einen Blick für Menschen.“

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Einen solch klaren Blick hatte auch Lou Andreas-Salomé, die zu den meistgelesenen Frauen ihrer Zeit zählte und die ihr Vater schon als Kind beschwor: „Werde die, die du bist!“ Die Regisseurin Cordula Kablitz-Post feiert Lou emphatisch und respektvoll zugleich mit ihrem Film, der so heißt wie ihre selbstbewusste und emanzipierte, beharrliche und konsequente Protagonistin. In Rom begegnet Lou Paul Rée und Friedrich Nietzsche, die sie verehren und sie heiraten wollen, bevor sie später durch Rainer Maria Rilke die körperliche Liebe „lernt“ und genießt und noch später Sigmund Freud ihr Lehrer wird und ihr zum Beruf der Psychoanalytikerin rät. In verschiedenen Lebensabschnitten geben ihr die fantastischen Schauspielerinnen Liv Lisa Fries, Katharina Lorenz und Nicole Heesters ein Gesicht und veranschaulichen nachhaltig, dass zum Leben auch die Träume gehören. Hat Rilke Paula Modersohn-Becker, die er in Worpswede kennenlernte, von Lou und seiner Liebe zu ihr erzählt?


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Was wäre gewesen, wenn sich die beiden Frauen gar um die Jahrhundertwende in Paris begegnet wären, wo sie dann zufällig auch Marie Curie getroffen hätten, während diese gerade „ihre“ radioaktiven Substanzen erforscht? Vielleicht hätten sie alle gemeinsam darüber geredet, wie sie das Leben schützen wollen und welche Prinzipien dafür gelten. Gewiss hätten sie darinüber eingestimmt, was Marie Curie einmal in Marie Noelles Film sagt: dass man nur auf eine bessere Welt hoffen könne, wenn man selbst nicht unverändert bliebe. Gewiss: Nur eine schöne Spekulation, angeregt freilich durch drei eindrucksvolle, intensive Kinofilme, die bei allen Unterschieden eines verbindet: Sie sind leidenschaftliche, mitunter geradezu hymnische Beschreibungen eines „ganzheitlichen“ Lebens, die „ihre“ Frauen denken und in jedem Sinne tanzen lassen. Ganz so, wie es einst Jane Austen vormachte.

 

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