Unser Filmtipp

Der Rausch

 

Oscar-Gewinner 2021: Bester internationaler Film

Ein Regiekommentar von Thomas Vinterberg 

„Ich trinke nie vorm Frühstück.“

Das Zitat stammt von Churchill, der unter exzessivem und konstantem Alkoholeinfluss dazu beitrug, die Deutschen zu besiegen und den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen. Andere große Denker, Künstler und Schriftsteller, darunter Tschaikowsky und Hemingway, fanden auf diese Weise Mut und Inspiration. Wir alle kennen das Gefühl nach ein paar Schlucken Alkohol, wenn die Gespräche tiefer, der Raum größer und die Probleme kleiner werden.

Mit diesem Film wollen wir die befreiende Wirkung untersuchen, die Alkohol auf Menschen haben kann, und uns davor verneigen. Der Film wurde von den Theorien des norwegischen Philosophen Finn Skårderud inspiriert, die davon ausgehen, dass der Mensch mit 0,5 Promille Blutalkohol zu wenig geboren wird.

 

Wir wollten dem Alkohol Tribut zollen, aber selbstverständlich auch ein nuanciertes Bild zeichnen. Eingebettet in unsere Betrachtung der Essenz von Alkohol liegt das Eingeständnis, dass Menschen durch exzessives Trinken sterben oder davon zerstört werden. Eine Existenz mit Alkohol schafft Leben, aber sie tötet auch.

 

 

 

In der Geschichte lernen wir vier Männer kennen, die ihre besten Jahre bereits hinter sich gelassen haben. Wir treffen sie in einer Welt, die uns vertraut ist: langweilig und mittelmäßig, die sie in Monotonie und festgefahrenen Strukturen und Verhaltensweisen gefangen hält. Zur gleichen Zeit rückt der Tod näher. Sie haben die Hälfte ihrer voraussichtlichen Lebenserwartung überschritten. Die Freiheit der Jugend, Verliebtheit und Schwerelosigkeit sind nach und nach zu verblassten Erinnerungen geworden. All das und noch viel mehr entdecken sie wieder, als sie – zunächst in Verbindung mit ihrer Arbeit als Gymnasiallehrer – an einem Experiment teilnehmen, das die systematische Einnahme von Alkohol beinhaltet.

Der Film soll in der realen Welt verwurzelt sein – in einer komplett nackten, unverblümten und manchmal improvisierten Intimität – wie in „A War” von Tobias Lindholm, „Das Fest” vom hier Unterzeichnenden und „Ehemänner” von Cassavetes. Die Momente spielen sich ab, während die Kamera beobachtet anstatt zu diktieren. Der Film nähert sich auf humoristische und – in den Augen mancher – skandalöse Weise einem ernsten Thema. Der Rausch soll eine facettenreiche Geschichte erzählen, die gleichzeitig provoziert und unterhält, die zum Nachdenken anregt sowie uns zum Weinen und Lachen bringt. Und die hoffentlich Stoff für Gedanken und Debatten für ein Publikum liefert, das in einer Welt lebt, die nach außen in zunehmenden Maße durch puritanische Bekenntnisse geprägt ist, aber bereits ab einem jungen Alter einem hohen Alkoholkonsum frönt.

 

Der Rausch ist als Tribut an das Leben gedacht. Als eine Rückeroberung der irrationalen Weisheit, die den gesunden Menschenverstand ablegt und sich der Lebenslust hingibt … wenn auch oft mit tödlichen Konsequenzen.

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Regiekommentar © Weltkino Filmverleih