Wie man durch einen Genozid reisen kann, ohne etwas zu davon merken

Der Journalist Peter Fröberg Idling im Interview über sein Buch Pol Pots Lächeln, über die Reise vier schwedischer Intellektueller ins Kambodscha der Roten Khmer und über das Konzept seiner ungewöhnlichen Reisereportage. Die Fragen stellte Jürgen Sander.

Sie waren bereits einige Zeit in Kambodscha tätig, bevor Sie Pol Pots Lächeln geschrieben haben. Was haben Sie dort gearbeitet?
Im Jahr 2001 kam ich im Auftrag einer schwedischen Menschenrechtsorganisation für zwei Jahre nach Kambodscha.
Dort arbeitete ich als Jurist und Journalist mit einer Nicht-Regierungs-Organisation zusammen, die sich um die Demokratisierung in den Provinzen kümmerte.

 

1978 reisten vier schwedische Intellektuelle nach Kambodscha. Nach ihrer Rückkehr schrieben sie einen sehr positiven Bericht über die dortigen Verhältnisse. Wie sind Sie auf diesen Bericht gestoßen und warum haben Sie ein Buch darüber geschrieben?
Zufällig habe ich dieses Buch in der kleinen Bibliothek der schwedischen NGO, die mich angestellt hatte, gefunden. Ich war perplex. Es gibt nur wenige Berichte von Ausländern über Pol Pot und das Demokratische Kambodscha, und ich hatte keine Ahnung, dass eine schwedische Delegation das hermetisch abgeriegelte Land besucht hatte. Darüber hinaus kamen sie mit positiven Eindrücken über ein Land zurück, das ein halbes Jahr später als „Hölle auf Erden“ bezeichnet worden ist. Mein erstes Motiv, darüber zu schreiben, war ziemlich simpel: Ich wollte wissen, wie man durch einen Genozid reisen kann, ohne etw as zu davon merken.

 

Heute wissen wir, dass dem Regime der Roten Khmer 2 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind, aber die schwedische Delegation hat nichts davon mitbekommen. Wie konnten sie so blind sein?
Dafür gibt es einige Gründe. Ich kann das nicht kurz beantworten – immerhin musste ich ein ganzes Buch schreiben, um diese Frage zu beantworten. Aber ich würde sie nicht als blind bezeichnen. Es war eher die Kombination aus ihrer ideologischen Interpretation der Welt, ein Mangel an Erfahrung, eine wohlwollende Einstellung gegenüber ihren Gastgebern von den Roten Khmer und eine ganz gut funktionierende Maschinerie der Verschleierung, die gar nicht für ausländische Besucher entwickelt worden war, sondern als einziger Weg der lokalen Kader, ihre eigene Haut zu retten, wenn die Führungsriege der Roten Khmer aus Phnom Pen anrückte, um zu sehen, wie die Revolution auf dem Land voran kam.

Als Reaktion auf den Vietnam-Krieg und den Kalten Krieg wuchs in der 1970er-Jahren in Westeuropa und den USA eine starke linke, anti-imperialistische Bewegung heran und die Roten Khmer wurden zum Symbol des Kampfes gegen den Imperialismus und für das Wohl der einfachen Leute. Es war eine Zeit der starken Ideologien. Wie hat diese Bewegung den Blick auf die wirkliche Welt verstellt?

Nun, dann müssen wir definieren, was die „wirkliche Welt“ ist. Besteht die wirkliche Welt in Deutschland in den Cafés von München-Grünwald, in den Arbeitslosen von Mecklenburg-Vorpommern oder den illegalen Immigranten von Berlin-Neukölln? Die Schweden hatten weniger als 2 Wochen, hinter das zu schauen, was ihnen ihre Gastgeber zeigen wollten, und die neue Gesellschaft zu beurteilen, die auf einem zerrissenen Land aufgebaut wurde – ein nahezu unmögliches Unterfangen, wenn man nicht mal die Sprache spricht. Und sie waren natürlich beeinflusst vom Propaganda-Bild, das die Anti-Imperialisten von den verachteten USA gezeichnet hatten, aber sie selbst waren keine Fanatiker.


Ihr Buch besteht aus Interviews, aus Eindrücken Ihrer eigenen Reisen durch Kambodscha, aus Abschnitten über die
Geschichte Kambodschas, Pol Pots und der Roten Khmer. Diese Elemente verbinden Sie in einer Art Collage. Welche Idee steht hinter diesem Konzept?
Wenn man heute die Welt betrachtet, wird man mit einer Vielzahl von Eindrücken, von Geschichten, von Nachrichten und Analysen konfrontiert, die sich oftmals widersprechen, die überwältigend sind und verwirrend. Als ich in die Archive eintauchte und in die heutige Sichtweise dessen, was geschehen ist, fand ich die Vergangenheit ebenso schwer zu fassen wie die Gegenwart. Mein Blick auf die Geschichte Kambodschas, der Roten Khmer, der schwedischen Delegation, des Zeitgeistes setzte sich aus kleinsten Bruchstücken zusammen, und das ließ sich am genauesten durch diese gebrochene Form, durch eine Art Collage präsentieren.

 

Ihr Buch stellt einige grundsätzliche Fragen: Die Frage nach der Wirklichkeit, und unter welchen Umständen man seine Umwelt wahrnimmt. Können wir unsere Fähigkeit zur Wahrnehmung trainieren?
Natürlich können wir diese Fähigkeit trainieren, aber am wichtigsten ist, vorsichtig zu sein, wenn wir versuchen, die ungeheure Masse an widersprüchlichen Informationen zu einer einfachen Erklärung zu verarbeiten. Wir müssen vereinfachen, um uns einen Überblick zu verschaffen, aber gleichzeitig müssen wir uns bewusst sein, dass viele entscheidende Details verloren gehen und dass wir ohne diese Details die falschen Schlüsse ziehen könnten. Die utopischen Ideologien haben gemeinsam, dass sie einfache Antworten für komplizierte Fragen liefern.

 

Erst in den letzten Jahren wurde das UN-Sondertribunal geschaffen, um die Täter des Regimes der Roten Khmer vor Gericht zu stellen. Kommt das nicht viel zu spät?
Es kommt wirklich sehr spät, aber besser spät als nie. Aber es würde auch sehr schwierig werden, weiter als dieses Gericht zu gehen, weil dann auch Mitglieder der heutigen Elite des Landes vor Gericht gestellt werden müssten. Außerdem würde es sehr teuer – auch das jetzige Gericht war schon sehr schwer zu finanzieren – wenn dieses Gericht die unzähligen Verbrechen auf den unteren Ebenen verfolgen müsste. Man muss wissen, dass die heutige Bevölkerung von Kambodscha überwiegend nach dem Sturz Pol Pots geboren wurde. Für sie ist diese Zeit Geschichte – die natürlich nicht ignoriert werden darf – aber es ist heute nicht mehr so dringlich wie noch vor 25 Jahren.