Büchergilde Bilderbogen No 5

 

"Traum und Lüge Francos ist Picassos erstes Werk, das eindeutig politischen Bezug nimmt"

 

Kunsthistorikerin Dr. Theresa Nisters im Interview über die Bedeutung des Radierzyklus Traum und Lüge Francos von Pablo Picasso. Bei der Büchergilde erschienen als Bilderbogen No 5.

 

 

 

 

"Die Reproduktionen des Radierzyklus im Bilderbogen der Büchergilde sind von hoher Qualität. Damit kann man Picassos Auflagenobjekt in all seinen Bestandteilen nachvollziehen."

- Dr. Theresa Nisters

 

Ingmar Weber, Büchergilde: Der Radierzyklus Traum und Lüge Francos, bei der Büchergilde als Bilderbogen No 5 erschienen, entstand 1937 mitten im Spanischen Bürgerkrieg auf Anfrage der republikanischen Regierung für den spanischen Beitrag zur Pariser Weltausstellung. Eigentlich wollten die Auftraggeber ein großformatiges Bild, aber Picasso entschied sich für einen eher humoristischen Radierzyklus – was bildet er ab?

 

Dr. Theresa Nisters: Wie ein Comicstrip erzählt der Radierzyklus in insgesamt 18 Bildfeldern von Francos Untaten und den Gräueln des Spanischen Bürgerkrieges. Dabei verwandelt er den Diktator in den ersten 14 Szenen in ein polypenhaftes Monster, das bei seinem Eroberungszug eine eher lächerliche Figur abgibt. Seine Untaten sind dennoch klar dargestellt: so sehen wir wie Franco ein offensichtlich historisches Kunstwerk zerstört, während er im nächsten Bildfeld sein Pferd zu Tode reitet und in einem weiteren den blutgetränkten Leichnam einer jungen Frau im Gras zurücklässt. Wiederholt muss die Franco-Karikatur gegen einen herrschaftlichen Stier antreten, dem Sinnbild des republikanischen Spaniens, und unterliegt im Kampf.

 

In den letzten vier Bildsequenzen ändert sich die Stimmung jedoch. Die lachhafte Franco-Gestalt und der von ihr getragene humoristische Unterton sind verschwunden. Stattdessen sehen wir die schmerzhaft verzerrten Züge einer weinenden Frau, die ihre Arme gen Himmel streckt und im letzten Bild des zweiten Blattes den leblosen Körper ihres kleinen Kindes im Arm hält.

IW: Das großformatige Gemälde schuf Picasso dann doch noch, es wurde sein wohl berühmtestes Werk: Guernica – Picassos Verarbeitung der Schrecken und Grausamkeit des Krieges. Inwiefern spiegelt es sich im Radierzyklus wider?

 

TN: Der aus zwei Blättern bestehende Zyklus ist von zwei Radierplatten abgezogen worden. Diese hatte Picasso im Januar 1937 angelegt, die letzten vier Bildfelder der zweiten Platte aber erst im Juni desselben Jahres fertiggestellt. Zwischenzeitlich schuf er unter dem Eindruck der verheerenden Verwüstung der Kleinstadt Gernika sein Monumentalwerk Guernica. Wir treffen in den letzten Bildfeldern von Traum und Lüge Francos nicht nur eine aus Guernica bekannte Figur an: die ihre Klage zum Himmel schreiende Mutter, die ihr totes Kind im Arm hält. Damit ändert sich die Atmosphäre der Darstellung, sie wird finsterer, verzweifelt, lässt keinen Raum mehr für Satire. Auch technisch hat Picasso in den letzten Sequenzen des Radierzyklus seine Strategie gewechselt. Während er zuvor durch die Anwendung unterschiedlicher Ätztechniken nuancierte Schattierungen und Kontraste von Linie und Fläche gestaltet hatte, spiegeln die energisch geritzten Linien der letzten vier Felder die Dringlichkeit wider, mit der Picasso auch das großformatige Gemälde in nur einem Monat geschaffen hat und mit der er nun seine Kritik an Franco abschließen musste.

IW: Kann man am Radierzyklus Picassos Entwicklung von einem unpolitischen hin zu einem aktiv agierenden politischen Künstler verfolgen?

 

TN: Traum und Lüge Francos ist Picassos erstes Werk, das eindeutig politischen Bezug nimmt. Bereits in seiner Jugendzeit in Spanien war Picasso in anarchistischen Kreisen unterwegs und interessierte sich für das tagespolitische Geschehen. Seine Kunst hatte aber niemals als Ausdruck klarer politischer Auffassungen oder gar für politische Zwecke, der Unterstützung oder Werbung für eine bestimmte politische Bewegung gedient. Während der satirische Tenor in den ersten Bildfeldern des Radierzyklus zwar bereits eine klare Haltung deutlich macht, räumt der Künstler mit dem Mittel von Humor jedoch eine Distanz zwischen seiner Schöpfung und dem konkreten politischen Geschehen ein. In den letzten vier Bildern wird der Zyklus allerdings zu einem direkten Ausdruck von Schrecken, Trauer und Abscheu, denen sich der Künstler nicht mehr entziehen kann und die ihn veranlassen, eine eindeutige Stellung zu beziehen.

IW: Welchen Stellenwert hat der Radierzyklus in Picassos Werk?

 

TN: Als erstes klar politisches Werk fungiert der Radierzyklus als eine Art Ventil für den Künstler. Dies wird auch an der soeben erläuterten Entstehungsgeschichte von Traum und Lüge Francos deutlich: Picasso legte einen Großteil der Bildserie an, schuf dann in kürzester Zeit sein Monumentalwerk Guernica und schloss danach den Radierzyklus ab, in dem er die dort verwendeten Ausdrucksformen seines Entsetzens reflektiert. Damit öffnet die grafische Folge, sieben Jahre vor Picassos Eintritt in die Kommunistische Partei Frankreichs entstanden, den Weg für seine späteren, großformatigen Gemälde politischen Inhalts: Le Charnier (1945), Monument aux Espagnols morts pour la France (1947), Massacre en Corée (1951), La Guerre et la Paix (1952).

IW: Picassos Radierzyklus wurde in einer Auflage von 1.000 Exemplaren gedruckt, die auf der Weltausstellung verkauft wurden und schnell vergriffen waren. Inwiefern entspricht der Bilderbogen dem originalen Mappenwerk? Kann man einem Picasso für daheim näherkommen?

 

TN: Die Reproduktionen des Radierzyklus im Bilderbogen der Büchergilde sind von hoher Qualität und erlauben, die Details der feingliedrigen Darstellungen zu erkennen und geben auch die Struktur des Papiers wieder. Zudem liefert der Bilderbogen das Gedicht, das Picasso zum Radierzyklus für den Spanischen Pavillon auf der Weltausstellung schrieb – und das auch noch in deutscher Übersetzung! Damit kann man Picassos Auflagenobjekt in all seinen Bestandteilen nachvollziehen.

 

Die Fragen stellte Ingmar Weber, Leiter Online- und Direkt-Marketing der Büchergilde.