"Beuys hatte guten Humor"

Seit fast fünf Jahrzehnten steht der Schirmer/Mosel Verlag für aufwendig gestaltete Bücher in den Bereichen Fotografie, Kunst und Film. Verlagsgründer und -leiter Lothar Schirmer blickt zurück.


Die Fragen stellte Isabella Caldart.

Verleger Lothar Schirmer © Julian Baumann

Ihr Verlag wurde 1974 gegründet und vertrieb zunächst Originalfotografien. Wie hat sich die inhaltliche Ausrichtung von Schirmer/Mosel im Laufe der Jahre verändert?


LS: Fotografie ist nach wie vor unser Standbein, aber nachdem wir eine gewisse Breite im Angebot hatten, beschlossen wir, die Sachen, die in der Mediengeschichte dem Foto vorhergingen und nachkamen, ins Programm zu nehmen: Malerei und Film. Die Fotografie wurde sozusagen gesandwicht. So kann man sehen, was andere Künste thematisieren. Edward Hopper und Wim Wenders etwa sind unser Traumpaar: Sie drücken die gleiche Form der Einsamkeit und ein ähnliches Bild von Amerika aus.


Warum haben Sie auch bei der Malerei den Fokus auf Künsten der Gegenwart?


LS: Weil ich selbst in der Gegenwart lebe und nicht im 19. Jahrhundert oder Rokoko. Fotografie ist gegenständlich, Film sowieso, nur Malerei nicht notwendig. Deswegen habe ich mich für Künstler des 20. Jahrhunderts, die gegenständlich malen, entschieden. Das Verlagsprogramm wird wie ein Puzzle weitergelegt, sodass es ein neues Gesamtbild ergibt. Die Auswahl geschieht nach dem, was mir wichtig erscheint, beim Film etwa Werke über Fassbinder und Andrej Tarkovskij, in der Malerei der Gegenwart Hopper, Frida Kahlo und Balthus. Alles muss in meinen persönlichen Olymp passen. Man muss erst von sich ausgehen, aber auch an sein Publikum denken.


Sie schreiben auf Ihrer Website von Verbindungen der Fotografie mit Bildender Kunst beziehungsweise Mode. Wie äußern sich diese?


LS: Die technisch komplexeste, reichste und ausgeprägteste Form der Gegenwartsfotografie ist die Werbefotografie, und in der Werbefotografie wiederum ist die Modefotografie die interessanteste. Hier wird das meiste Geld ausgegeben, deswegen ist sie auch am verrücktesten und weitesten entwickelt. Das wollten wir nicht anderen Verlagen überlassen, nicht Bücher über Steine und Gläser der Neuen Sachlichkeit machen, sondern auch über Stoff und Fleisch. So kam mir beispielsweise Helmut Newton ins Programm, der in diesem Jahr übrigens 100 Jahre alt würde.

 

Sie arbeiten mit Museen zusammen und betreiben seit 1998 eine Galerie in München. Welche Wechselwirkung haben Museum und Verlag?


LS: Mit Museen arbeiten wir immer gerne zusammen, gerade wenn es sich um unsere Autoren handelt und wir uns die Exklusivität nicht durch einen Katalog in einem anderen Verlag durchbrechen lassen wollen. Aber die Galerie – die übrigens mehr ein Showroom als Service für unsere Autoren war – haben wir vor einem Jahr geschlossen. Bei jeweils drei Wochen Vorbereitungen mit Künstlerbetreuung, Hängung, Pressekonferenz, Einweihungsparty … waren wir mit sechs Ausstellungen im Jahr fast ein halbes Jahr lang nur damit beschäftigt. Das war ein bisschen viel, und als dann eine Mieterhöhung hinzukam, fragten wir uns: Warum tun wir uns das an? Ich bin jetzt 75, der Verlag 46 Jahre alt, da geht die Arbeit nicht mehr ganz so leicht von der Hand wie früher.


Stichwort Service für Ihre Autoren: Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit berühmten Künstlern? Zum Beispiel mit Beuys?


LS: Nun, bei Beuys muss man in den Nachlass wechseln. (lacht) Joseph Beuys war mit Bernd und Hilla Becher ganz am Anfang in meinem Programm und eine wesentliche Einflussgröße. Bei Künstlern muss man Geduld und Einfühlungsvermögen mitbringen und ihre Sprache lesen können: Was es bedeutet, wenn er über ein Thema schweigt oder besonders gerne spricht. Und als Erstes muss das mit dem Thema Geld ausgetestet werden, das manchmal eine besondere Bedeutung hat – oder manchmal keine. Bei Beuys etwa war diese gering, weil seine Attitüde dem Landarztprinzip glich: Wenn jemand reich war, musste er teures Geld zahlen, für Arme gab es die gleiche Sache für wenig. Das war sehr sympathisch, nur den Kunsthändlern hat es nicht gepasst. Beuys war gegen den Kunstmarkt gestrickt und der deswegen sauer auf ihn. Aber er war sprachlich sehr gewandt und konnte, wie es sich für einen guten Bildhauer gehört, bereits an der Körperhaltung beim Gegenüber


Die Büchergilde präsentiert den Schirmer/Mosel Verlag

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