Gefaltete Phantasmagorien

 

Über die Siebdruckbücher von OttoGraphic

 

 

Ein Beitrag von Till Schröder

(Eine längere Fassung des Artikels erschien ursprünglich in
Marginalien – Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie (Heft 235, 4/2019).)

© OttoGraphic

Aufgewachsen in Köln, ausgebildet in England, liiert mit einer griechischen Grafikerin, mittlerweile wohnhaft in der Bretagne: Otto Dettmer ist ein Siebdrucker wahrhaft europäischen Ausmaßes – und ein plakativer Büchermacher noch dazu. Seit 1996 überrascht er mit siebgedruckten Büchern in Kleinstauflagen, die zwischen phantasmagorierender Science-Fiction und meditativen Reiseberichten changieren, die Gedichte per russischer Schablonentechnik komplementieren, die in komplexen Faltungen ganze Universen mal minimal, mal surreal aufzuspannen vermögen. Eines seiner Bücher kann man sogar anziehen: Das Book Jacket (2014) stülpt sich wortspielend – „jacket“ ist neben der Jacke auch der englische Begriff für Schutzumschlag – und vollständig entfaltend wie ein Regencape über den modisch eher pragmatisch veranlagten Leser.

 

OttoGraphic nennt er sein Ein-Mann-Unterfangen, das er nach über 30 Jahren in Großbritannien seit diesem Jahr nun auf einem bretonischen Bauernhof zum produktiven Ausgangspunkt seiner Künstlerbücher und der Fortentwicklung des Siebdruckens macht. Auch Otto gehört zur Generation von Künstlern, die den Computer frühzeitig als Werkzeug entdeckten. Und so haben sich neben Workshops mittlerweile fünf Handbücher über das Siebdrucken und vor allem die notwendigen digitalen Vorarbeiten in Photoshop und Co. zu Bestsellern entwickelt. Über 3.000 Exemplare der Manuale sind schon in die analoge Welt gekommen – und mit ihnen zurück die Kontakte zu Siebdruckern weltweit, von den USA bis Indien. Dabei hatte er anfänglich mit Siebdruck nichts am Hut.

Otto D-19 © Irina & Silviu, irinasilviu.com

Alles begann mit einer Ablehnung der Hochschule der Künste in Berlin. Zwei uninspirierende Semester Werbewirtschaft und eine weitere abgelehnte Mappe später sah sich Otto 1988 zufällig in Bristol. Warum nicht hier mal versuchen? An der Bristol Polytechnic, der heutigen University of the West of England, begann er ein Design-Studium. Nach dem Bachelor bestärkten ihn erste Aufträge für die Textilfachzeitschrift Drapers, das Satiremagazin The Oldie oder den Observer: Mit Illustration ließ sich ein Lebensunterhalt bestreiten. Nur nicht immer beständig, wie sich bald herausstellte. Also sattelte er noch einen Master an der Kingston University in London drauf. Hier erst packt ihn die Siebdruck-Lust. Jahrelang hatte er mit Collagen und Zeichnungen gerungen. Deren Farbigkeit blieb immer ein Zufallsprodukt, dank schlecht zu kontrollierenden Ausgangsmaterials. „Im Siebdruck war ich plötzlich Herrscher über die Farbe.“ Er hatte sein Medium gefunden.

 

„Im Kontext des Internets ist das mein Ausweg. Der Bildschirm erlaubt immer nur dasselbe Format. Aber welch dramatische Veränderungen ermöglicht das Buch. Wenn man will, bekommt man sehr große Formate in ein sehr kleines Buch. Das macht den Spaß am Buch aus.“


Otto Dettmar

Und die Zeitschriftenwelt ihn: In auflagenstarken Zeitungen wie The Economist, The Independent, The Guardian oder The Times füllte er regelmäßig Seiten, bebilderte Essays und Kolumnen. Auch Frankreichs Le Monde und Libération beauftragten ihn und in Deutschland Der Freitag, für den er zwischen 2008 und 2015 wöchentlich die politische Kommentarseite bespielte – in einer digitalen Mischung aus Siebdruckästhetik und fotografischer Collage. Neben den Brotjobs aber steigerte sich von Jahr zu Jahr sein Output von Siebdruckbüchern. Gut 80 Titel sind es mittlerweile, die Otto hauptsächlich auf internationalen Messen oder über Zwischenhändler im Künstlerbuch- und Fanzine-Sektor bis nach China vertreibt. Anfänglich noch im Collagen-Stil, wandelte sich sein Look immer mehr zur flächigen Grafik, gleichermaßen den Geist der Konstruktivisten, der Neuen Sachlichkeit wie der Pop Art atmend. Vergleicht man beispielsweise Return of the Crayfish (a ghost story) aus dem Jahr 2006 mit Dark Matter von 2018, eröffnet sich die ganze Spannbreite seiner Bildwelten. Crayfish ist wie ein Buch gewordener Horror-B-Movie über einen in den Kanälen Londons angespülten Riesenkrebs, der die Banker der Stadt verschlingt und am Ende in eine Babypuppe verwandelt in den Äther aufsteigt. Gerasterte Fotocollagen und stilisierte Figuren treffen auf tapetengleiches blaues, orangefarbenes und goldenes Ornamentrauschen, ein kompositorischer Overload. Dark Matter dagegen spielt beinahe mathematisch mit Wahrnehmung und Überlagerung, spürt mit zunehmendem Aufklappen sich immer mehr farbüberlappender Kreise Fragen der Quantenphysik und der Astronomie nach.

© OttoGraphic

Überhaupt spielt die mögliche Formattiefe des Buches zunehmend eine große Rolle für Otto. „Ich will den Effekt des Buches maximieren“, sagt er. Ihn interessieren grafische Fortführungen, Größenveränderungen. Er entdeckt Leporellos und komplexe Faltbücher für sich. So komplex sogar, dass er seinen selbst erfundenen Cross-Cut Fold, eine Art diagonales Leporello, inspiriert von den ineinandergreifenden Blütenblättern der Tulpen, als Designmarke beim britischen Intellectual Property Office registriert hat: Nummer 6008862. „Im Kontext des Internets ist das mein Ausweg. Der Bildschirm erlaubt immer nur dasselbe Format. Aber welch dramatische Veränderungen ermöglicht das Buch. Wenn man will, bekommt man sehr große Formate in ein sehr kleines Buch. Das macht den Spaß am Buch aus.“ Und so gibt es neben den größeren, in Halbleinen gebundenen Versionen einige Titel auch im kartonierten Miniformat für die Hosentasche oder eine Tanzanleitung, die nur hilfreich ist, wenn man zwei Leporellos zu einem Würfel kombiniert (Dance, 2014). Den Effekt des Buches maximieren eben.

 

 

Otto bezeichnet sich selbst als Schöpfer von Bilderbüchern für Erwachsene. Er sucht visuelle Erzählung, will schnell erfassbare Form für klar deutbaren Subtext. Keine Dekoration, sondern Aussage, oft konsumkritische. Und sollte sich das Bild der Aussage entziehen, dann bleibt es dennoch widerhakig in Schraffuren, Rastern und Mustern, erzeugt Spannung trotz scheinbar monochromatischer Stasis seiner Oberfläche. Wie in A Voyage Fantastic (2018), seiner Hommage an die Science-Fiction-Filmklassiker The Incredible Shrinking Man (1957) und The Fantastic Voyage (1966). Nicht der gängige Topos Radioaktivität, sondern – natürlich – ein Buch ist der Auslöser einer Reise in die Teilchengrundfesten unseres Universums. Der Protagonist schrumpft erst wie Alice im Wunderland mit jeder aufklappenden Faltung ein wenig mehr, um dann plötzlich immens aufgebläht eins zu werden mit galaktischen Wirbeln, die sich wie gesprüht wirkende Farbsprenkel mit seiner Kleidung überlagern.