Von Beat-Schriftstellern und Badewannen-Büchern

In vielerlei Hinsicht einzigartig ist der MaroVerlag, der in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen feiert. Das Motto des Kleinverlages mit Sitz in Augsburg lautet: unabhängig — unerwartet — unbeirrt. Was hat es damit auf sich?

 

Sarah und Benno Käsmayr
Sarah und Benno Käsmayr © Birgit Böllinger

Unabhängig


Benno Käsmayr ist Anfang 20 und jobbt neben dem Studium in einer Druckerei, als er und Franz Bermeitinger sich 1968 nach einem Besuch der Frankfurter (Gegen-)Buchmesse sagen: Das können wir auch. Ihre erste Publikation heißt Das große Scheißbuch, kurz darauf folgt mit UND ein Literaturmagazin. Als Übersetzer Carl Weissner einen Verlag für den noch unbekannten Schriftsteller Charles Bukowski sucht und große Häuser die Veröffentlichung reihenweise ablehnen, ergreift Käsmayr seine Chance. Bukowski und Autoren der Beat Generation verschaffen ihm nicht nur Ansehen, sondern auch verlegerische Freiheiten. Angebote zur Übernahme lehnt Käsmayr stets ab. Inzwischen leitet Tochter Sarah, die schon zweimal den Förderpreis für junge Buchgestaltung gewann, den MaroVerlag gemeinsam mit ihrem Vater.

Unerwartet


Wer die Verlagswebsite besucht, kann das Programm u.a. nach Literatur „Für die Hängematte“, „Badewannen-Bücher“ und „U-Bahn-Lektüre“ durchstöbern. Neben den Beat-Schriftstellern verlegt Käsmayr auch eine ganze Riege deutscher und US-amerikanischer AutorInnen, darunter Jörg Fauser und Jack Kerouac. Den als unübersetzbar geltenden Roman Mulligan Stew von Gilbert Sorrentino bringt er Ende der 1990er-Jahre als Subskriptionsausgabe auf den Markt, anders lässt sich das Übersetzerhonorar von 12000 D-Mark nicht aufbringen. Die limitierte Kleinauflage verkauft sich rasend schnell. 2019 erscheint mit Lass uns mit den Toten tanzen ein Roman der Seenotrettungskapitänin Pia Klemp; pro verkauftem Buch spendet der MaroVerlag einen Euro an den Verein Sea­Watch. Fachbücher zum Thema Textildesign, Sozialpolitik und Umweltökonomie gehören ebenso zum Programm wie die später bei der Büchergilde verlegten Tollen Hefte, die unkonventionellen Tollen Bücher und die MaroHefte.

Unbeirrt


Den Käsmayrs ist es wichtig, so viele Bücher wie möglich lieferbar zu halten. Mehr als 300 Titel finden sich auf der Backlist, jedes Jahr kommen zwischen acht und zehn neue dazu. Verramschen oder einstampfen, um die Lagerkosten gering zu halten? „So ticke ich nicht“, sagt der Underground-Verleger in einem Interview mit der ZEIT. Die Maschinen für Nachdrucke stehen praktischerweise direkt in den Verlagsräumen im Augsburger Industriegebiet. Zeitweilig druckt Käsmayr hier auch für andere Verlage, doch irgendwann ist der Preisdruck zu hoch. Ganz aufhören kommt aber nicht infrage, auch wenn Ladenpreise und Produktionsaufwand selten in einem guten Verhältnis zueinander stehen – auch weil die Maßstäbe an die Buchgestaltung stets hoch gehalten werden. 2017 erhält der MaroVerlag den Preis für einen bayerischen Kleinverlag, 2019 und 2020 den Deutschen Verlagspreis. Die Käsmayr’sche Beharrlichkeit zahlt sich aus – hoffentlich auch noch die nächsten 50 Jahre.

Bei uns lieferbar

Beyer: Amy & Jordan

Mark Beyer

Amy & Jordan. Comic-Strips

 

16.00 € | NR 197812

Fünf Fragen an Sarah Käsmayr und Kolja Burmester, die gemeinsam, die MaroHefte herausgeben

 

Warum braucht die Welt MaroHefte?

 

Die Welt braucht sie nicht, aber das Leben ist ein bisschen weniger schlimm, wenn man Papier mit bunten Farben und klugen Buchstaben bedruckt. Und wenn ein Heft dann doch diejenigen findet, die unsere Hefte wirklich brauchen, dann haben wir alles richtig gemacht.

 

Was macht ihr, wenn ihr nicht gerade an den Heften arbeitet?

 

Kolja arbeitet in seinem Bremer Atelier und krickelt Zettel mit Notizen voll, die er später kaum entziffern kann. Ansonsten konzipiert er derzeit seine erste Einzelausstellung, zeichnet und textet Porträts via Skype mit Buntstiften und seiner Olympia-Schreibmaschine, betreut einen Inklusionsschüler und arbeitet als Museumsaufseher. Sarah gestaltet als selbstständige Grafikerin Bücher für unabhängige Verlage und leitet gemeinsam mit ihrem Vater Benno den MaroVerlag. Ihr gemeinsames Sorgenkind sind Pflanzen: bei Kolja die in einem öffentlichen Beet vor seinem Bremer Haus, bei Sarah drei Zucchini, vier Tomaten und ein Kürbis vor der Berliner Hinterhofremise.

 

Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?

 

In Bremen. Wir haben beide 2008 dort angefangen, Integriertes Design an der Hochschule für Künste zu studieren, hatten gemeinsam Kurse und entdeckten schnell, dass wir nicht nur gut zusammen arbeiten können, sondern auch beide gerne Fahrrad fahren und ähnlich gereizt auf Unterzucker reagieren. Seit 2014 wohnen wir nicht mehr in derselben Stadt, so lebt die Freund-Streit-Arbeit-Schaft in SMS, Chats, E-Mails, Skype-Konferenzen, Telefonaten und analogen Treffen fort.

Was verbindet ihr mit den Tollen Heften?

 

Sarah: Ich muss sogleich an Wörter wie „Nudelsuppe“, „Verbiesterte Welt“ und „Das nackte Leben“ denken. Die fielen in meiner Kindheit beim Abendessen – ich war da gerade in die Schule gekommen und noch zu klein, um zu verstehen, dass es die Titel von Tollen Heften sind. Als ich zwischen Abitur und Studium für zwei Jahre bei Mararbeitete, wurden die Hefte längst in der Büchergilde herausgegeben. Das Thema schwirrte aber regelmäßig durch Telefonate und E-Mails, weil immer wieder Anfragen nach den vergriffenen Ausgaben kamen. Als ich ins Archiv ging, verstand ich sehr schnell, warum sie so begehrt sind.

 

Kolja: Ja, denn es sind kleine Schatztruhen, die nach leuchtenden Farben, schwerem Papier und Abenteuern riechen. Man merkt ihnen an, dass die IllustratorInnen ohne Hemmungen losbrettern konnten, als würden sie ihren heißesten Schlitten so richtig ausfahren. Das wollen wir auch mit den MaroHeften. Bei uns nehmen sich beide, AutorInnen und IllustratorInnen, Raum und donnern ihren eigenen Standpunkt, ihre Interpretation zu einem Thema auf die Seiten. Dass Text und Bild am Ende eins wird – das ist die große Kunst! Und darin sind die Tollen Hefte unser Vorbild.

 

Mit den MaroHeften wollt ihr populär-relevante, abseitige, zeitlose oder tabuisierte Themen behandeln. Mal ganz konkret: Wie geht es weiter?

 

Nun, wir bringen Licht ins Dunkel: Heft 3 wird die falschen Fundamente von Verschwörungstheorien ergründen und Heft 4 in die (un)ergründlichen Tiefen einer weltberühmten Hauptstadt hinabsteigen. Also: Taschenlampen an und mitkommen.