Neue Wege der Erinnerung

Zwei herausragende Bücher über Zivilcourage und Überlebenswillen

Rund 70 Jahre nach Befreiung der Konzentrationslager sind zwei Bücher erschienen, die sich auf sehr unterschiedliche Weise mit den Schicksalen von Menschen auseinandersetzen, die Opfer des NS-Regimes geworden sind: Deutscher Meister von Stephanie Bart und Die Tänzerin von Auschwitz von Paul Glaser. Sie zeigen, dass sich der Umgang mit der Geschichte in der Generation nach den Zeitzeugen verändert hat.  Diese Generation zeigt neue literarische Wege der Erinnerung auf und stellt neue Themen, wie die individuelle Rekonstruktion der Familiengeschichte  in den Vordergrund. 

Der Halbschwergewichtsboxer Johann "Rukeli" Trollmann
Johann Trollmann © Hans Firzlaff

Der Roman Deutscher Meister von Stephanie Bart erzählt die Lebensgeschichte des großartigen Boxers Johann „Rukelie“ Trollmann, eines Sinto, der um die Deutsche Meisterschaft kämpft, aber den Titel wegen des Rassenwahns der Nazis nicht gewinnen darf.

Inspiriert zu diesem Roman wurde die Ethnologin und Politikwissenschaftlerin durch die temporäre Skulptur, die das Künstlerkollektiv Bewegung Nurr 2010 im Berliner Victoriapark errichtet hatte. Sie bestand aus einem absinkenden Boxring in Originalgröße, der an den Kampf im Halbschwergewicht in der Kreuzberger Bockbierbrauerei erinnern sollte.

Wie schon in ihrem ersten Roman Goodbye Bismarck verbindet Bart in Deutscher Meister historische Fakten mit fiktiven Elementen; eine Verbindung, die für Ihr Schreiben unerlässlich ist:  „Die Verankerung im wirklichen Leben ist für mich der Boden, der mich trägt, und aus dem die Fiktion wie von selbst erwächst.“  Vorbild für ihre Arbeitsweise ist auch der Dokumentarfilm Sinfonie der Großstadt, der 1927 uraufgeführt wurde.

Stolperstein in der Fidicinstraße, Berlin-Kreuzberg
© Paul David Doherty

Für Deutscher Meister wurde Stephanie Bart mit dem Rheingau Literaturpreis 2014 ausgezeichnet. In der Begründung der Jury hieß es: „Bart hat diese wahre Geschichte in jahrelanger Arbeit recherchiert und für das Buch in eine Vielzahl von Stimmen gekleidet. Sie schafft daraus ein Gesellschaftsbild, in dem die Schrecken der noch jungen Naziherrschaft ebenso abgebildet werden, wie die grotesken Aspekte der vorauseilenden „Gleichschaltung“ in einem deutschen Sportverband. Vor allem aber findet Stephanie Bart für die zahlreichen Boxkampfschilderungen eine Sprache, die in Anschaulichkeit und Intensität beispiellos ist.“

Damit hat sie der Person Johann „Rukelie“ Trollmann ein literarisches Denkmal gesetzt und der Stadt Berlin eine weitere Facette hinzugefügt.

Dagegen nimmt der niederländische Autor Paul Glaser in seinem Roman Die Tänzerin von Auschwitz seine Leser mit auf eine Spurensuche: 

Ihn veranlasste ein Koffer zum Recherchieren und Schreiben, ein Koffer, den er bei einem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz entdeckt hatte und der mit dem Namen seiner Familie beschriftet war. Bei seinen Nachforschungen stellte Glaser fest, dass dieser Koffer seiner Tante Rosie gehörte, die das Vernichtungslager knapp überlebte, indem sie SS-Offizieren Tanzunterricht gab.  Erst durch seine Recherchen erfuhr der Katholik Paul Glaser, dass er aus einer jüdischen Familie stammte. Die Familie hatte das bislang verschwiegen und so musste sich der Autor auch dem Umgang mit dem Vergessen und Erinnern in der eigenen Familie auseinandersetzen.

Glaser hat dieses Thema nicht mehr losgelassen. 25 Jahre lang hat er recherchiert, hat sogar seine Tante, die in Schweden lebte, einmal besuchen können und eine sehr lebensfrohe Frau kennengelernt. In Schweden fühlte sie sich frei und wollte nie mehr in den Niederlanden leben. Sie hatte allerdings auch schlechte Erfahrungen gemacht. Denn als sie sich nach dem Krieg als niederländische Staatsbürgerin um Entschädigung bemühte, wurde sie abgewiesen. Stattdessen erhielt sie vom niederländischen Staat eine Rechnung für einen Mantel, den sie nach ihrer Rettung aus dem KZ erhalten hatte.  "Gehorsam und Schicksalsergebenheit prägten den allgemeinen Ton unter den Niederländern, „ sagt sie, „aber auch Bewunderung und der Wunsch, Teil der Neuordnung und des Großdeutschen Reiches zu sein.“

Paul Glaser verknüpft die Geschichte seiner Tante mit dem Verdrängen und Erinnern in seiner eigenen Familie und zeigt damit eindrucksvoll, dass die Naziherrschaft bis in die heutige Zeit nachwirkt.  

Deutscher Meister von Stephanie Bart und Die Tänzerin von Auschwitz von Paul Glaser zeigen beispielhaft, wie sich die Aufarbeitung der Vergangenheit bei den jüngeren Generationen verändert hat:  Sie  wird langsam abgelöst von einer kritischen Reflexion und pluralistischen Weitererzählung der deutschen Geschichte auch mit Mitteln der Fiktion.

Jürgen Sander