Damit wird unsere Demokratie verteidigt

Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien über den Deutschen Buchhandlungspreis, den geplanten Deutschen Verlagspreis, die Perspektiven angesichts einer schwindenden Leserschaft und die Herausforderungen durch rechte Akteure.

Wir haben die Staatsministerin am Tag nach der Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises 2018 zum Frühstück getroffen.

 

Die Fragen stellten Silvio Mohr-Schaaff und Jürgen Sander

Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien © J. Sander

Der Deutsche Buchhandlungspreis wurde bereits zum vierten Mal verliehen. Wie stellt sich das aus Ihrer Sicht dar? Das ist ja ein ziemlicher Erfolg?

Das war nicht nur ein „ziemlicher“, sondern ein großer Erfolg. Ich habe den Eindruck, als hätte die Branche darauf gewartet. Es geht ja nicht nur um Geld, sondern auch um eine bundesweite Aufmerksamkeit, gleichzeitig um Wertschätzung und Ermutigung und es hat den schönen Nebeneffekt, dass man zu einer Art Familientreffen kommt. Das spüre ich bei diesen Veranstaltungen immer. Es ist auch ein Familientreffen, auch weil viele der Teilnehmer Wiederholungstäter sind. Wir haben schon bei der Konzeption des Preises darauf geachtet, dass bei den Spitzenpreisen in den letzten beiden Kategorien mindestens ein Jahr zwischen den Bewerbungen liegen muss, damit auch andere eine Chance haben. Die Logik ist ja, dass wer einmal gut ist, dies auch im folgenden Jahr bleibt. Damit wir die Spitzenpreise in der Fläche verteilen können, haben wir diese kleine Karenzzeit eingebaut.

 

Jetzt nach vier Jahren hat das Siegel ja auch einen Wiedererkennungswert.

Ja, es ist immer wieder schön, wenn ich das Siegel bei meinen Spaziergängen in Berlin und überall in Deutschland bemerke.

 

Berlin ist ja immer die Vorzeigestadt … Am Prenzlauer Berg machen ständig neue Buchhandlungen auf, und alle funktionieren sie irgendwie.

Das ist nicht nur in Berlin so. Die Buchhandlung von Herrn Bittner in Köln, die den Spitzenpreis gewonnen hat und die von Frau Laaff – die, weil sie im letzten Jahr den Spitzenpreis gewonnen hat, eine Laudatio hielt – liegen in Köln sehr nah beieinander. Im Gespräch erzählten sie mir sehr heiter, dass sie sich gegenseitig aushelfen, wenn ein Kunde im Laden steht und ein bestimmtes Buch will. Wenn es nicht im Regal steht, fragen sie bei der anderen Buchhandlung an. Statt sich also als Wettbewerber zu empfinden, empfehlen sie sich lieber gegenseitig. Es sind spezielle und beeindruckende Menschen, die solche Buchhandlungen betreiben.

 

Das ist ja auch bei den Verlagen so …

Ja, das ist ein Charakterzug, das ist das Selbstverständnis dieser „Geistesbranche“.

 

Wie kommt eigentlich die Zahl der ausgezeichneten Buchhandlungen zustande. Ist das vor allem eine Budgetfrage?

Letztes Jahr waren es 117, dieses Jahr 118 Buchhandlungen. Die maximale Anzahl ist in den Preisbedingungen festgelegt. So können zum Beispiel in der Kategorie 7 000 Euro bis zu 100 Buchhandlungen ausgezeichnet werden. Wir brauchen einen Spitzenpreis, weil der die Berichterstattung stimuliert und es auch um eine öffentliche Wahrnehmung und Beachtung geht. Ein weiterer Aspekt sind auch die Unterschiede innerhalb eines Spektrums wirklich guter und tapferer Buchhandlungen. Zum Feld der ausgezeichneten Preisträger: Wir könnten natürlich auch 50 Preise mit jeweils 15 000 Euro vergeben. Aber um die Vielfalt in der deutschen Buchhandlungslandschaft zu erhalten, bedarf es eines flächendeckenden Ansatzes. Es ist ein zentrales Ziel der Bundeskulturpolitik, das ganze Netz geistiger Einrichtungen zu erhalten, also nicht punktuell zu agieren. Und dann kann das natürlich im Norden in Stralsund oder im Süden in Bayreuth sein. Gerade beim Deutschen Buchhandlungspreis wie auch beim Kinoprogrammpreis versuchen wir, dieses bundesweite Netz zu stabilisieren. Wir reden ja von sechseinhalbtausend Buchhandlungen und wenn da 118 berücksichtigt werden, ist das immer noch eine relativ kleine Zahl.

 

Ist der Preis nicht auch Wirtschaftsförderung? Gibt es da Probleme von Seiten anderer Wirtschaftszweige?

Nein. Da gibt es keinen Neid. Die Größenordnungen sind dafür wohl auch zu bescheiden. Man muss immer unterscheiden zwischen Subventionen, also Wirtschaftsförderung, und der Kulturförderung, wie beispielsweise bei den Programmkinos oder jetzt bei den Buchhandlungen. Das Prinzip hinter den Preisen zur Kulturförderung ist dasselbe: Wir müssen die kleinen unabhängigen inhabergeführten Kultureinrichtungen stabilisieren, damit sie sich gegenüber den großen Ketten und Monopolisten behaupten können. Bei den Buchhandlungen kommt ja noch die starke Konkurrenz durch den Online-Handel dazu. Eine echte Kritik, dass es eine systemrelevante Maßnahme ist, gibt es hier deshalb nicht – zumal jeder, der als Kritiker in Frage käme, weiß, wie bescheiden Buchhändler und Buchhändlerinnen leben und dass das keine wirtschaftlichen Strukturen durcheinander bringt. Eine Sache muss ich noch ergänzen: Auch die großen Buch-Ketten haben sich nicht beschwert, aber was wir nach dem ersten Durchgang hörten, war, dass inhabergeführte Buchhandlungen, die über eine Million Umsatz machen, sich zurückgesetzt fühlten, obwohl und eben gerade weil sie so erfolgreich waren. Das konnten wir nachvollziehen, denn auch diese großen Buchhandlungen leisten ja einen wichtigen Beitrag für den Erhalt der vielfältigen und historisch gewachsenen Buchkultur in Deutschland. Deshalb haben wir entschieden, sie mit einem Gütesiegel zu würdigen, denn die finanzielle Unterstützung benötigen sie weniger als die kleinen. Da haben wir nach einem Jahr nachjustiert.

Es gibt ja doch immer wieder Versuche, z.B. die reduzierte Mehrwertsteuer zu kippen. Ist das auf EU-Ebene auch ein Thema?

Bestrebungen auf EU-Ebene gezielt die Mehrwertsteuer auf Bücher zu kippen, sind mir nicht bekannt. Im Gegenteil, wir haben sogar E-Books in den Katalog der reduzierten Mehrwertsteuer neu aufgenommen. Das war ein jahrelanges zähes Ringen. Die 28 Mitgliedsländer haben natürlich jeweils hohe Normal- und ermäßigte niedrigere Steuersätze auf bestimmte Waren; dahinter steht immer auch eine gesellschaftspolitische Entscheidung. Damit man gleiche Bedingungen innerhalb der EU hat, gibt es einen Katalog, welche Waren niedriger besteuert werden dürfen. Ob das jeweilige Land davon Gebrauch macht, ist wieder seine eigene Entscheidung. Aber ehe man eine neue Warengruppe aufnimmt, also etwa elektronische Publikationen, muss man lange dafür werben. Das ist uns hier aber jetzt gelungen.

 

Das Zweite, was damit zusammenhängt, ist die Buchpreisbindung. Sie haben ja gestern gesagt, dass die Buchpreisbindung verteidigt wird.

Ja, und zwar vehement. Als die Monopolkommission ohne Auftrag im Frühjahr eine Empfehlung vorlegte, man könne doch wieder einmal über die Buchpreisbindung nachdenken, weil das ein wettbewerbsverzerrendes Element sei und weil ihre Abschaffung gar keine negativen Auswirkungen auf den Buchmarkt habe, war ich fassungslos und habe das auch öffentlich bekundet, weil das geradezu absurd falsch ist. Die öffentliche Reaktion auf die Empfehlung der Monopolkommission war ja zum Glück auch eindeutig. Die Buchpreisbindung ist eines der wichtigsten Instrumente zum Erhalt der Vielzahl kleinerer Verlage, damit auch der Vielfalt des Buchmarktes.

 

Kürzlich hat der Börsenverein Zahlen veröffentlicht. Danach gibt es 6,4 Millionen weniger Leser. Was kann man da tun? Viele Buchhandlungen, das haben wir gestern gesehen, engagieren sich ja sehr stark in Leseförderung etc.

Das ist eine ganz wichtige Frage. Die Zahlen, die der Börsenverein erhoben und veröffentlicht hat, muss man aber bitte sehr differenziert lesen. Es ist zwar die Anzahl der Buchkäufer zurückgegangen, nicht aber die Zahl der Buchkäufe. Diejenigen, die immer schon gelesen haben, kaufen nach wie vor und gelegentlich sogar ein Buch mehr. Insbesondere Menschen zwischen 20 und 49 Jahren kaufen und lesen allerdings heute deutlich weniger Bücher als noch vor einigen Jahren. Man muss sich also fragen, wie man diese Generation dazu bringt, sich wieder mit dem Buch zu beschäftigen. Das scheint die eigentliche gesellschaftspolitische Aufgabe zu sein. In einer zunehmend digitalisierten Welt, die vom Tempo bestimmt ist, wird die kontemplative Tätigkeit des Lesens zunehmend als anachronistisch wahrgenommen. Und deshalb müssen wir uns alle, auch im Interesse der Gesellschaft, darum bemühen, solche Kulturtechniken wieder attraktiver zu machen und dafür werben, dass Bücher und das Lesen wieder mehr ins Bewusstsein rücken. Gerade auch bei jungen Eltern, die ihren Kindern wieder täglich etwas vorlesen sollten.

 

Gestern waren ja auch viele Verlagskollegen da und die Frage war: „Wo bleibt die Verlagsförderung?“

Richtig ist, dass die kleinen, inhabergeführten Buchhandlungen ohne die kleinen, inhabergeführten Verlage nicht überleben könnten und umgekehrt. Deutschland hat einen der größten und lebendigsten Verlagsmärkte der Welt. Hier werden auch Bücher verlegt, die rein wirtschaftlich schwer zu rechtfertigen sind, aber wesentlich zur kulturellen Vielfalt im Buchmarkt beitragen. Deshalb wollen wir diese kleinen Verlage, die das ja in der Regel leisten, unterstützen. Und deshalb will ich einen Verlagspreis ausloben, der sich ein bisschen an dem Buchhandlungspreis orientiert, also in der ganzen Breite wirken soll. Wir haben uns auch hier das Marktsegment angesehen. Wie viele Verlage gibt es denn überhaupt? 2017 waren es in ganz Deutschland rund dreitausend Verlage, darunter sind rund 2000 kleine und mittelständische Verlage mit einem Umsatz von weniger als 3  Millionen Euro, die wir mit dem neuen Verlagspreis des Bundes adressieren wollen. Das ist eine erkleckliche Zahl. Auch hier gilt: Sichtbarkeit herstellen, Wertschätzung erteilen, Ermutigung aussprechen, für den Erhalt der vielen sorgen. Das ist die bundespolitische Kulturlogik. Die Kommunen und Länder sind bei der Förderung auf ihr jeweiliges Gebiet begrenzt. Es ist Aufgabe des Bundes, die gesamte Republik ins Visier zu nehmen und im Schulterschluss mit den Ländern eine bundesweit wirkende Förderung der kulturellen Vielfalt sicherzustellen. Und das Wichtigste dabei ist, dass die wir auch in der Politik ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie wichtig unsere Branchen sind: die kleinen Filmemacher, die kleinen Buchhandlungen, die kleinen Buchverlage – damit wird auch, etwas pathetisch ausgedrückt, unsere Demokratie verteidigt.

 

Wenn man sieht, welche rechten Akteure sich mittlerweile auf der Buchmesse breit machen, was kann da die Politik machen?

Das ist natürlich in erster Linie Sache der Messegesellschaften. Da kann und wird sich die Politik nicht einmischen. Aber wir beobachten natürlich als Bürger mit einer gewissen Sorge, was heute buchstäblich hoffähig gemacht werden soll. Und wenn man einen Stand mieten kann, dann kann man das schlecht verbieten. Wir müssen uns alle wappnen, was den Umgang mit derartigen Trends angeht. Unser aller Aufgabe ist, sie inhaltlich zu stellen und überzeugende eigene Angebote zu machen.

 

Auf der Buchmesse war der Aufgang zu unserer Halle 4.1 einige Stunden komplett gesperrt.

Das ist ein Kollateralschaden, der ist zu groß.

 

Und die Rechten haben immer gewonnen. Da wurde ein Herr Höcke eingeladen. Sagt man: „Sie können hier nicht auftreten“ …

… dann hat er die gleiche Aufmerksamkeit, wie wenn die Veranstaltung doch stattfindet.

 

Wenn man abgesagt hätte, wäre der Vorwurf laut geworden, das sei Zensur …

Es ist ein fatales Zeichen, wenn allein die Androhung rechtsextremistischen Drucks dazu führt, dass Kulturveranstaltungen abgesagt werden. Es gehört zur Kunstfreiheit, Dinge zu ermöglichen, auch wenn man sie persönlich ablehnt soweit sie verfassungsrechtlich in Ordnung sind. Selbst rechtsgerichtete Trends sind, wie auch linksgerichtete, bis zu einem gewissen Grad von der Kunstfreiheit erfasst. Und das ist ein so hohes Gut, auch weil uns die bittere Erfahrung von zwei Diktaturen noch in den Knochen steckt, dass ich das verteidige, selbst wenn ich bestimmte Inhalte abstoßend finde. Aber solange sie sich im verfassungsmäßigen Rahmen bewegen, genießen sie Schutz. Hier muss eine Gesellschaft auch so mutig sein, sich damit auseinanderzusetzen. Ich fasse das mal so zusammen: Es darf in Deutschland nie wieder passieren, dass eine laute Minderheit auf eine schweigende Mehrheit trifft. Und wenn diese Mehrheit bequem ist oder gelähmt, dann begünstigt sie die falsche Richtung. Das heißt, wir müssen uns alle gegen demokratiefeindliche Angriffe wehren und auf jeden einzelnen kommt es dabei an. Auch das ist eine nachhaltige Lehre aus zwei Diktaturen in Deutschland.

 

Wir danken Frau Professor Grütters für das Gespräch.

Vertriebs- und Marketingleiter Silvio Mohr-Schaaff und Prof. Monika Grütters © J. Sander