„Du hast einen Vogel!“ – „Was? Nur einen?“

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Von einem handlichen Vogelführer, der dazu einlädt, in die große Welt von Kunst und Fälschung einzutauchen und zu erfahren, welchem falschen Vogel wir heute nicht auf den Leim gegangen sind.

 

Von Lisa-Marie Schöttler

 


Monika Aichele widmet sich der Illustration mitgroßer Hingabe. Kaum ein Tag vergeht, an dem sie nicht zeichnet oder über ihre Bildideen nachdenkt– ausgebreitet auf ihrem Schreibtisch bei schönereWelt!, mit etwas geringerem physischem Entfaltungsspielraum in einem ICE, gemeinsam mit ihren Studierenden in Mainz, auf Reisen nach nah und fern. Als größten gemeinsamen Nenner ihrer Arbeit kann man die spezielle Farbgebung ihrer Werke ausmachen. Sich jedoch einem Stil zu unterwerfen, ausschließlich diesen einen zu perfektionieren, dafür ist die Wahl-Münchnerin zu vielseitig interessiert. Auch in der Kunstweltgilt es, sich immer wieder neu zu erfinden, um ein möglichst langes und erfülltes Berufsleben zu haben, so sagt sie. Das gibt Aichele auch ihren Studierenden mit, die sie im Master Gutenberg Intermedia an der Hochschule Mainz begleitet. Zwischen individuellem künstlerischem Ausdruck und dem Wunsch und der Notwendigkeit, einem Markt gerecht zu werden, liegt ein schmaler Grat, den sie mit einer mathematischen Knobelaufgabe vergleicht. Erfolgreiche IllustratorInnen müssen viele gestalterische Disziplinen beherrschen und innerhalb dieser konzeptionell denken können. Zur Entwicklung von künstlerischem Potenzial gehört deshalb eine Menge Geduld und eine große Frustrationstoleranz, denn häufig haben schnelle Ergebnisse nur eine kurze Halbwertszeit. Doch die womöglich wichtigste Voraussetzung ist es, sich von seiner inneren Stimme leiten zulassen, umzusetzen, was einen tatsächlich beschäftigt. Einen Ausdruck für sowohl autobiografische Bezüge als auch ihre künstlerische Vielfältigkeit hat Monika Aichele in den 30 Bildtafeln gefunden, die sie für das Buch Paradies der falschen Vögel von Wolfgang Hildesheimer geschaffen hat. Entstanden sind mal farbige, mal Schwarz-Weiß-Illustrationen von schrägen Vögeln mitsamt ihrer lateinischen Nomenklatur und einer kurzen Beschreibung ihrer speziellen Lebensweise.

Zunächst hatte die Künstlerin Zweifel, ob eine scheinbar so banale Idee wie die Verbildlichung „falscher Vögel“ zum Text passen könnte. Doch orientiert an ihrer Arbeit für Magazine, besann sie sich auf das Wesentliche: Was verrät mir der Titel? In welche Richtung kann meine Interpretation gehen? Was ihr zu den Vögeln in den Sinn kam, schrieb sie gleich hinein in eine Taschenbuchausgabe des Hildesheimer-Romans und fand mit dieser Idee Zugang zu der einnehmenden Leichtigkeit des Textes, zu seinem Umgang mit Kunst und Kopie.

Vögel und damit Tiere zu malen, das ist für Aichele zeitlos und gleichzeitig doch nicht beliebig. Mit ihren falschen Vögeln kann sie viele unterschiedliche Szenarien aufgreifen, sozialkritisch sein, ohne politisch werden zu wollen. Dass Vögel außerdem beinahe überall sind, unterschiedlichste Lebensräume für sich erschlossen haben und mit ihrem Schnabel als Charakteristikum auch in der abstraktesten Darstellungsform wiedererkannt werden können, kam der Illustratorin gelegen. Mithilfe der Vögel erzählt sie Geschichten, ohne dabei zwingend einer logischen Figur durch die fortschreitende Handlung des Romans folgen zu müssen. Stattdessen bewegen sich ihre Vögel in kleinen Biotopen mit ganz eigenen Gesetzmäßgkeiten, die es zu durchdringen gilt.

Bei der Umsetzung orientierte sich Monika Aichele an dem Medium, in dem uns Hildesheimers Paradies der falschen Vögel die Kunst vorrangig präsentiert: der klassischen Malerei. Der erste Vogel entstand in ihrem Kopf bereits lange vor der Lektüre des Buches. Es handelt sich dabei um den Handtuchvogel, den der Ornithologe Akinom Elechia in Finnland entdeckt haben soll. Zur ersten Skizze brachte es der Ameisenkolibri, eine Kreuzung zwischen Flugameise und Bienenkolibri, der als Blütenhonigsäuger auf Kuba lebt. Die größte Sympathie hegt die Künstlerin allerdings für ihren Moonbird. Die Jungtiere dieses auch als Gingkokauz bezeichneten Vogels sind der Mondsucht verfallen. Bei Neumond plustern sie sich auf, um den Vollmond zu simulieren und gleichzeitig gegen die Kälte der Nacht gewappnet zu sein. Diese Verhaltensweise und der unverwechselbar rauchige, sehnsuchtsvolle Schrei des Moonbird ließen ihn zu einem Symbol für die Vanitas (Vergänglichkeit) werden.

 

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