Eine Liebeserklärung in 19 Artikeln

 

Politische Extremzustände, eine aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich, Individualisierungstendenzen – wie begegnen wir den gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit? Ein Gespräch mit dem Illustrator Mehrdad Zaeri über ein buntes und respektvolles Miteinander.

 

Die Fragen stellte Marlen Heislitz.

 

 

 

Menschenpflichten

 

 

Herausgegeben von

Jane Goodhill


Illustriert von

Mehrdad Zaeri

„Wer Rechte hat, der hat auch Pflichten“ – das klingt zunächst einmal sehr streng. Und der Begriff der Pflicht kommt recht technisch daher, obwohl im Fall der Menschenpflichten ja positive Intentionen darunter versammelt sind. Wie haben Sie sich der Aufgabe genähert, diese Richtlinien künstlerisch umzusetzen?

 

Als ich die Aufgabe übernahm, die neunzehn Artikel der Menschenpflichten zu illustrieren, entschied ich mich für eine klare Struktur von einer Illustration pro Artikel.

Da der Text dieser Erklärungen ziemlich trocken und mit wenig Sinnlichkeit formuliert war, spürte ich den Wunsch, die zwischenmenschliche „Liebe“, um die es in diesen Texten geht, deutlich sichtbar zu machen. So habe ich die Beziehung zwischen zwei Menschen in verschiedenen Situationen dargestellt. Ich zeigte dabei, stellvertretend für die beiden Geschlechter, je eine Frau und einen Mann. So entstand eine Liebeserklärung in 19 Artikeln.

 

 

Wenn Sie betrachten, wie die Menschenpflichten in unserer heutigen Gesellschaft aktiv ausgelebt werden, welche Momente oder Entwicklungen geben Ihnen Zuversicht? Welche bereiten Ihnen Sorgen?

 

Zuversicht und Sorgen sind die zwei emotionalen Gesichter einer Entwicklung. Wir Menschen brauchen unheimlich viel Zeit, um reifer zu werden. Im Laufe der Jahrhunderte wird uns immer klarer, wonach wir suchen und worauf es ankommt, um in Harmonie mit der Welt um uns zu leben.

Auf diesem Weg haben wir schon so viele Fehler begangen, und wir werden noch viel Mist bauen, bis wir am Ziel ankommen. Die Fehler sind unumgänglich, die Ankunft am Ziel aber ist nur eine Frage der Zeit.

Sie setzen sich für soziale und gesellschaftliche Projekte ein, sind umtriebig, was die Förderung von Kindern und Jugendlichen angeht. So bringen Sie Kunst in Schulen und arbeiten als Integrationslotse. Was bewegt Sie zu Ihrem Engagement?

 

Ich war selbst das Kind einer Flüchtlingsfamilie, als wir 1986, nach der Flucht aus dem Iran, in Deutschland ankamen. Ich kenne die Sehnsucht nach einem Menschen, der das Zauberwort „Willkommen!“ ausspricht.

Auf der einen Seite möchte ich den Kindern der Migration ein Beispiel sein, das zeigt, dass auch ein „Migrant“ in dieser Gesellschaft seinen Platz finden kann. Auf der anderen Seite möchte ich den Kindern, die in Europa groß geworden sind, zeigen, dass ein „Flüchtling“ nicht in eine einzige Schublade gesteckt werden kann. Ich möchte in dieser Gesellschaft ein Sprachrohr für diejenigen sein, die unsere Sprache noch nicht beherrschen.

 

Wie bleibt man auch in Zeiten notwendiger sozialer Distanz einander zugewandt und solidarisch? Und: Kann Kunst dabei helfen?

 

Die beste Form der Solidarität in heutiger Zeit ist paradoxerweise die Distanz. Corona ist ein Festival der Widersprüche. Die Kunst ist heute zum großen Teil zum Schweigen verurteilt. Ihr bleibt heute nur, in leisem, behutsamem Ton, uns Trost und Mut zu geben. Dafür wird sie uns morgen umso mehr Geschichten in allen Farben und Formen erzählen.

Letztes Jahr gestalteten Sie die Fassade eines Parkhauses mit einer riesigen Illustration. Sie scheinen für sich neue Wege zu erschließen, wie Kunst zu den Menschen gebracht werden kann. Warum ist Ihnen das so wichtig?

 

Die XXL-Bilder an den Hausfassaden sprühe ich gemeinsam mit meiner Frau Christina Laube. Wir bilden das „Duo Sourati“. Hausfassaden zu bemalen ist ein körperlicher Akt, verbunden mit Sonnenlicht und Regen. Man steigt während der Arbeitsphase an einer Wand komplett aus der Welt des Alltagsgeschehens aus, keine Nachrichten, keine Freunde oder Familie. Man vergisst die Welt und taucht in eine Parallelebene ein. Davon könnte man süchtig werden. Ein weiterer schöner Effekt ist die Öffnung der Kunst für alle Menschen. Die Menschen müssen nicht zur Kunst, die Kunst kommt zu den Menschen.

 

Ihr Ausblick für die Zukunft?

Wir Menschen werden langsam reifer, auch wenn wir noch mitten in der Pubertät stecken.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Zaeri!