Ein Hoch auf die Ästhetik

„Stilvolle Klassikervermittlung“, lautet das Motto des Manesse Verlags, und es bezieht sich sowohl auf Inhalt als auch auf Ausstattung der Publikationen aus dem Hause Manesse. Laut den Stuttgarter Nachrichten macht dieser Traditionsverlag „schönste Bücher“, aber wie gestalten sich Arbeit und Alltag in einem Verlag mit so hohem bibliophilen Anspruch? Ein Gespräch mit Verleger Dr. Horst Lauinger.

Herr Lauinger, Sie leiten den Manesse Verlag seit 16 Jahren, eine beachtlich lange Zeit. Hat sich für Sie damit ein früher Berufswunsch erfüllt?

Ja, es war ein Jugendwunsch, irgendwann etwas mit Büchern machen zu können, aber dass es ausgerechnet dieser Traditionsverlag werden würde, war ein Glücksfall für mich. Mitte 2000 wurde ein neuer Verleger für Manesse gesucht. Man hat mir mit meinen damals 33 Jahren eine Chance gegeben, und ich bin mit großem Schaffensdrang nach Zürich gezogen, wo der Verlag 1944 gegründet worden ist.

Manesse steht laut Ihrer Homepage für ambitionierte Klassikervermittlung aus allen Sprachen und Epochen. Aber was genau ist eigentlich ein Klassiker?

Wenn man es in einen Satz gießen wollte: ein Werk oder ein Autor von überzeitlicher Relevanz. Es gibt Bücher, die in ihrer Zeit eine ganz beachtliche Wirkung entfalteten, mittlerweile jedoch schwer vermittelbar sind. Der deutsche Barockroman mag für Literaturwissenschaftler ein faszinierendes Forschungsgebiet sein, aber heutzutage ein breiteres Publikum dafür zu begeistern ist nahezu aussichtslos. Um zu zeigen, dass Werke nichts von ihrer Relevanz eingebüßt haben, bedarf es natürlich zeitgemäßer Editionen. Die ambitionierte Klassikervermittlung bei Manesse beginnt literaturgeschichtlich mit Homer – 2007 haben wir die Odyssee herausgebracht, 2017 folgt die Ilias in neuer Übersetzung des fabelhaften Kurt Steinmann –, und reicht herauf bis in die literarische Moderne: Herman Bang, James Joyce, Sherwood Anderson, Thomas Wolfe, Zelda Fitzgerald, Jack London, um nur einige zu nennen, haben wir durch hoch gelobte Erst- und Neuübersetzungen in den Fokus einer breiten Leserschaft gerückt.

Also ist tot zu sein ein Vorteil, wenn man ein Manesse-Klassikerautor sein möchte?

Es ist nicht unbedingt Voraussetzung, aber es erleichtert die Sache ungemein. Wir kümmern uns um Autorinnen und Autoren, die bereits zum weltliterarischen Kanon gehören oder aus guten Gründen dazugehören sollten. Wir beschränken uns also nicht auf des Kanons Kern, sondern richten unser Augenmerk auch auf Randbereiche, wo wir fortwährend famose Entdeckungen machen: 101 Nacht, M. Agejews Roman mit Kokain, Sofja Tolstaja oder zuletzt Sei Shōnagon, deren wunderbares, vor 1.000 Jahren verfasstes Kopfkissenbuch zuvor noch nie vollständig ins Deutsche übertragen worden ist. Wir bilden den Kanon nicht nur ab, wir gestalten ihn mit, das ist seit jeher Ehrensache bei Manesse. Als frühes Beispiel sei der persische Dichter Nizami genannt, den man im deutschen Sprachraum erst mit Erscheinen in unserer Bibliothek der Weltliteratur ab Ende der Fünfzigerjahre so richtig zur Kenntnis nahm.

Wir befinden uns in einer Gesellschaft, die auf das Neue fixiert ist. Auf dem Buchmarkt scheint es quasi nur um Debütanten zu gehen. Was bedeutet diese gesellschaftliche Tendenz für Sie als Klassiker-Verleger?

Der Neuigkeitsfaktor ist im letzten Jahrzehnt immer bestimmender im Literaturbetrieb geworden. Ich bemerke im Gespräch mit Lesern und Buchhändlern aber, dass da Ermüdungseffekte eintreten, wenn ihnen wieder und wieder neue Sensationen angepriesen werden. Ständige Erregung läuft sich irgendwann tot. Viele kehren dann zu dem zurück, was sich schon ein paar Generationen lang bewährt hat, und sagen mir: „Ich erhole mich bei Henry James von dem überzogenen Trubel, der rundherum herrscht.“ Hinsichtlich der Event-Kultur haben Gegenwartsverleger die Nase vorn, weil sie ihre Autoren auf Lesereise schicken und live vermarkten können. Glücklicherweise finden sich aber auch für unsere Klassiker exzellente Vermittler wie Hanns Zischler (Henry James), Axel Milberg (Herman Bang) oder Bibiana Beglau (Zelda Fitzgerald).

Neben der Klassikervermittlung spielt auch die attraktive Ausstattung der Bücher eine große Rolle im Manesse Verlag. Welche Herausforderungen bringt das Vertreiben von solchen bibliophilen Ereignissen mit sich?

Unsere Arbeit beginnt bei der editorischen Sorgfalt und findet ihr Äquivalent in der ästhetischen Akribie, bei der Auswahl der Materialien und in der gesamten Produktion. Dutzendware haben wir im Buchhandel zur Genüge. Ein Verleger, der seine Bücher liebt, zieht ihnen was Ordentliches an. Folglich kultivieren wir den Sinn für Nachhaltigkeit und zeitlose Eleganz. Erlesene Haptik und Wohlgeruch der Materialien, augenfreundliche Papiertö- nung, harmonischer Satz, adäquate Typografie und vieles andere müssen zusammenkommen, um einen stimmigen Gesamteindruck zu erzeugen. Weil sich das längst nicht mehr von selbst versteht, sind wir auf kundige, engagierte Buchhändlerinnen und Buchhändler angewiesen, auf aktive Förderer stilvoller Lektüren. Es gibt nach wie vor Leserinnen und Leser, die bibliophile Liebhaberwerte zu schätzen wissen.

In Ihren bis jetzt 16 Jahren bei Manesse ist das E-Book aufgekommen. Haben Sie als ein Verlag, der auf schöne Printausgaben spezialisiert ist, dieses Aufkommen wirtschaftlich gemerkt?

Das hat die gesamte Verlagswelt gemerkt, natürlich. Wir auch, aber nicht so drastisch wie viele andere. In gewisser Weise torpedieren wir unser E-Book-Geschäft selbst, indem wir so feine Bücher machen. Der Kunde, vor die Wahl gestellt, entscheidet sich dann oft zugunsten des gedruckten Werks. Die Entscheidungsfreiheit hat er auch bei uns, aber ich gebe gerne zu: Mit unseren Handschmeichlern verführen wir Leserinnen und Leser zum sinnlichen Bucherlebnis, und zwar durch Kultivieren der oben genannten Vorzüge, die in letzter Zeit wieder verstärkt Beachtung und Wertschätzung erfahren. Nennen wir es doch den Manufactum-Effekt. „Es gibt sie noch, die guten Dinge“, das ist ein Motto, das nur leicht modifiziert auch für den Manesse Verlag gilt: „Es gibt sie noch, die schönen Bücher.“


Anna Basener
Berliner Autorin und Journalistin. Sie schreibt für Audible, die Business Punk und publiziert unter anderem im Eichborn Verlag. www.annabasener.de

  

© Martin Mascheski
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