BÜCHERGILDE INTERVIEW

 

Chic und charmant –

Arsène Lupin, Der Gentleman-Gauner

der Kultkrimi von Maurice Leblanc,

für die Büchergilde exklusiv illustriert von Annika Siems

"Niemand weiß genau, wie der Gentleman-Gauner tatsächlich aussieht..."

© Miatakahara

 

Illustratorin Annika Siems im Gespräch mit der Büchergilde – über den Charme Pariser Stadthäuser, das Einfangen von Stimmung und Atmosphäre und warum Aquarell nur wenige Korrekturen verzeiht.

 

 

Annika Siems - Aquararell

Die Fragen stellten Sophia Naas und Marie-Theres Stickel.

 

Liebe Annika Siems, Sie haben einen Teil Ihres Studiums an der École Nationale Supérieure des Arts décoratifs in Paris absolviert. Wie war es für Sie, mit Arsène Lupin, Ermittler Ganimard und all den anderen literarischen Figuren von Maurice Leblanc ins Frankreich des Fin de Siècle einzutauchen? 

 

Die Zeit in Paris war einfach toll. Es ist eine Stadt voller Geschichte. Wenn man nicht gerade an modernen Schaufenstern vorbeigeht, kann man sich wunderbar in eine längst vergangene Zeit versetzt fühlen. Der Charme der alten Häuser – nicht zuletzt jenes, in dem ich zu der Zeit gewohnt habe – nimmt einen mit auf eine kleine Zeitreise. Zugegeben: im Winter bei maximal 16 Grad Raumtemperatur nicht ausschließlich romantisch, aber authentisch.

 

Arsène Lupin zu lesen hat natürlich viele Bilder wachgerufen und schöne Erinnerungen geweckt. Bei vielen Beschreibungen kamen mir Bilder aus meiner Studienzeit in den Kopf und mit ihnen auch ganz persönliche Assoziationen. Das hat dieses Projekt für mich persönlich noch einmal sehr bereichert.

 

 

Arsène Lupin, Der  Gentleman-Gauner ist Ihr zweites Buch bei der Büchergilde in monochromer Aquarelltechnik. Inwieweit unterscheidet sich für Sie dieses neue Projekt von Graham Greenes Der Dritte Mann

 

Die Herangehensweise bei den beiden Büchern ist ein wenig anders. Die größte Herausforderung bei Graham Greenes Der Dritte Mann war der wesentlich bekanntere Film – denn die LeserInnen würden bereits Bilder im Kopf haben, die ich nicht komplett kopieren wollte. Gleichzeitig sollte die Erwartungshaltung nicht zu sehr enttäuscht werden. Wir kennen das sicher alle: Wenn wir ein Buch lesen, dann sind wir häufig enttäuscht, wenn dieses verfilmt wird und nicht mit unseren Vorstellungen übereinstimmt.

Zwar gibt es zu Arsène Lupin auch die aktuelle Netflixserie ‚Lupin‘, allerdings spielt diese in einer völlig anderen Zeit und erzählt die Geschichten von Maurice Leblanc nicht genau nach. Den Charakteren der Serie dient das Buch als literarische Vorlage für ihr eigenes Handeln. Auch ist bei Arsène Lupin die Beschreibung des Protagonisten sehr vage. Seine ständig wechselnden Verkleidungen geben kein klares Bild vor. Niemand weiß genau, wie der Gentleman-Gauner tatsächlich aussieht – eine konkrete Darstellung fand ich daher unpassend.

 

Bei beiden Büchern bin ich also bei einer Darstellungsform gelandet, die eher die Stimmung und Atmosphäre einfängt als das konkrete Geschehen. Aquarell bietet sich daher für beide Bücher an: Diese Technik lebt von Licht und Schatten, es gibt keine Kontur – dafür viel Raum für Offengehaltenes. Ein technischer Unterschied zwischen den beiden Titeln ist die Farbe. Der Dritte Mann ist in Sepia entstanden, Arsène Lupin in schwarzem Aquarell.  Die Formate von Arsène Lupin sind zudem etwas kleiner, dadurch ist der Abstraktionsgrad höher als in Der dritte Mann.

Wie schaffen Sie es eigentlich mit Ihren Aquarellfarben die sehr feinen, ganz exakten geometrischen Formen der Gebäude und Gegenstände zu zeichnen? Braucht es dafür mehr als eine ruhige Hand?

 

Zwar sind die Originale der Aquarelle für Arsène Lupin vom Format her etwas kleiner, aber immer noch größer als im abgedruckten Format. Dadurch ist ein wenig Freiraum möglich. Ich würde sagen, eine sehr exakte Darstellung ist gar nicht unbedingt charakteristisch für meine Arbeiten. Das Wichtigste bei Aquarellen ist die vorangehende Planung und die Lockerheit bei der Umsetzung. Aquarell verzeiht nur wenige Korrekturen. Die Vorzeichnungen sind in Bleistift, sodass ich bei der Umsetzung mit dem Pinsel zwar exakten Linien folgen kann, aber diese auch immer wieder breche. Gerade das macht für mich den wesentlichen Reiz von Aquarellen aus.

 

 

Ein kurzer Einblick in den Entstehungsprozess der Lupin-Illustrationen zeigte uns, dass Sie ganz analog, mit Pinseln und Farben auf Papier malen. Woher kommt Ihre Liebe zum analogen Handwerk?

 

Das ist eine gute Frage. Auch wenn die digitalen Medien das Arbeiten heute wirklich sehr erleichtern und es sicher zeitsparendere Techniken gibt als meine, komme ich nicht ganz weg von den Pinseln, dem Aquarell oder der Ölfarbe. Diese Vorliebe war schon immer da, obwohl digitales Arbeiten bereits ein wesentlicher Bestandteil des Studiums war.

 

Wahrscheinlich ist es einerseits die Haptik des Materials, der Charme des Zufalls, und auch das schöne Gefühl, am Ende ein Original in den Händen zu halten. Im Joballtag komme ich natürlich nicht ganz darum herum auch digitale Medien zu nutzen und weiß die Zeitersparnis und die vielen Möglichkeiten durchaus zu schätzen. Aber wo es möglich ist freue ich mich sehr, tatsächlich den Pinsel und das Papier zu nutzen. Arsène Lupin entstand mit Aquarellfarbe auf Aquarellpapier.

 

 

Haben Sie künstlerische Vorbilder, bzw. gibt es Künstler:innen, die Ihren Illustrationsstil inspiriert haben? 

 

Sehr viele, und immer wieder neue, oder neu entdeckte alte. Für Arsène Lupin und Der Dritte Mann würde ich sagen – ganz klar Hans Hillmanns Fliegenpapier.

In Arsène Lupin, Der Gentleman-Gauner schildert Maurice Leblanc neun höchst unterhaltsame Coups von Arsène Lupin – Sie haben für jeden eine Illustration angefertigt, die dem Kapitel vorangestellt ist. Können Sie uns erzählen, wie Sie das jeweilig passende Motiv gefunden haben? Welche Überlegungen haben Sie bei der Lektüre von Lupin angestellt?

  

Meistens kommen mir bereits beim Lesen Bilder in den Kopf. Ich frage mich nach der Lektüre der Geschichte, was für mich eigentlich den Kern der Geschichte ausmacht. Entweder ein Detail, das nicht explizit beschrieben ist, oder eine Stimmung. Dann fange ich an zu zeichnen und entscheide dabei, ob es bei diesem Motiv bleibt.

  

 

Und haben Sie vor dem Zeichnen auch einen Blick in die Netflix-Serie ‚Lupin‘ geworfen, für die dieser Titel ja die literarische Vorlage lieferte?  

  

Tatsächlich hatte ich die Serie gerade zufällig gesehen, als die Anfrage der Büchergilde kam. Umso mehr habe ich mich über dieses Projekt gefreut. Die Serie hat doch noch einmal einen zusätzlichen Reiz, wenn man dann weiß, welches Buch die Protagonisten die ganze Zeit lesen und aus welchem Werk zitiert wird.

Fertigen Sie bei solch einem Buch-Illustrationsprojekt Ihre Zeichnungen in chronologischer Reihenfolge an? Oder haben Sie vielleicht einen Lieblings-Coup von Lupin aus dem Band, der Ihre Illustrationen und die Zeichen-Reihenfolge beeinflusst hat?   

 

Grundsätzlich versuche ich, nicht chronologisch zu arbeiten, insbesondere bei Projekten, die über lange Zeiträume laufen. Ansonsten entsteht das Risiko, dass man entweder eine stilistische Veränderung oder manchmal aus Zeitgründen sogar einen qualitativen Abfall zum Ende eines Buches hin bemerkt.

 

Ich arbeite meistens nach dem Lustprinzip oder gemäß der Tagesform: Komplizierte Bilder nur mit voller Konzentration und gerne auch mehrere parallel. Es kann einem Bild guttun, es unfertig zur Seite zu legen und später noch einmal darauf zu schauen, wenn man schließlich Entscheidungen treffen muss.

 

 

Liebe Annika Siems, vielen Dank für das nette Gespräch!  

Vielen Dank für die tolle Zusammenarbeit. Ich hatte wirklich viel Freude an dem Projekt.