„Man mecht’s nich gloubn” – Literarische Erkundungen in Masuren

Arthur Schnabl führt seit Jahren auf literarischen Wanderungen durch die östlichen und südlichen Nachbarländer Deutschlands. Hier erzählt er von der Gegend, in der Arno Holz, Ernst Wiechert, Siegfried Lenz und Wolfgang Koeppen geboren wurden.

 

© Arthur Schnabl

„Wo sich endet das Kultur, da beginnt sich der Masur“ heißt es oft in alten Beschreibungen zu Masuren. Aber was früher ein schimpflicher Reim war, erfüllt den Reisenden heute mit romantischen Erwartungen. Die aber sofort enttäuscht werden: die Pension „Habenda“, die unser polnischer Freund empfohlen hat, ist so gar nicht masurisch. Sie könnte genauso in Böblingen oder im Münsterland stehen. Gediegen, gepflegt und angenehm. Stände da nicht Andrejzs Klapperbus auf dem blitzblank gekehrten Hof herum, man wähnte sich in Schwaben. Wo ist das locker-verlotterte Leben, das wir Deutsche in Polen erhoffen oder befürchten?

 

„Nu, wie mechst denn?“ fragt Brigitta Nosek, die Gründerin der Pension, und ihre heimliche Hauptattraktion. „Mit’m Plumpsklo und’s Wasser holst dir von Fluß? Wenn willst, kannst’n Eijmer zum Waschn habn.“ Ach, diese Sprache! Dieser Singsang mit seinen breiten Vokalen, die sich immer nach oben schwingen. Und das „rrr“ wird so weijch jerollt, als wolle man es zu Striezeln backen. Wie anders klingen die Suleyker Geschichten von Siegfried Lenz, wenn sie in diesem Tonfall gelesen werden. „Große Literatur braucht und verträgt keine regionale Zubereitung“, sprach ein deutscher Literaturpapst. Der Mann weiß nicht, was Hörgenuss ist. Brigitta Nosek spricht die Sprache ihrer ostpreußischen Vorfahren, in der man so zärtlich schimpfen kann. „Bist’ noch zu rätten? Hast wohl zuviel Wiechert jelesen: ‚Eijnfaches Leben‘. Das hammer lang jenuch gehabt, kannst mer glouben.“

 

Das „rrr“ wird hier so weijch jerollt, als wolle man es zu Striezeln backen

 

Ja, wie stellt man sich Masuren vor? Arno Surminski, hauptamtlicher Ostpreußen-Autor sagt es so: „Masuren ist ein Land ohne Eile, das gern die Zeit verschläft und seine Menschen die Langeweile lehrt.“ Entschleunigung und Gemächlichkeit erwartet man also. Und alle Freunde nicken, wenn man ihnen verkündet, man fahre nach Masuren. Während sie dagegen den Kopf schütteln, wenn man sagt, man reise nach Polen. „Kann man da überhaupt Urlaub machen?“ Masuren liegt anscheinend nicht in Polen, sondern in einem imaginären Erinnerungsland, selbst bei Menschen, die gar nichts mit Ostpreußen verbindet. Also gut, hier ist meine Erwartungsliste: Pferdewägelchen, kleine Bauernhäuschen, Störche und Stechmücken. Die Wägelchen sind längst verschwunden, die Häuschen folgen gerade, die Störche sind noch da und die Mücken werden ewig sein.

 

Nein, Herr Surminski, Masuren liegt jetzt in Europa und verschläft die Entwicklungen keineswegs, wie die zahlreichen Mobilfunkmasten und die kilometerlangen Straßenbaustellen zeigen. Und statt einer „Kleinbahn namens Popp“ bringt uns eine vollklimatisierte Bahn von Olsztyn, dem ehemaligen Allenstein, nach Krutiny. Wenigstens sehen die Bahnhöfe noch aus, als würde Arno Surminski sie betreiben. Und kleine Kinder winken dem Zug begeistert zu, was ja immer ein Zeichen mangelnder Zivilisation ist.

© Arthur Schnabl

Das Dörfchen Krutiny ist das Zentrum des masurischen Landschaftsparks. Alte Holzhäuser, und gediegene Pensionen, Paddelboote und Großraumbusse bilden einen seltsamen Kontrast. Das wichtigste ist die Krutinna, der schönste Fluß Masurens. Ihrem stillen Zauber in Goldgrün kann man nicht wiederstehen. Kein Wunder, dass im Sommer Paddlermassen den Fluss bevölkern und ganze Busladungen sich auf breiten Holzkähnen von geschickten Männern staken lassen: diese polnischen Gondoliere sind das Markenzeichen Krutinys. Wer Ruhe schätzt, sollte nicht im Sommer nach Krutiny kommen, wenn ganze Flotten mit Akkordeon-Begleitung die Stille in tausend Scherben gröhlen. Aber dafür im Frühjahr und im Herbst. Und er sollte zu Fuß gehen und wandern. Vorbei am Mokrsee mit seinen sumpfigen Ufern, durch die sandigen Kiefern- und Buchenwälder, über die alten Weiden und Hutungen. Unser Ziel ist das einsame Forsthaus Piersławek, wo der berühmteste Autor Masurens, Ernst Wiechert, als Sohn eines Försters, geboren wurde. Immer noch ist das kleine Backsteinhaus der Wohn- und Amtssitz eines Försters, wie die aufgereihten Feuerspaten beweisen. Kiefernwälder können lichterloh brennen. Ein Gedenkraum erinnert an den Schriftsteller und den „guten Menschen“, den seine Kritik am Nationalsozialismus ins KZ Buchenwald brachte, zwar nur drei Monate, aber immerhin.

 

Heute ist der einstige Erfolgsautor vergessen. Sein schwerer Stil und seine protestantische Strenge sind aus der Mode gekommen. Hier aber, in dieser Einsamkeit, wo der Mensch nur kleine Inseln in die Wildnis gebrochen hat, versteht man Wiecherts dunkle, schwerblütige Sprache. Und man genießt sie sogar. „Die Chronik erzählt nicht von verlorenen Dörfern. Sie liegen an den Seen und Mooren jenes östlichen Landes, mit grauen Dächern und blinden Fenstern und ein paar wilden Birnbäumen auf den steinigen Ackerrainen.“ heißt es in der großen Familiensaga Die Jerominkinder; Wiecherts letztem Werk. Keiner hat der melancholischen Landschaft, ihrer Schönheit und ihrer Traurigkeit, soviel Klang verliehen. Ein wundertrauriger Ort ist auch jene kleine Bucht am Großen Majzsee, wo das einsame Grab von Wiecherts erster Frau Meta liegt, die an der gescheiterten Ehe mit dem Schriftsteller zerbrach. Über Liebe, Schuld und Verrat legt die warme Abendsonne einen geradezu unwirklichen Lichtschleier.

 

Dem stillen, goldgrünen Zauber der Krutinna kann man nicht wiederstehen

 

Die Schönheit der masurischen Natur muss über vieles hinweg trösten. Auch über die kleinen Städtchen, die für ihr Aussehen nichts können. In zwei Weltkriegen wurden sie zerstört und danach schnell und lieblos wieder aufgebaut. Paweł Hauser, der junge evangelische Pfarrer in Kętrzyn, dem einstigen Rastenburg, ist sich dessen bewusst. Nachdenklich erzählt er von der schrecklichen Tagen Anfang 1945, als die russische Rache über Ostpreußen kam. Dann zeigt er uns die wenigen erhaltenen Schätze: den Backstein-Dom St. Georg etwa, „den Berg aus roten Dächern, ... von Wolkenfahrten überstürmt“, wie der Lyriker Johannes Bobrowski schrieb, der in Rastenburg aufs Gymnasium ging.

© Arthur Schnabl

Jetzt ist diese Gottesburg katholisch und die wenigen Protestanten drängen sich in der ehemaligen Lateinschule, in der früher die polnischen Masuren ihren Gottesdienst hatten. So ändern sich die Zeiten. Mit dem Exodus der protestantischen Masuren wurde das Land katholisch. Pfarrer Hauser ist ein witziger Kopf, der die Diaspora-Situation seiner wenigen Schäfchen im 99% katholischen Polen mit bissigem Humor zu charakterisieren weiß. „Wir existieren praktisch nicht im Bewusstsein unserer polnischen Landsleute. Man nennt mich hier auch den „deutschen“ Pfarrer, weil ein evangelischer Christ nach hiesigem Verständnis nur ein Deutscher sein kann.“ Hauser lächelt: „Der deutsche Papst hat meine Landsleute verwirrt. Viele fragten mich: Wie kann ein Deutscher Papst werden? Die Deutschen sind doch lutherisch?“

 

Gern zeigt uns Hauser dann sein Lieblingsprojekt: die ehemalige Freimaurerloge, von Schinkel erbaut. Heute birgt sie ein deutsch-polnisches Begegnungszentrum, benannt nach dem berühmtesten Rastenburger, dem Naturalisten Arno Holz. Der radikale Theatererneuerer und Asphalt-Literat hatte auch eine idyllische Ader. In seinem Vers-Epos Phantasus verklärt er seine Kindheit in Masuren liebevoll-ironisch zur behaglichen Zipfelmützelei. „das alte Nest, die alten Dächer / drei kleine Straßen / mit Häuserchen wie aus einer Spielzeugschachtel / münden auf den stillen Marktplatz“.

 

Das Licht, dieses andere Licht, das durch die ewig ziehenden Wolken gebrochen und gespiegelt wird, macht den nachhaltigen Zauber dieser Landschaft aus

 

Vorbei, vorüber: ob Mrągowo (Sensburg), Orzysz (Arys) oder Sczytno (Ortelsburg), es gibt weder Häuserchen noch stille Marktplätze, nur der See, der zu jeder masurischen Stadt gehört, macht sie reizvoll. Die Seen, die Wolken, die kleinen Dörfer mit ihrer lässigen Herumwirtschafterei, und das Licht, ja vor allem dieses andere Licht, das durch die ewig ziehenden Wolken gebrochen und gespiegelt wird, das macht den nachhaltigen Zauber dieser Landschaft aus.

 

Auch in Ełk, dem einstige Lyck, hat sich nur der Wasserturm als Wahrzeichen erhalten. Heute sitzt darin die deutsche Minderheit, die aus einigen strickenden alten Frauen zu bestehen scheint. Vergeblichkeit lastet auf ihnen: Man stirbt aus. Die Kinder fühlen polnisch. Siegfried Lenz hat seinem Geburtsort mit dem Roman Heimatmuseum ein Denkmal gesetzt. Ein durchaus zwiespältiges, das von falschem und richtigem Erinnern handelt, und vom Bedürfnis, sich die Geschichte zurechtzubiegen. Vielleicht ist Lenz deshalb nicht recht beliebt bei den musealen Alten. „Dej rote Siechfried? Nich eijnmal hatter vorbeijeschaut beij uns. Hat er aber versprrrochen.“, meint eine resolute Alte und handhabt ihre Stricknadeln kräftiger.

© Arthur Schnabl

Was der Roman Heimatmuseum ernsthaft behandelt, tun die 1955 erschienenen Suleyker Geschichten mit einem Augenzwinkern. Zum ersten Mal nach dem Krieg erzählte da jemand vom verlorenen deutschen Osten mit Humor und eigenwilliger Grammatik: die Welt der versponnenen Suleyker, von Hamilkar Schas, Adolf Abromeit und Schneider Edmund Vorz lag jenseits der deutsch-polnischen Konfliktgeschichte im Land der Phantasie. „Ist es von Erheblichkeit, ob dieses Dörfchen wirklich existiert?“ fragt Lenz seine Leser hintergründig.

 

Sucht man nur lange genug, findet man es aber tatsächlich auf der Landkarte – etwa 25 Kilometer von Ełk entfernt. Genug für uns Fanatiker, um eine Expedition zu starten. Und es lohnt sich: Wir finden eine masurische Bilderbuchlandschaft aus Hügeln, Häuschen und Seen und ganz ohne Touristen. Das Dörfchen selbst ist so unerheblich wie es sein Autor möchte und weiß nichts von seinem Ruhm in Deutschland. Es gibt auch keine Ortschronik, in die sich etwaige Suleyken-Fans eintragen könnten. So bleibt einem das erhebende Gefühl, der Erst-Entdecker zu sein. Das alte Bauern-Ehepaar, das uns in seinem ärmlichen Häuschen Schutz vor Regen gewährt, wundert sich jedenfalls sehr. Wir bekommen Speck und Gurken serviert und die Bitte, Frau Kanzlerin Merkel zu sagen, dass keine bösen Leute in Sulejki wohnen.

 

„Bitte sagen Sie Frau Kanzlerin Merkel, dass hier keine bösen Leute wohnen“ 

 

„Man mecht’s nicht glouben“, kommentiert Brigitta Nosek unsere bizarren literarischen Ausflüge ins Niemandsland, und fährt eine Runde Bärenfang auf, dieses Teufelszeug, das sich „vorzüglich durch Betäubung der im allgemeinen schädlichen Denkorgane äußert“, wie der Königsberger Grafiker Robert Budzinski meinte. Sein heiteres Buch Entdeckung Ostpreußens, das die um 1900 beliebten Entdeckerberichte aus dunklen Erdteilen parodiert, haben wir von Brigitta. Sie liest selber alles über Ostpreußen und ist eine wandelnde Leihbibliothek. Dass Arno Surminski schon bei ihr wohnte, erfüllt sie mit Stolz. „Weijßt, dem seijne Geschichten versteh ich. Där Lenz is manchmal so wirrbelich.“ Und dann erzählt und liest sie selbst ostpreußische Anekdoten und Geschichten, dass die ganze Runde am Boden liegt vor Lachen. Bärenfang und Lachen sind Brigittas Rezepte fürs Leben und gegen den Schrecken. Auch ihre Familie ist nach dem Krieg in alle Winde zerstreut worden. Sie selbst heiratete den polnischen Herrn Nosek und blieb. Pragmatisch packte sie das neue Leben an und ist heute die allseits beliebte Gastgeberin. „Ich bin man blouß de Oma.“, sagt sie und keiner glaubt es.

 

Trotzdem steht nun Abschied und Quartierwechsel an. Nach Nordosten soll’s gehen, Richtung Mauersee. Dort, fast an der russischen Grenze, liegt eine kleine einfache Segler-Marina, die Zimmer überm Kuhstall anbietet. „Nu, da wirst deijn eijnfaches Leben findn,“ meint Brigitta und lächelt zuckersüß. „Und grijß mir meijn Taufengel unterwechs.“ Wir wollen nämlich noch einen Abstecher nach Sorquitten, in den Geburtsort Brigittas, machen. In der dortigen Dorfkirche ist, o Wunder, der alte Barockaltar erhalten geblieben. Bauernbarock, so bunt, und fröhlich unbeholfen, dass man selbst ganz froh wird. Sein Thema ist die Himmelfahrt. Dicke Putten und schwerfällige Jünger sehen staunend dem entschwindenden Herrn Jesus nach, der – „man mecht’s nich glouben“ – in der wolkengekrönten Kirchendecke feststeckt. Man sieht noch den Mantelsaum und die Füße, der Rest ist schon im Himmel. Masurische Wolken sind eben von besonderer Dichte, das haben wir auch schon feststellen müssen. Ach ja, noch schnell den Taufengel grüßen, der da mit mächtigen vergoldeten Schwingen von der Decke hängt. Mit Hundert Sachen scheint er heranzubrausen, in den Händen die silberne Schale, in der Klein-Brigitta vor 80 Jahren zappelte.

© Arthur Schnabl

Dann also Kietlice. Der Hof liegt so einsam am Mauersee, wie es sich ein Masuren-Mythomane nur wünschen kann. Lediglich einige polnische Segler verbringen hier ihre freien Tage. Störche brüten im Hof und Hunderte von Schwalben geben sich erfreulich eifrig der Jagd auf Mücken hin. Die Zimmer sind einfach und sauber, das Essen in der rustikalen Kneipe himmlisch polnisch und mit Wodka auch gut verträglich. Wiesen und Wälder laden zu stundenlangen Wanderungen ein. Ein sumpfiger Weg geht ins fünf km entfernt Steinort. Schon wieder ein Mythos: am Ende geht man durch die berühmte 300 Jahre alte Eichenallee der Lehndorffs. Die riesigen knorrigen Bäume formen einen Tunnel aus Grün. Nein, eine Kathedrale mit grüngoldenen Fenstern. Für jedes neue Familien-Mitglied wurde ein Baum gepflanzt, besagt die Legende. Geschlechterfolge als Naturgeschichte. Diese Allee wird bleiben, wenn das Schloss dazu längst verschwunden ist. Auf einer Anhöhe thront es, verkommen und verfallen, wie der wahnsinnig gewordene König Lear. Zu seinen Füßen das wirkliche Leben des fröhlichen Segelhafens mit Edel-Restaurant und Hotel. Sic transit gloria mundi. Pläne zum Wiederaufbau scheint es zu geben, jedenfalls bittet die Tafel eines Unterstützungsvereins um Spenden. Marion Gräfin Dönhoff hat dieser Familie in ihren Büchern ein Denkmal gesetzt. Vor allem dem letzten Erben, Heinrich von Lehndorff, 1944 hingerichtet wegen seiner Teilnahme an der Stauffenberg-Verschwörung.

 

Vor dem „Führerhauptquartier Wolfschanze“ steht eine Armada gewaltiger Reisebusse

 

Nur wenige Kilometer entfernt, beim Städtchen Rastenburg, liegt der einstige Tatort, die Wolfschanze. Augenfällig wird so der Zusammenhang zwischen der Zerstörung Ostpreußens und ihrem eigentlichen Grund. Die russischen Soldaten waren die Täter, die Verursacher aber saßen hier in Beton-Grüften eingemauert und betrieben den totalen Untergang jeglicher Menschheit. Heute ist das „Führerhauptquartier Wolfschanze“ ein wichtiger Tourismus-Faktor für Masuren, wie die Armada gewaltiger Reisebusse auf dem Parkplatz zeigt. Mit der Faszination des Entsetzens ist ein gutes Geschäft zu machen. Das gern besuchte Restaurant ist in der ehemaligen SS-Baracke untergebracht und in den Verkaufsbuden bieten sie Handgranaten an, hoffentlich nur Imitate. Muss man das gesehen haben? Vielleicht den zerborstenen Bunker Adolf Hitlers mit seinen sieben Meter dicken Mauern, der sich unter der geduldigen Arbeit der Natur in ein beeindruckendes Felsentheater verwandelt hat. Man könnte hier gut den Freischütz aufführen. Gras wächst über die Sache. Wie schreibt Wisława Szymborska, die polnische Literaturnobelpreisträgerin: „Im Gras, das über Ursachen und Folgen wächst, / muß jemand liegen / einen Halm zwischen den Zähnen / und in die Wolken starren.“

© Arthur Schnabl

Später, als wir mit der „Poseidon“, dem Schiff von Piotr Konstantynowicz über den Mauersee tuckern, lösen sich die Schrecken der Wolfschanze im mal silberhellen mal tiefdunklen Wasser auf. Piotr ist Kapitän mit Leib und Seele. Vorsichtig steuert er die Poseidon auch durch die flachsten Schilfmeere. Er will zu einer besondern Bucht, die er „Bucht des himmlischen Friedens“ nennt. Zwischendurch stäubt einer jener feinen masurischen Regenschauer übers Deck, die das Licht hinterher umso leuchtender machen. Da Piotrek Jazz liebt, ist die Poseidon so etwas wie ein schwimmender Konzertsaal. Wer vom Wasser- und Wolkenspiel genug hat, kann unter Deck einen kleinen Musik-Kurs machen: da spielen dann Tomasz Stanko, Leżek Możdżer oder Marcin Wasilewski feinsten polnischen Jazz, flüchtig und zart, kräftig und dunkel, wie die Wolkenmeere, die über dem Schiff schwimmen. Dann aber schaltet Piotrek den Motor ab, und auch den CD-Player. Wir sind in einer kleinen, fast kreisrunden Bucht. Und aus der plötzlich einsetzenden Stille erhebt sich ein anderes Konzert: zögernd zuerst, dann immer lauter, ertönen schließlich Hunderte von Vogelstimmen.  Wir sind angekommen in der Bucht „des himmlischen Friedens“. Von hier führen keine Worte mehr weiter.

 

Arthur Schnabl ist Journalist, Lyriker und passionierter Reiseleiter. Es macht ihm Freude, Literatur an ungewöhnlichen Orten zu inszenieren und ungewöhnliche Orte durch Literatur zu entdecken.

 

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