„Museumsarbeit muss am Hier und Heute andocken“

 

Das Museum für Druckkunst in Leipzig hält die „Schwarze Kunst“ lebendig. Es ist weit davon entfernt, nur zu konservieren, was früher einmal gängiges Handwerk war. In der Nonnenstraße 38 kann man die alten Techniken neu erleben, ihrem Wert nachspüren und bekommt ein Gefühl dafür, wie eng die Druckgeschichte mit unserem heutigen Leben verbunden ist.


Ein Interview mit der Direktorin Susanne Richter, die Fragen stellte Lisa-Marie Schöttler

Museumsdirektorin Susanne Richter (c) Martin Mascheski

Frau Dr. Richter, das Museum für Druckkunst ist in seiner Verbindung von Historie und Gegenwart einzigartig. Die meisten Druckmaschinen sind nicht nur Ausstellungsgegenstände, sondern auch in Benutzung. Wie können wir uns das vorstellen?

Zum einen führen wir die Druckmaschinen vor, lassen sie also laufen und können dabei genau beobachten, welche Rädchen ineinandergreifen und wie der Prozess des Druckens vonstattengeht – von der Handpresse bis zur Druckmaschine. Das ist für die Besucher ein ganz unmittelbares Erleben. Bei uns arbeiten Mitarbeiter, die diese Tätigkeiten gelernt haben, die vorführen und erklären können. Und dann gibt es natürlich die Momente, in denen wir Plakate für den Museumsshop produzieren oder Künstler zu uns kommen und wir mit ihnen gemeinsam kleine Auflagen von Druckgrafiken anfertigen. Das ist besonders interessant für uns, weil dadurch mit den historischen Maschinen immer wieder aktuelle, coole und spannende Dinge entstehen.

 

Können Sie uns etwas über sich erzählen und darüber, wie Sie selbst zum Museum gekommen sind?

Ich habe in Berlin Kunstgeschichte studiert und war im Anschluss in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe beschäftigt. Danach habe ich sieben Jahre lang in der Druckindustrie gearbeitet. Ich wollte immer sehr gerne zurück ins Museum, und irgendwann war diese Stelle ausgeschrieben. Ich dachte, ich versuche es einfach mal, und nun bin ich Museumsdirektorin und habe die Kunstgeschichte und die Druckgeschichte für mich beruflich zusammengebracht.

Auch früher habe ich mich schon sehr intensiv mit Druckgrafik beschäftigt. Das Arbeiten auf und mit Papier ist etwas, das mich immer begleitet. Mir ist die Brücke zur Gegenwart dabei besonders wichtig. Museumsarbeit muss am Hier und Heute andocken und gleichzeitig immer einen Blick zurückwerfen. Allerdings nicht, um in der Vergangenheit zu schwelgen, sondern um die Gegenwart besser zu erklären. Drucken durchzieht bis heute unseren Alltag, denn Print ist permanent verfügbar, deshalb sind wir uns der Exklusivität gar nicht mehr so bewusst. Wenn man diese Räume betritt, stellt man fest, dass der Druck eine lange und außergewöhnliche Geschichte hat, 500 Jahre oder gar mehr, wenn wir bei Gutenberg ansetzen. Ich kann mir eine Welt ohne Druck nicht vorstellen.

(c) Martin Mascheski

 

 

Gibt es etwas in der Sammlung, das Sie besonders begeistert?

Im Grunde ist es weniger das Ausstellungsstück als vielmehr die Geschichte dazu, die ich besonders gerne mag. Es handelt sich dabei um eine Krause-Presse, und letztlich habe ich in diesem Fall Schrott eingekauft. Die Maschine kam aus Privathand aus Süddeutschland. Wir hatten zum Zeitpunkt des Angebots fast gar keine Tiefdruckpressen, das einzige Gerät im Besitz des Museums war nicht sehr ansehnlich, und als der Preis stimmte und ich Fördergelder einwerben konnte, habe ich mich selbstverständlich gefreut. 

Und dann kam das Gerät hier an, in Einzelteilen, und es war komplett verrostet. Ich war geschockt und dachte, dass es sich um einen völligen Fehlkauf handelte. Zunächst standen die Bauteile herum. Wir mussten Geld sammeln, um die Restaurierung zu bezahlen. Und es handelte sich nicht nur um eine, sondern gleich um fünf dieser Maschinen. Heute steht eine Presse in unserer Halle – sie ist ganz wunderbar und funktioniert einwandfrei. Wir haben zwei Exemplare leihweise an Leipziger Künstler in die Baumwollspinnerei gegeben. Die beiden arbeiten damit und sagen, dass diese Tiefdruckpressen sogar weit bessere Ergebnisse produzieren als moderne Maschinen. Denn sie fördern genau die Anmutung von Kunst zutage, die sie sich vorstellen. So ein Resultat ist natürlich ein Highlight.

 

Vor nicht allzu langer Zeit wurde das Museum um einen interessanten, weil vom Aussterben bedrohten Bestandteil erweitert: eine voll funktionsfähige Werkstatt für Xylografie. Rudolf Rieß aus Nürnberg ist einer der letzten Menschen in Deutschland, der das Handwerk des Holzstichs von der Pike auf gelernt hat. Aufgrund seines Detailreichtums war der Holzstich Basis für Illustrationen in Büchern, Zeitschriften und Zeitungen. Eine Vielzahl der verwendeten Werkzeuge ist mittlerweile nahezu unbekannt. Was verbirgt sich zum Beispiel hinter der sogenannten Schusterkugel, die hier zum Einsatz kommt?

Das Kabinett, in dem sich die Werkstatt befindet, ist nach Norden ausgerichtet. Das war für die Holzstecher besonders wichtig, denn der größte Feind für feinste Linienarbeit ist der Schatten. Früher war Licht natürlich kostbarer, und hier kam die Schusterkugel zum Einsatz. Man saß zumeist an runden Tischen mit der Kugel in der Mitte, sodass jederzeit gleichmäßiges Licht herrschte. 

Der Holzstich ist eine Hochdrucktechnik. Bildgebend sind die Partien des Holzes, die man stehen lässt. In der Feinheit orientierte man sich an den Kupferstechern. Um Abbildungen in Zeitungen und Bücher einzufügen, wurde eine Technik entwickelt, die man zusammen mit dem Text im Hochdruck einsetzen konnte. Funktionieren kann das Ganze nur mit sehr hartem Holz – Buchsbaumholz zum Beispiel. Man hat natürlich nicht nur aus der freien Hand geschnitten. Um Parallelschraffuren und Schwünge zu erzeugen, kam die sogenannte Tonschneidemaschine zum Einsatz. Dank ihr kommen ganz unterschiedliche Grautöne in den Druck. Herr Rieß, der mit über 80 Jahren immer noch in seiner Werkstatt in Nürnberg aktiv ist, arbeitet seit Jahren mit der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart zusammen und gibt dort diese Technik weiter. Die Idee des feinen Schneidens ist bei Weitem nicht ausgestorben, insbesondere im Linol- oder Acrylstich gibt es einige Künstler, die damit weiterhin arbeiten. Diese Technik wird allerdings fast ausschließlich in der Kunst und bereits seit 1960 nicht mehr zur Reproduktion eingesetzt. Ich könnte noch stundenlang in den Hallen umherwandern, aber wir sind bereits bei unserer letzten Station angelangt, die man als Besucher nicht ohne Weiteres betreten kann. Wir befinden uns im Archiv der Holzbuchstabensammlung, die sich vor allem im Plakatdruck großer Beliebtheit erfreuen …

(c) Martin Mascheski

 

 

Ich bin immer wieder fasziniert, wie viele unterschiedliche Schriften mit verschiedenster Ästhetik es gibt. Ich kann ein und dasselbe Wort in unterschiedlichen Schriften setzen und schaffe damit eine vollkommen andere Anmutung. Ich sehe das Wort plötzlich in einem anderen Kontext, habe andere Assoziationen. Deshalb ist die Wahl von Schriften auch für die Aussage ganz entscheidend. Diese Schriftsammlung geht vor allem auf den Gründer des Museums, Herrn Eckehart Schumacher-Gebler, zurück, der die Schriften bereits in den 60ern gesammelt hatte. Viele Bestandteile des Archivs sind Schenkungen aus Privatbesitz. Immer wieder kommt es vor, dass Künstler und Gestalter sich bei uns melden und vom Original arbeiten möchten. Das Handwerk gewinnt wieder an Bedeutung, und wir freuen uns sehr darüber, dass wir mit unserer Schriftsammlung dazu beitragen können. So gibt es einen regen Austausch zwischen den Kreativen der Stadt und unserem Museum. Der Wandel in diesem Viertel und die Veränderung Leipzigs im Allgemeinen haben uns in den letzten Jahren viele neue Kooperationen gebracht.

 

Auf dem Weg nach draußen tauscht sich Frau Dr. Richter noch rasch mit einem ihrer Mitarbeiter über die Planung der diesjährigen Weihnachtskarte des Museums aus. Das Handwerk spielt selbstverständlich auch hier eine gewichtige Rolle. Innerhalb von zehn Jahren hat das Museum für Druckkunst seine Besucherzahlen verdoppeln können – und auch der Weihnachtsgruß soll Eindruck machen. Vom Gelingen sind wir jedenfalls überzeugt. Wir bedanken uns sehr herzlich für das großartige Gespräch und werden wiederkommen, denn wir haben bei Weitem noch nicht alles gesehen.