Büchergilde Leseprobe

Imperium

Christian Kracht

Lesebändchen, Papierformat: 12,5 x 20,5 cm, Halbleinen, bedruckt, Klebebindung, 256 Seiten.
NR 165694

Er schlief schlecht in dieser Nacht. In weiter Ferne zog ein Gewitter an der Prinz Waldemar vorbei, und das erratisch zuckende, einem ungeordneten Rhythmus folgende Wetterleuchten tauchte den Dampfer immer wieder in ein gespenstisches, fahles Schneeweiß. Während er sich in den klammen Laken hin und her warf, in halbwachen Schrecksekunden über sich an der Decke von fernen Blitzen absonderlicherweise die Umrisse von England hingeworfen sah, träumte ihm, als er endlich — das Unwetter war nur noch als allerfernstes, dunkles Grollen zu vernehmen — tiefer einschlief, von einem kultischen Tempel, unter matt leuchtender Abendsonne am Strand einer windstillen Ostsee errichtet, durch im Sande steckende Wikingerfackeln beleuchtet. Eine Bestattung wurde dort begangen, eherne Nordmänner standen wachend am Tempel. Kinder, deren blonde Haare zu Kränzen auf ihren Häuptern verflochten waren, spielten leise zu ihren Füßen auf beinernen Flöten. Das Floß, auf dem der Tote aufgebahrt, ward im letzten Abendlicht ins Meer hinausgestoßen, ein Hüne entzündete noch, bis zur Hüfte im Wasser stehend, den Scheit, dann trieb es, allmählich Feuer fangend, langsam und schwermütig nordwärts, nach Hyperborea hin.

Früh am nächsten Morgen fuhr der Dampfer unter gleißendem Sonnenlicht, fröhlicher Kapellmusik und lautem Tuten der Sirene in die Blanchebucht ein, und Engelhardt stand leicht derangiert an der Reling, jenen wundersamen, unheimlichen Traum der letzten Nacht noch in seinen Knochen spürend, dessen Inhalt immer nebliger wurde, je näher er das Land kommen sah. Wohl ahnte er, daß beide Schiffe, der moderne Dampfer und das heidnische Begräbnisfloß, in Sinn und Bedeutung miteinander verwoben waren, doch sah er sich heute morgen partout nicht in der Laune, aus jenem Traum Rückschlüsse auf seine eigene Abfahrt aus der Heimat zu ziehen, die sich zwar nicht hastig, aber durchaus genant, unter dem vulgären Siegel der prügelnden preußischen Polizeigewalt vollzogen hatte. Nun, dachte er, sterben werde er hier schon nicht, an diesen grünen Gestaden.

In sich eine fast katzenhafte Sprungbereitschaft empfindend, betrachtete er erregt das sich nähernde Festland. Dies nun war es also, sein Zion. Hier in dieser terra incognita würde er siedeln, von diesem Fleck des Erdballs aus würde sich seine Gegenwart projizieren. Erregt lief er auf und ab, drehte, beim Achterdeck angekommen, schroff wieder um, dort hatten ihm einige Herren, die erneut zum Frühstück betrunken waren — der schreckliche Vogelhändler Otto war nicht unter ihnen —, zugeprostet und munter zugerufen, er möge es doch gut sein lassen, man wolle wieder Freund sein, schließlich müsse man unter Deutschen im Schutzgebiet zusammenhalten, etcetera. Die Flegel ignorierend, vermaß er die sich behäbig dahinstreckende Küste mit seinem Blick, Ausschau haltend nach Einbuchtungen, Unregelmäßigkeiten, Erhöhungen.

Haushohe Palmen staken aus dem dampfenden Busch Neupommerns. Blauer Rauch stieg von den bewaldeten Hängen auf, hier und da waren Lichtungen und in denselben einzelne Grashütten auszumachen. Ein Makake schrie elendig. Eine heraufziehende graue Wolkenfront bedeckte kurz die Sonne und gab sie dann wieder frei. Engelhardts Finger trommelten ein, zwei ungeduldige Märsche, wieder ertönte das Tuten der Schiffssirene. Der nur bis zur Hälfte bewaldete Kegel eines Vulkans schob sich in Sicht. Mit einem Mal platzten rote Tröpfchen auf der weißgestrichenen Reling, und er erschrak. Es troff Blut aus seiner Nase, und er mußte unter Deck eilen, sich vorsichtig die Treppe in das Dämmerlicht der stählernen Korridore hinabtastend, sich rücklings in die Koje seiner Kabine legen und mit geschlossenen, pochenden Augenlidern ein sich langsam rot färbendes Bettlaken vor das Gesicht pressen. Aus einem mit einem Tuch bedeckten Krug schenkte er sich etwas Fruchtsaft ins Glas und trank ihn in gierigen Schlucken.

Ganz Herbertshöhe hatte sich derweil eingefunden, es war die erste Septemberwoche. Man stand auf den hölzernen Stegen, frisch gestriegelt, rasiert und mit neuem Kragen versehen, in Erwartung der nicht mehr allerneuesten Zeitungen aus Berlin, des nur eine kurze Weile noch eisgekühlten Bieres, welches gleich, kaum waren die ersten Kisten ausgeladen, entkront und flaschenweise umhergereicht wurde, der Dutzenden von Briefen aus der Heimat und natürlich der Neuankömmlinge, der Glücksritter und Abenteurer, der heimkehrenden Pflanzer, der vereinzelten Forscher, der Ornithologen und Mineralogen, der bettelarmen, von ihren gepfändeten Ländereien verjagten Adligen, der Wirrköpfe, des Strand- und Treibgutes des Deutschen Kaiserreiches.

Engelhardt stand in seiner Kabine, genauer, am Bullauge des sich leerenden Dampfers, und sah durch das doppelte Glas hinaus auf Herbertshöhe. Das Nasenbluten hatte so plötzlich aufgehört, wie es begonnen hatte. Er stand nicht sicher, er lehnte etwas gebeugt an der Kabinenwand, seine Wange streifte sanft das Gazesuch der Gardine, in der Tasche seines Gewandes umschloß er mit den Fingern der rechten Hand seinen Bleistiftstummel, die Sonne schien mit fürchterlicher Kraft durchs Bullauge. Als das feine Tuch der Gardine ihn erneut berührte, begann er zu weinen, es durchzuckte ihn, seine Knie zitterten, ihm war, als habe man ihm mittels einer Apparatur sämtliche Courage aus seinen Knochen herausgesaugt, und nun bräche das Gerüst zusammen, welches vormals nur durch den Kitt des Mutes zusammengehalten war. (…)

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