Büchergilde Leseprobe

Homicide

David Simon

Schutzumschlag, Papierformat: 13,5 x 21 cm, fester Einband, Klebebindung, 832 Seiten.
Aus dem Amerikanisch-englischen von Barbara Steckhan.
NR 165228

Jimmy Breslin schrieb einmal über Damon Runyon: »Er machte, was alle gute Journalisten machen - er hing herum.» Aber für Homicide, seinen Bericht über ein Jahr im Leben des Morddezernats von Baltimore, hing David Simon nicht nur herum: Er schlug dort sein Zelte auf. Als Reporter und Drehbuchautor ist Simon fest davon überzeugt, dass Gott ein erstklassiger Schriftsteller ist und dabei zu sein, wenn Er sein ganzes Können entfaltet, nicht nur erlaubt, sondern ehrenwert und unabdingbar ist im Kampf für das Gute. Simon ist ein begnadeter Faktensammler und Analytiker, aber er ist auch ein Junkie. Seine Sucht: Zeugnis ablegen.

Ich weiß, wovon ich rede - ich kenne das aus eigener Erfahrung. Die Sucht zeigt sich etwa so: Was wir auch draußen auf der Straße sehen - bei der Polizei, bei den Dealern, bei den Menschen, deren Leben ein Minenfeld ist, auf dem sie sich und ihre Familien jeden Tag aufs Neue durchzubringen versuchen -, es verstärkt bloß unseren Wunsch, noch mehr zu sehen, endlos herumzuhängen bei allen, die uns um sich dulden, und eine Art urbaner Urwahrheit aufzudecken. Unser Abendgebet lautet: Mein Gott, bitte lass mich nur noch einen Tag, noch eine Nacht etwas sehen, etwas hören, das sich als Schlüssel, als goldene Metapher für all das erweist, so wie jeder fertige Zocker weiß, dass beim nächsten Wurf seine Zahlen kommen. Die Wahrheit ist gleich um die Ecke zu finden, im nächsten achtlos hingeworfenen Satz, in der nächsten Funkmeldung, in der nächsten Übergabe eines Drogenpakets, bei der nächsten Absperrung eines Tatorts, während die Bestie Baltimore, oder New York, oder jede andere Stadt in Amerika gleich einer Sphinx, deren Rätsel niemand zu lösen vermag, unermüdlich eine umnachtete Seele nach der anderen verschlingt.

Vielleicht sind wir beide aber auch einfach nur auf besondere Weise unfähig, eine Deadline einzuhalten …

Ich lernte Simon am 29. April 1992 in New York kennen, am dem Abend, an dem in Los Angeles wegen des Freispruchs der Polizisten im Fall Rodney King Unruhen ausbrachen. Wir hatten beide soeben gewichtige Werke veröffentlicht: Simon das, welches Sie gerade in Händen halten, ich meinen Roman Clackers. Unser gemeinsamer Lektor John Sterling hatte uns zusammengebracht. Es war ein geradezu komischer Augenblick: »David, das ist Richard; Richard, David. Ihr solltet Freunde werden - ihr habt so viel gemeinsam. « Natürlich fuhren wir so schnell wie möglich über den Hudson nach Jersey City, wo an jenem Abend die Stimmung kochte. Dort empfing uns Larry Mullane, ein Detective des Morddezernats von Hudson County und mein genialer Vergil, der mich in den vergangenen drei Jahren meines Schriftstellerlebens durch das Reich der Schatten geführt hatte. Davids Vater war in Jersey City aufgewachsen, und die Wege der Familien Mullane und Simon hatten sich im Lauf der Generationen sicher gekreuzt. Die Unruhen selbst erwiesen sich als schwer fassbar, irgendwie nah, aber zugleich untergründig, und ich erinnere mich vor allem an Simons zwanghaftes Bedürfnis, dabei zu sein, und das war für mich, als wäre ich meinem lange vermissten Zwillingsbruder begegnet.

Das zweite Mal trafen wir uns ein paar Jahre später, nach dem schrecklichen Mord, den Susan Smith in South Carolina an ihren Kindern verübt hatte. Ich befand mich in Vorarbeit für meinen Roman Das Gesicht der Wahrheit auf einer Art Forschungsreise zum Medeasyndrom. In Baltimore hatte es eine ähnliche Tragödie gegeben: Die weiße Mutter zweier Mädchen, deren Vater ein Schwarzer war, hatte ihr Haus angezündet, während ihre Töchter schliefen. Angeblich war ihr Motiv, jedes Hindernis zu beseitigen, das ihrer neuen großen Liebe im Weg stand. Ihr Freund war, wie sie sagte, wenig begeistert von ihren beiden Kindern (was er später bestritt).

Damals hängte sich David ans Telefon und schleppte mich zu allen irgendwie Beteiligten, die zu einem Interview bereit waren: Zu den Detectives, die die Frau verhaftet hatten, zum Freund der Mutter, zu der Großmutter, die gleich einen dreifachen Verlust erlitten hatte, zu dem arabischen Besitzer des Ladens, in den die Mutter geeilt war, vorgeblich, um den Notruf zu wählen. (Erst einmal, so der Ladenbesitzer, rief sie ihre Mutter an.) Aus journalistischer Sicht hatte die Geschichte ihr Haltbarkeitsdatum bereits überschritten, aber Simon war fest entschlossen, die Story für mich an Land zu ziehen, sodass er sofort wieder in den Arbeitsmodus umschaltete. Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich geistig und körperlich mit einem echten Straßenreporter mithalten. Neben zahlreichen Interviews gehörte dazu auch der allerdings erfolglose Versuch, unter allerlei Vorwänden und Lügen an dem Uniformierten vorbeizukommen, der immer noch den Tatort bewachte. Schließlich umgingen wir den Arm des Gesetzes durch ein Ausweichmanöver. Wir schlichen uns auf die Rückseite, kletterten über Zäune und befanden uns schließlich in dem rußgeschwärzten Haus. Blieb nur noch, die Treppe hinaufzusteigen, um in das kleine Zimmer zu gelangen, in dem die beiden Mädchen am Rauch erstickt waren. Es war, als stünden wir im lichtdurchlässigen Gerippe eines Tigers. Wohin wir auch blickten - die Wände, die Decken, die Böden -, überall nur die Rußstreifen, die die Flammen hinterlassen hatten. Ein niederschmetternder Anblick, ein kleines Stück der Hölle.

Doch kehren wir zurück zu jenem ersten Abend in Jersey City. Irgendwann kam das Gerücht auf, die Aufrührer spannten Klavierdrähte über die Straßen, um die Cops, die mit Motorrädern unterwegs waren, zu enthaupten, worauf sich Larry Mullane, der selbst einmal Motorradstreife gefahren war, augenblicklich von uns verabschiedete. So befanden wir uns plötzlich allein in einem zivilen Polizeifahrzeug (eigentlich ein Widerspruch in sich, nicht wahr?), ich hinter dem Steuer und Simon auf dem Beifahrersitz. Mullane hatte uns geraten: »Bleibt in Bewegung. Und wenn euch jemand zu nahe kommt, seht ihn einfach wütend an und gebt Vollgas. « Und genau das taten wir, was mich auf eine Frage bringt, die mich immer gequält hat: Sind Autoren wie wir, die wie besessen sind von dem Wunsch, in Tatsachenberichten oder fiktionalen Texten die Einzelheiten des Lebens in den urbanen Schützengräben Amerikas festzuhalten, wir, die, um sehen zu können, was wir sehen müssen, zu einem Großteil vom Edelmut der Cops abhängen, sind wir (ach du Scheiße ...) etwa Polizeifans?

Inzwischen glaube ich: nicht mehr, als wir Fans der Verbrecher und der braven Bürger sind. Aber wer immer uns diesseits und jenseits des Gesetzes Einblick in seine Welt gewährt, für den bringen wir mit Sicherheit Empathie auf - wir werden im Grunde zu »eingebetteten Journalisten « . Das ist nicht so schlimm, wie es vielleicht klingt, solange unser Dankeschön in etwa so lautet: Als Chronist erweise ich Ihnen meinen Respekt durch einen getreuen Bericht über das, was ich als Gast im Haus Ihres Lebens gesehen und gehört habe. Wie sie dabei wegkommen? Jeder schaufelt sich sein eigenes Grab oder errichtet sich ein Denkmal, indem er das ist, was er eben ist. Ich wünsche Ihnen also Glück und danke Ihnen für die mir geschenkte Zeit.

Simon beschreibt in größter Gründlichkeit und Klarheit, wie unmöglich der Job in einer Mordkommission eigentlich ist. Der Polizist, der da draußen in einem Mord ermittelt, muss nicht nur mit der Leiche fertig werden, die vor ihm liegt, sondern schleppt als zusätzliche Last auch eine ausufernde Hierarchie von Vorgesetzten mit sich herum - er trägt das ganze Gewicht einer bürokratischen Selbsterhaltungsmaschinerie. Trotz aller Fortschritte in der Kriminaltechnik, die durch Serien wie CSI: Den Tätern auf der Spur inzwischen einem breiten Publikum bekannt geworden sind, scheint für die Ermittler auf den Straßen bisweilen die einzige zuverlässige Wissenschaft die Mechanik des Karrierismus zu sein. Und die stellt schlicht und einfach fest, dass immer die am unteren Ende der Befehlskette es ausbaden müssen, wenn ein Mord Schlagzeilen macht oder einen politischen Nerv trifft. Die besten Ermittler - die, die am häufigsten unter großem, wenn auch überflüssigem Druck die roten - ungelösten - Fälle in schwarze verwandeln - reagieren mit einem Hauch Weltschmerz und zeigen zugleich einen wohlverdienten elitären Stolz.

Homicide ist eine Art Tagebuch des Verbrechens, in dem sich Profanes mit Biblischem mischt, und auf jeder Seite ist Simons tiefes Bedürfnis, ja seine Gier spürbar, alles in sich aufzunehmen, zu verarbeiten, dabei zu sein und das, was sich vor seinen Augen auftut, der Welt auf der anderen Seite mitzuteilen. Man spürt die Liebe, die er für alles empfindet, dessen Zeuge er ist, den unbedingten Glauben an die Schönheit, die darin besteht, dass alles, was er erlebt, »die Wahrheit« einer Welt ist: So ist es, so läuft das, das und das sagen die Leute hier, so handeln sie, so führen sie sich auf, so grenzen sie sich ab, so rechtfertigen sie sich, da und da kommen sie schlecht weg, so wachsen sie über sich hinaus, überleben, gehen unter. (…)

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