Büchergilde Leseprobe

Helden der Kindheit

Kai Splittgerber (Herausgeber, Vorwort); Andrea Baron (Herausgeber, Vorwort); Rüdiger Quass von Deyen (Gestalter, Nachwort); Felix Scheinberger (Nachwort); Studierende des FB Design der FH Münster (Illustrator)

Papierformat: 16 x 23 cm, fester Einband, 320 Seiten.
NR 166429

Darth Vader
von David Wagner

Vor ihm war nur der Räuber Hotzenplotz, dann kam schon Darth Vader. Im Kino unserer Kleinstadt sah ich ihn zum ersten Mal, sah zum ersten Mal seinen glänzenden Helm, die schwarze Maske und den ebenso schwarzen Umhang. Und hörte zum ersten Mal seinen unglaublichen Atem. (Ähnliche Atemgeräusche kannte ich von meinem Vater. Er schnarchte, wenn er schlief, und das nicht zu leise – kommandierte aber leider keinen Sternenzerstörer.) 

Mein Vater ging mit mir ins Kino, das Kino hieß Cinema am Markt. Dass Cinema bloß ein englisches Wort für Kino war, wusste ich noch nicht, ich sagte Cineeema, Betonung auf der zweiten Silbe, bis meine Schwester, leider nicht meine Zwillingsschwester, meine Aussprache korrigierte. Drei Kinos gab es in der Stadt, das besagte Cinema am Markt (später ein Supermarkt, dann, eine Zeitlang das Ausweichquartier der Stadtbücherei während deren eigentliche Räume umgebaut wurden), das Capitol (wurde zu einem Damen-Oberbekleidungsgeschäft, schade) und das Apollo-Theater mit einem schönen Fünfziger-Jahre-Schriftzug aus mildweißen Leuchtstoffröhren über dem Eingang (was aus dem Apollo wurde weiß ich nicht mehr). Heute gibt es kein einziges Kino mehr in dieser Stadt.

„No, I am your father“, sagt Darth Vader in The Empire strikes back. Das war der Satz, über den ich am meisten staunte. Konnte es wirklich sein, dass dieser überböse schwarze Ritter der Vater der Lichtgestalt Skywalker war? Und die Prinzessin, war sie wirklich die Schwester, die Zwillingsschwester des Bauernjungen von Tatooine? Familienüberraschungen. Ich begann mich, auch wenn ich das Wort damals nicht kannte, für Genealogie zu interessieren.

Den Satz, den ich heute auf Englisch im Ohr habe, muss ich damals, 1980, jedoch auf Deutsch gehört haben, ich sah ja die deutsche Synchronfassung. Auf Deutsch hieß der Film Das Imperium schlägt zurück und war schon der zweite Film einer Serie – verwirrenderweise wurde er jedoch als Teil V bezeichnet. Seltsam. Seltsam war auch der deutsche Verleihtitel Krieg der Sterne. Kämpfen da tatsächlich Sterne gegeneinander? Wie sollte das denn funktionieren? Wie kämpfen Sterne? Mit Schwertern? Sternenkriege hätte es heißen müssen – aber das fiel mir erst viel später auf.

Eine andere Frage, die mich beschäftigte: Der dunkle Lord von der dunklen Seite der Macht, war er eigentlich ein Mensch? Oder doch eine Maschine? Ein Cyborg? Darth Vader zeigt ja, bis auf die Schlussszene im letzten Teil der Saga, als sein Sohn ihm den Helm abnimmt, kein Gesicht und nie eine Regung. Nur diese irre Stimme, der tiefe, bedrohliche Bass.

Zweieinhalb Jahrzehnte später erst wurde Darth Vaders Vorgeschichte nachgeliefert. In Star Wars Episode III: Revenge of the Sith (2005) wird erzählt, wie Anakin zu Vader wird. Von seinem väterlichen Freund und Lehrmeister Obi-Wan Kenobi im Kampf besiegt und verstümmelt rutscht Anakin Skywalker in einen Strom rotglühender Lava. Sein beinloser Rumpf beginnt zu brennen. Nur Dank seiner mechanischen Handprothese kann er sich halten – und wird vom überraschend eintreffenden Imperator gerettet. Roboterchirurgen operieren den Restkörper, verbessern und ergänzen ihn, passen ihm Superprothesen an und setzen ihm zuletzt den schwarzen Helm auf, Sichtgerät und Atemmaske zugleich – das Visier, das aus ihm Darth Vader macht.

In den letzten Jahren habe ich die Filme, alle sechs Teile, sehr oft gesehen. Das Kind, die Tochter will sie immer wieder sehen, kennt sie fast auswendig. Wir schauen die raubkopierten DVDs, die meine Schwester vor Jahren aus China mitgebracht hat. Und ich schaue immer mit, jetzt bin ich der Vater.

Einige Star-Wars-Figuren – Luke, Leia Organa, Obi-Wan und Darth Vader – liegen immer auf dem Tisch in der Küche. Die Figuren lassen sich auseinanderbauen und neu kombinieren, Prinzessin Leias Kopf sitzt oft auf Lukes Körper, Vaders Helm auf dem seiner Tochter.

Tochter und ich haben schon Sternenzerstörer aus leeren Medikamentenpackungen und abgeschnittenen Toilettenpapierrollen zusammengeklebt, wir haben die Stadt in den Wolken aus Küchenpapierrollen gebaut und versucht, eine funktionierende Geher-Marionette aus Pappe zu konstruieren, die Gelenke der Beine bestehen aus Nähgarn. Die angeklebten roten Papierstreifen sollen Laserstrahlen sein.

 

Schlupp und der grüne Kapitalismus
von Jan Drees 

"Der Planet Baldasiebenstrichdrei unterscheidet sich doch sehr von unserer Erde: Erstens ist dort alles viel grüner und zweitens werden alle Arbeiten von kleinen Robotern erledigt, die alle gleich aussehen und alle Schlupp heißen." Mit diesen utopisch klingenden, „alle Wesen“ betonenden Worten beschreibt der Hessische Rundfunk die Ausgangssituation der auf acht Folgen angelegten Verfilmung des Kinderbuchs Schlupp vom grünen Stern

Geschrieben hat dieses Buch Ellis Kaut, die Erfinderin des kleinen Kobolds Pumuckl, der lange vor der Fernsehserie Zwei Münchner in Hamburg (1989-1993) das Prinzip „fish out of water“ in BRD-Verhältnisse übersetzte. Als Uschi Glas und Elmar Wepper zwecks Kulturschock in den hohen Norden gelangten, einigte sich das westdeutsche Fernsehkollektiv noch auf eine Nord-Süd-Grenze. Nachwendefilme und -serien erzählten dagegen von Ost-West-Wanderungen (Berlin, Berlin, Go Trabi Go, Unser Lehrer Doktor Specht, Ein Bayer auf Rügen und Herr Lehmann). 

Zurück zum Schlupp: Baldasiebenstrichdrei und die Erde trennt in der Verfilmung der Augsburger Puppenkiste keine Mauer, sondern das öde, dunkle All. Während auf der fremden Seite längst der paradiesisch grüne Kommunismus herrscht und Maschinen im Marx'schen Sinne die Fronarbeit der Arbeiterklasse übernommen haben, wird insbesondere im bayrischen Teil der Erde mit Hand und Herz geschafft. 

Beide Welten, die katholisch bayrische und die technokratisch kommunistische, wären niemals in Kontakt getreten, hätte nicht ausgerechnet der 31.000.000te Schlupp eine Seele entwickelt und damit Stanley Kubricks/Brian Aldiss‘ A.I. bzw. Supertoys Last All Summer Long 15 Jahre vor der Steven Spielberg-Adaption wahr werden lassen. 

Dieser kleine Schlupp schaut, wie alle seine Kameraden, wie ein Sputnik mit Armen und Beinen aus. Im Herzen ist er verwandt mit dem kleinen Pumuckl, ein Scherz(ko)bold, der hellwach mit seinen Augen blitzen kann, der programmiert ist, wie später Pixars WALL.E Dinge zu stapeln, der Unsinn im runden Köpfchen hat. Sein immer wieder gern gesungenes Lied in kompletter Länge:

quatsch lie rums botschamschieletzloff lupps dat schwimms katschrummadatsch. girrrksel esch. krummknarrotschseppsoff. durrpssawiedel oma quatsch iesch rumratsch laffsensel bullbog. wimmscheibohrdamsosorbitsch. krammslitromsaltierisulkok. schmarrrn texann dogoldu ditsch

Refrain: wamschidom klammriwamm romudomuedschbeschrom ditschscheiglub semailglub wechzeiwechzeiwadschdub samsiedei didmeisei uchschiewutzen otrabrei ditschwab rrrutschdobb berrrrrgelberrrgelschwamm 

Es ist nie vorgesehen gewesen, dass ein Schlupp (Plural: Schluppe) menschliche Fähigkeiten wie denken, dichten, singen entwickelt, weshalb die Techniker von Baldasiebenstrichdrei beginnen, über die Menschwerdung ihrer Maschine zu diskutieren. Dieses Gespräch wird vom Baldaischen ins Deutsche übersetzt. Dabei rollen die Techniker des grünen Planeten ihr „R“ wie Klischeerussen der James Bond-Serie (es ist ein „R“ das seltsamerweise nicht gehört werden konnte, 2001, bei Wladimir Putins Rede im Deutschen Bundestag. Nur Wladimir Kaminer verfällt, in seiner Rolle als Russe, in diese Sprachmarotte). 

Die kaputte künstliche Intelligenz Schlupp, der 31.000.000te, wird entsorgt, hinausgeschossen ins All. Die verbliebenen Dienstleister des fernen Planeten lassen sogleich ihr Schlupp-Förderband neu anlaufen, um weitere Maschinensklaven zu erschaffen. Alles scheint in bester Ordnung. 

Durch eine fehlerhafte Abschusseinstellung landet der denkende Schlupp nicht auf dem Müllplaneten, sondern auf „Terra 1“, uns besser bekannt als DIE ERDE. Er landet, ebenso wie sein Geistesverwandter Pumuckl, in Bayern, in einem beschaulichen Nest, in dem der Kapitalismus ein vorindustrielles Antlitz hat. Es gibt keine Fabriken, keine Supermärkte, keine Entfremdung. Die Menschen arbeiten in grundständischen Berufen, verdienen ihren Unterhalt als Schreiner, Schlosser, Bauern. Die Holzhacker ziehen wie eine fröhliche Arbeitsbrigade mit einem Lied auf den Lippen in den Wald: „Auf, auf, auf. Auf geht‘s, auf geht‘s auf geht‘s. Jetzt geht‘s auf: Der Franz, ja der sägt. Der Hans, ja der schlägt. Der Siggi, der drückt. Das Bäumchen, das Bäumchen, das liegt.“ - Im Kapitalismus tragen die Arbeitskräfte Eigennamen.

Schlupp, ein reiner Tor wie Parzival, wird nun acht Folgen lang die bayrische Gemütlichkeit kennenlernen. Er freundet sich an mit dem jungen „Schraubentüftler“ Beni, der ein Herz für Maschinen hat und der Schlupp fortan wie sein Patenkind beschützt, vor den blinden Erwachsenen, die den Roboter als Staubsauger, Milchkanne oder Scherzartikel identifizieren, anstatt in ihm das zu sehen, was er ist: Ein kleines, hilfsbereites Lebewesen, das sich strikt an die Robotergesetze von Isaac Asimov hält. Also keinem Menschen Schaden zufügt oder widerspricht, zugleich aber frei ist in seinen Entscheidungen, solange diese nicht in Konflikt zu den ersten beiden Gesetzen steht, dem Menschen nicht zu schaden und seinen Befehlen zu gehorchen.

Doch Schlupp gerät immer wieder in Gefahr: Weil ihn Menschen sabotieren, für ihre Zwecke einspannen wollen - und weil die „Computerköpfe“ auf Baldasiebenstrichdrei irgendwann feststellen, dass ihr anthropomorphisierter Roboter keineswegs vernichtet, sondern in bester Laune am Leben ist. Deshalb schicken sie Abgesandte auf Terra 1, um dem kleinen Kerl den Garaus zu machen...

Ellis Kaut hat diese Kindergeschichte entworfen. Wie sie das gemacht hat, ist wenig bekannt. In ihrer Autobiografie Nur ich sag ich zu mir (LangenMüller, 2009) geht es dem Untertitel entsprechend um mein Leben mit und ohne Pumuckl, als Schauspielerin, Fotografin, Schriftstellerin. Der Schlupp kommt nur am äußersten Rande vor.

Doch so viel kann gesagt werden: Ellis Kauts Erzählung einer Maschine, die ebenso wie Windows 7, das neue iphone-Betriebsprogramm, der Euro-Rettungsschirm oder Börsenalgorithmen nicht das macht, wofür sie vorgesehen ist, berührt selbst 25 Jahre später, blindlinks, nicht nur aufgrund des Kindchenschemas, nach dem der kleine Schlupp konstruiert wurde. 

Mit dem Schlupp als Fernsehereignis verbunden sind Adventssonntage in den Jahren 1986 und 1987. Doch wovon diese Geschichte erzählt, bleibt anrührend und wahrhaftig. Selbst mein siebenjähriger Sohn hat gelacht, als ich ihm die erste Staffel vorspielte. „Das ist alles so echt“, sagte er mir, „nur die Fäden stören“. 

Dass diese Fäden seine und meine Erinnerung irgendwann verbinden werden, erfährt er spätestens dann, wenn er seinen eigenen Kindern diese Maschinenfabel zeigt, die als Kunstmärchen vielleicht noch in jenen Zeiten tradiert wird, wenn nicht nur der Kommunismus, sondern auch der Kapitalismus überwunden ist.

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